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Sport
06/02/2019

Revolutionäres Duo: Giro-Star aus Ecuador hat eine Trainerin

Der 26-jährige Richard Carapaz gewann als erster Sportler aus Ecuador am Sonntag den Giro d'Italia.

von Günther Pavlovics

Gestern radelte der Südamerikaner im Zeitfahren zum Triumpf, hinter dem eine Frau steht – seine Trainerin. Denn sein spanischer Rennstall Movistar ist der einzige in der Elite-Serie WorldTour, der ein Frau als Cheftrainerin für einige seiner Fahrer hat. Das ist eine Revolution im traditionell männlich organisierten Profiradsport.

Für Carapaz ist das nichts Besonderes. „Ich habe mich nie gefragt, warum ich von einer Frau trainiert werde. Iosune war immer da, seit ich vor drei Jahren nach Europa kam“, sagte er. Damals, als er von Movistar zu Lizarte geholt worden war, zum Farmteam. Obwohl Carapaz schnell den Sprung nach oben geschafft hat, wurde Murillo erst mit Anfang dieser Saison in den Betreuerstab des WorldTour-Teams aufgenommen.

Zweifache Mutter

Iosune heißt mit Familiennamen Murillo und stammt aus dem Baskenland. Die 39-Jährige wohnt mit ihrem Mann und den beiden Söhnen, vier und acht Jahre alt, in Barañáin, einem Ort bei Pamplona. Ihr Mann ist Juanjo Oroz, ein ehemaliger Radprofi, der Teammanager des Farmteams Lizarte. In der baskischen Traditionsstadt lebt auch Carapaz während der Saison, wenn er nicht gerade Rennen oder Rundfahrten bestreitet.

Murillo ist beim Giro nicht dabei. Sie sitzt daheim in Pamplona, analysiert die Daten und telefoniert nach den Etappen mit ihren Schützlingen, um deren persönliche Einschätzung zu hären. „Ich analysiere, kalkuliere und sage ihnen dann, dass sie immer an sich selbst glauben sollen“, erklärte Murillo in der spanischen Tageszeitung El Pais.

Carapaz jedenfalls kann sich keinen anderen Trainer oder Trainerin vorstellen. „Sie ist ein Mensch des Dialogs, kann zuhören und trifft erst danach Entscheidungen“, beschreibt er die Zusammenarbeit mit der Wissenschafterin. Murillo fuhr Radrennen während ihres Sportstudiums, bei dem sie sich auf Radsporttraining spezialisierte.

Keine Schwächen

Carapaz hat sich zu einem großartigen Rennfahrer entwickelt. Carapaz erkannte, dass Mikael Landa, der Kapitän seiner Mannschaft, schwere Beine hatte und nutzte die Gunst der Stunden, um die Führung zu übernehmen. Von da an war er der Chef beim Giro. „Richard ist ein Fahrer ohne Schwächen. Er ist enorm stark in den Bergen. Er kann sich im Zeitfahren verteidigen. Und er ist willensstark“, sagte Movistar-Teamchef Eusebio Unzue.

Richard Carapaz ist längst dem klapprigen BMX-Rad entwachsen, mit dem er daheim herumgefahren ist und das erst dieser Tage von seiner Schwester mit zum Giro gebracht wurde. Mit 14 Jahren musste er schon auf dem Bauernhof seiner Eltern arbeiten. „Meine Mutter war damals an Brustkrebs erkrankt. Gemeinsam mit meinem Großvater habe ich mich um den Hof gekümmert. Um vier, fünf Uhr in der Früh bin ich aufgestanden und habe die Kühe gemolken. Dann bin ich zur Schule gegangen, danach habe ich trainiert“, berichtete Carapaz. Er wird „Lokomotive von Carchi“ genannt, nach jener Provinz nahe der kolumbianischen Grenze, aus der er kommt. Dort liegt sein Heimatort La Playa nahe der Stadt Tulcan, auf fast 3.000 Meter Seehöhe, wo seine Eltern und seine beiden Schwestern noch immer wohnen.