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Interview
08/02/2020

Österreichs erste Fußball-Teamchefin: "Mir sagte man, schneid’ dir die Haare ab"

Eine Frau als Fußball-Teamchefin. Irene Fuhrmann wurde zur ersten Frauen-Nationalteam-Trainerin ernannt. Ein Gespräch über ihren gelassenen Zugang zu Sexismus, Gendern und Gehaltsunterschiede

von Ida Metzger

Wie so häufig, wenn Frauen Verantwortung übernehmen sollen, sind sie nicht sofort Feuer und Flamme, sondern überlegen kurz. Das war so bei Birgit Bierlein als sie den Job als Bundeskanzlerin angeboten bekam und auch Irene Fuhrmann, sagte der ÖFB-Führung nicht sofort zu, als sie gefragt wurde, ob sie als erste Frau das Frauen-Nationalteam coachen will.

KURIER: Frau Fuhrmann, als Sie die Leidenschaft für den Fußball entdeckt haben, war der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt, dass es Frauen-Fußball gibt. Vorbilder gab es also keine. Wo kam die Faszination her?

Irene Fuhrmann: Die kam durch meinen Bruder. Das Spiel an sich hat mich fasziniert, außerdem war ich ein eher schüchternes Kind. Das Fußballspielen im Käfig mit den Freunden meines um fünf Jahre älteren Bruders hat mir geholfen, Selbstvertrauen aufzubauen. Und ich lernte mich durchzusetzen.

Warum sollte sich ein Mädchen für Fußball statt für Ballett entscheiden?

Man lernt sehr schnell Teamspirit kennen und wie man sich in einer Gruppe durch Leistung durchsetzt. Wenn man Leistung bringt, dann bist du unter den Burschen anerkannt. Das ist in meinem Fall gelungen. Mein Ballgefühl und die Technik waren meine herausragende Stärke.

In fast keinem Sport sind die Unterschiede in der öffentlichen Wahrnehmung und beim Gehalt so groß wie im Fußball. Ärgert Sie das?

Irene Fuhrmann
Die 39-jährige Wienerin wurde am Montag in Wien als Nachfolgerin des zum Männer-Bundesligisten LASK abgewanderten Langzeit-Trainers Dominik Thalhammer präsentiert  

Käfig-Kickerin
Fuhrmann erwarb 2017 als erste Frau in Österreich das UEFA-Pro-Diplom, die höchste Trainerausbildung im Fußball. Im selben Jahr wurde sie Assistenz-Trainerin des Frauen-Nationalteams. Ihre Leidenschaft  zum Fußball entdeckte sie beim Käfig-Kicken in Wien.

Ihre professionelle Fußball-Karriere startet sie erst mit 19 Jahren beim USC Landhaus. Im Nationalteam hatte sie  22 Länderspiele- Einsätze und drei Tore erzielt 

 

Natürlich soll eine Frau für ihre Arbeit das gleiche Gehalt bekommen wie ein Mann. Aber gerade im Fußball sind die großen Unterschiede zu erklären. Bei den Männern gibt ein viel größeres Zuschauerinteresse und die Sponsorengelder sind um ein zigfaches höher. In Deutschland, wo Frauenfußball schon einen sehr hohen Stellenwert hat, gibt es im Durchschnitt bis zu 1.000 Zuschauer pro Liga-Spiel. In Österreich sind es 120 Zuschauer pro Liga-Match. Angesichts dieser Zahlen lässt sich keine Marketingmaschinerie wie beim Männerfußball aufziehen. Diese Diskrepanz gibt es auch im Skifahren oder im Tennis.

Bei Tennis und Skifahren ist die sogenannte Pay-Gap bei Weitem nicht so groß. Serena Williams oder eine Anna Veith sind Großverdienerinnen. Selbst die FIFA zahlt für einen Frauen-WM-Titel nur 3,5 Millionen Euro an das Titelträgerland als Prämie aus. Bei den Männern sind es 32 Millionen ...

Die Geschichte des Frauenfußball ist viel jünger als jene des Männerfußballs. Ich glaube, dass der Frauenfußball am richtigen Weg ist, aber bis hier eine Annäherung gibt, wird es noch Jahrzehnte dauern. So ehrlich muss man sein. Aber auch bei den weltweit bekanntesten Fußballklubs gibt es angesichts der Corona-Krise derzeit eine Debatte, ob die Gagen in den vergangenen Jahrzehnten nicht zu extrem gewachsen sind. Möglicherweise gibt es hier ohnehin bald eine Korrektur nach unten.

