Sport
30.06.2017

Bernhard Eisel: "Die Tour ist unübertroffen"

Vor seiner zwölften Tour de France spricht der Routinier über die Faszination des größten Rennens der Welt, die Aufgaben eines Helfers und über Doping.

Elf Mal ist Bernhard Eisel in die Tour de France gestartet, elf Mal hat er auch das Ziel gesehen. Am Samstag startet der 36-jährige Steirer, der in Klagenfurt wohnt, zum zwölften Mal beim wichtigsten Radsport-Ereignis der Welt. Die fixe Zusage seines Teams Dimension Data wird für Montag erwartet.

KURIER: Weshalb ist die Tour das Größte im Radsport?

Bernhard Eisel:Die Tour de France ist vom Prestige her unübertroffen. Für mich ist sie das größte Sportereignis überhaupt. Die Logistik drumherum ist unfassbar. Bei einer Fußball-WM haben sie acht Jahre Zeit, um alles vorzubereiten, Stadien zu bauen und Verkehrskonzepte zu erstellen. Bei der Tour müssen jeden Tag Start und Ziel aufgebaut und 4500 Autos bewegt werden, Hunderttausende Fans stehen an der Strecke. Das Team, das das organisiert, ist fantastisch.

Sie starten in Ihre zwölfte Tour de France. Der Rekord liegt bei 17 Teilnahmen ...

Keine Chance. Den Rekord kann George Hincapie aus den USA gerne behalten.

Mit welchen Gefühlen geht man in so ein Mammut-Rennen? Freut man sich, oder hat man Angst vor der Tour der Leiden?

Das Leiden ist immer gleich. Egal, ob man an der Spitze fährt oder hinten. Ich freue mich jedes Jahr auf die Tour. Es ist eine Ehre, dabei zu sein. Man ist voller Euphorie, da hat man dann keine Angst. Und ich freue mich sehr auf die erste Etappe. Der Grand Départ ist heuer in Düsseldorf mit einem Einzelzeitfahren.

Man bezeichnet Sie als Road Captain. Was ist da Ihre Aufgabe im Team?

Ich soll meine Erfahrung ausspielen, und ich bin die Schnittstelle zwischen sportlichem Leiter und dem Team. Nicht nur im Rennen, sondern auch abseits davon, vielleicht im Bus. Unser Team umfasst mit Betreuern 30 Leute, ich schaue drauf, dass da die Stimmung passt. Manchmal muss ich auch im Rennen rasch Entscheidungen treffen. Fahren wir einer Gruppe nach, oder fahren wir nicht nach? Ich sollte die Ergebnisliste also relativ gut im Kopf haben.

Sie haben im Mannschaftssport Radfahren Ihre Rolle als Domestik gefunden. Will man nicht selbst als Erster über die Ziellinie fahren?

Manchmal wünscht man sich das schon. Aber ich muss ehrlich sein: Ich habe eine Zeit gehabt, wo ich selber der Sprinter war, da habe ich noch ein, zwei Siege im Jahr gefeiert. Aber ich bin älter geworden, es ist der Weg des geringsten Widerstandes geworden. Aber warten wir ab: Sollte Mark Cavendish (der Sprinter im Team; Anm.) die Tour nicht fahren können ... vielleicht probiere ich etwas.

Radfahren ist für Sie ein normaler Job, mit dem man sein Geld verdient?

Ja. Eigentlich bekomme ich Geld dafür bezahlt, dass ich von A nach B fahre. Und alle zehn Tage bekomme ich einen Ruhetag. Falls Cavendish nicht dabei sein sollte, fahre ich sogar planlos von A nach B. Wenn man aber eine Rolle und eine Aufgabe hat, macht das richtig Spaß.

Wie viel verdienen Sie?

Es geht. Ich bin lange genug dabei, ich werde gut bezahlt. Wenn ich nach meiner Karriere meinen Lebensstandard halten will, werde ich aber weiterarbeiten müssen. Ich werde voraussichtlich im Radsport noch etwas machen.

Wie lange wollen Sie denn noch in die Pedale treten?

2019 ist mein Ziel. 2020 wären noch die Olympischen Spiele in Tokio, das würde mich auch reizen. Vom Körper her wäre das kein Problem, aber irgendwann muss man auch mental den Absprung schaffen.

Was zeichnet einen Tour-de-France-Sieger aus?

Er muss alles können, und das 21 Tage lang. Eigentlich ist das eine kranke Sportart. All die Fahrbahnteiler, Verkehrsinseln, Blumenkübel, der Regen, rutschige Straßen, Abfahrten ohne Absperrungen ... das Ganze immer am Limit, und am Ende entscheiden drei Minuten. Man darf sich in den drei Wochen keinen Fehler erlauben. Weder das Team, noch der Fahrer. Was einen Sieger ausmacht, ist aber auch der Hunger, der einen antreibt. Man muss ein ganzes Jahr nur auf dieses Rennen fokussiert sein.

Was sagen neue Bekanntschaften zu Ihrem Beruf "Radprofi"?

Jetzt geht es. Vor zehn Jahren war das anders. Ich wurde gefragt: "Was machst du?" "Rad fahren." "Aha, schön. Und beruflich?" Ja, vom Radfahren kann man leben. Und die nächste Frage war definitiv: "Kennst du Lance Armstrong?"

Apropos Armstrong: Sie sind die Tour de France schon 2004 und 2005 gefahren. Damals noch mit Armstrong und Jan Ullrich. Wenn man sich die Ergebnisliste des Rennens 2005 anschaut, findet man unter den Top Ten acht Fahrer, die mit Doping in Verbindung gebracht wurden. Was haben Sie damals mitbekommen?

Ich glaube ja, dass es die Generation, die heute vorne mitfährt, ohne Armstrong und Ullrich nicht gegeben hätte. Dieses Duell hat den Boom ausgelöst. Das waren auch meine Idole – und die sind mir damals einfach davongefahren. Ich bin abgehängt worden. Vermutet haben wir schon, dass da etwas nicht stimmt. Aber wie groß und flächendeckend das System in gewissen Teams war, das haben wir nicht gewusst.

Die 104. Frankreich-Rundfahrt: Grand Départ ist am 1. Juli mit einem Zeitfahren in Düsseldorf. Höhepunkte sind die Fahrt über den Col du Galibier und eine Bergankunft auf dem Izoard. Am 23. Juli erreichen die Fahrer nach 3540 Kilometern die Champs-Élysées in Paris.

Die Österreicher: Bernhard Eisel (36) wird für Dimension Data (RSA) in seine zwölfte Tour starten. Michael Gogl (23) gibt sein Debüt als Helfer von Mitfavorit Alberto Contador bei Trek (USA). Marco Haller (26) fährt seine dritte Tour de France für Katjusha (SUI). Matthias Brändle kam nicht zum Zug.