Kann man als Frau von Fußball schon leben?

In den besseren Ligen geht es schon. Aber ich weiß von unseren Nationalspielerinnen, dass alle nebenbei einer Ausbildung oder einem Job nachgehen. Nicole Billa (Stürmerin, Anm.) arbeitet als Kindergartenpädagogin. Aber Tatsache ist auch, dass man nach der Fußballkarriere nicht ausgesorgt hat, sodass man sich immer ein zweites Standbein sichern muss während der aktiven Zeit. Eine Karriere einer Fußballerin ist auch kürzer als jene der Männer, weil die Familienplanung eine Rolle spielt.

Sexismus im Frauenfußball ist, wenn man den Schilderungen der deutschen Nationalspielerinnen glauben darf, ein allgegenwärtiges Problem. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich habe hier nie negative Erfahrungen gemacht. In den Gruppen, in denen ich mich bewegt habe, habe ich immer Anerkennung erfahren. Als ich in der Schule das Freifach Fußball besucht habe, gab es keine Schülerliga für Mädchenteams, und Mädchen durften auch nicht mit den Burschen in einer Mannschaft spielen. Da sagten sie zu mir: „Schneid’ dir deine Haare ab und setzt dir ein Kapperl auf“. Damit ich quasi als Bursche durchgehe und mitspielen kann in der Liga. Ich habe immer trotzig geantwortet: „Meine Haare schneide ich sicher nicht ab“. (Lacht).

Sie haben am Fußballplatz nie einen sexistischen Kommentar gehört wie etwa, dass Frauenfußballerinnen „Mannweiber“ seien. Und Ihnen wurde auch nie die Frage gestellt, ob Fußballerinnen auch einen Trikottausch machen? Das kann man fast nicht glauben ...

Das ist das Klischee des proletoiden Fußballfans. Dass solche sexistischen Äußerungen am Stammtisch Thema sein können, davor brauchen wir uns nicht verschließen. Aber jene Zuschauer, die zu einem Frauenfußballmatch kommen, haben diese Ansichten nicht. Das ist auch ein ganz anderes Publikum. Wir haben viele Familien, die zu unseren Matches kommen.

Sie haben 2011 in einem Interview gesagt, sollte dem Frauennationalteam ein internationaler Erfolg gelingen, wird es eine Initialzündung geben. Den gab es bei der EM 2017. Traditionsklubs wie Rapid haben immer noch keine Frauenmannschaft. Warum nicht?

Der unmittelbare Hype ist natürlich abgeebbt. Aber Akzeptanz und Wertschätzung gegenüber dem Frauenfußball sind auf jeden Fall hoch. Der ÖFB hat diesen Erfolg genützt, um den Frauenfußball in Österreich voranzubringen. Für die Liga konnte ein Sponsor gewonnen werden. Das gab es davor nicht. Auch der Cup hat einen Sponsor bekommen. Es wäre schön, wenn Rapid Wien, Red Bull Salzburg oder der LASK auch auf diesen Zug aufspringen und ein Frauenteam gründen. Sturm Graz, Wacker Innsbruck und die Austria Wien haben es schon gemacht.

Sprechen Sie als Nationaltrainerin von der Mannschaft oder lieber vom Team?

Mir persönlich ist das strikte Gendern nicht wichtig. Ich spreche auch vom Hintermann und nicht von der Hinterfrau, wenn Druck von einer Gegnerin kommt.

Soll man Männer- und Frauenfußball überhaupt vergleichen?

Das sollte man auf keinen Fall. Der Männerfußball wird immer schneller und athletischer sein. Wir spielen nach denselben Regeln nur in einer anderen Geschwindigkeit. Aber es gibt viele, die Frauenfußball bevorzugen, weil sie sagen, da wird nicht so viel lamentiert und die Spielzüge sind ansehnlich.

Würden Sie auch eine Männermannschaft trainieren?

Solange ich im professionellen Bereich im Frauenfußball arbeiten kann, möchte ich das tun. Es ist mir eine Herzensangelegenheit. Trotzdem sage ich: Sag niemals nie. Es wäre möglich und auch denkbar. Aber jetzt fließt meine ganze Energie in meine neue Funktion als Teamchefin.