Abschied: Bei Olympia 2006 in Turin siegte Aamodt im Super-G vor Hermann Maier und Ambrosi Hoffmann (SUI).

© APA/EPA/Antonio Bat

Kjetil André Aamodt
02/06/2015

Aamodt: "Ich war wirklich ein Sportidiot"

Der heutige TV-Experte Kjetil André Aamodt eröffnete das norwegische Alpinwunder. Im Interview spricht er über alte Zeiten.

von Christina Pertl, Stefan Sigwarth

Es begann vor knapp 25 Jahren, das norwegische Ski-Wunder. Bei der Junioren-WM im schweizerischen Zinal holten Kjetil und Lasse Kjus exakt zwei Drittel aller Medaillen in den Herren-Bewerben. Aamodt, 18, gewann Abfahrt und Kombination vor Kjus, dazu den Super-G (Kjus wurde Dritter). Und er holte Silber im Riesenslalom (hinter Kjus) und im Slalom (hinter dem Italiener Luigi Tacchini und vor Kjus).

Lasse Kjus ist inzwischen mit seiner Modelinie erfolgreich, und auch Kjetil André Aamodt ist es nicht langweilig. In Beaver Creek nahm sich der 43-jährige TV-Experte des norwegischen Fernsehens für den KURIER Zeit.

KURIER: In Vail haben Sie große Erfolge gefeiert. Mit welchen Erinnerungen sind Sie zurückgekehrt?

Ich habe den Gesamtweltcup-Titel 1994 hier in Vail besiegelt. 1999 bei der WM habe ich Bronze in der Abfahrt geholt und die Kombination gewonnen. Mein Freund Lasse hat fünf Medaillen gemacht. Es war eine gute Teamleistung mit Trine Bakke und Andrine Flemmen bei den Frauen. Wir haben neun Medaillen gemacht. Es war die beste WM für Norwegen überhaupt.

Was macht die Birds of Prey so besonders?

Es ist ein moderner Kurs, der alles hat, was es braucht. Ein Gleitstück zu Beginn, Steilpassagen, Hochgeschwindigkeitskurven, Sprünge – hier gewinnt normalerweise nur ein guter Skifahrer. Andere Renn-Klassiker wie Lake Louise oder Val Gardena sind viel flacher, nicht so anspruchsvoll. Hier gibt es Action von oben bis unten, das macht beim Zuschauen Spaß.

Vorher Aksel Lund Svindal, jetzt Kjetil Jansrud. Warum sind die Norweger so gut im Super-G?

Ich weiß es nicht. Das Faszinierende am Super-G ist, dass du nur eine Chance hast, es gibt kein Training. Du musst gut besichtigen, dir einen Plan machen und die Sache ernsthaft angehen. Norweger sind akribische Menschen, da gibt es eine Tradition. Ein Beispiel ist Aksel Lund Svindal.

Überrascht es Sie, dass Jansrud in dieser Saison so stark ist?

Nein. Ich habe das schon vor zwei Jahren gesehen, als er in Kvitfjell die Trainingsläufe gewonnen hat. Aksel hat schon 2005 gesagt: Ich muss mich beeilen und den Gesamtweltcup gewinnen, bevor Jansrud daherkommt. Wegen seiner Verletzungen hat das seine Zeit gebraucht. Jetzt ist er da.

Wie wichtig war Aksel für seine Entwicklung?

Sehr wichtig. Aksel ist ein sehr gewissenhafter und ehrgeiziger Typ. Einer, der früh aufsteht und so viel trainiert wie er nur kann. Jansrud war vielleicht das größere Talent, aber er hat sich viel von Aksels Arbeitsmoral abgeschaut. Du brauchst beides.

Das norwegische Team ist vergleichsweise klein. Trotzdem gibt es immer herausragende Läufer, die alle mitziehen. Was ist das Geheimnis?

Zu einem gewissen Grad ist es Zufall. Aber es ist schon so, dass Skifahren ein Familiensport ist. Mit Ole Kristian Furuseth hat dieser magische Lauf begonnen, den Norwegen seit 1991 hat. Wir haben mehr als 60 Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympia geholt. Diese Erfahrungen sind weitergegeben worden durch den norwegischen Verband und das Nationale Olympische Komitee.

Ist das Klima in einem kleinen Team besser?

Nein, in größeren Teams findet man immer jemanden, mit dem man sich messen kann und der hilft, mehr aus sich herauszuholen. Ich hatte Lasse Kjus. Mit Svindal und Jansrud ist das jetzt gleich, nur dass da drei Jahre dazwischenliegen. Und Henrik Kristoffersen ist der Nächste. Auch er ist ein sehr akribischer Arbeiter. Er wird noch einiges gewinnen, wenn er vielleicht ein paar Kilo zulegt.

Sie waren ein Allrounder. Stirbt diese Tradition auch in Norwegen aus?

Das ist nicht mehr so stark ausgeprägt. Heute ist das schwer. Aber einen Vorteil hat die neue Generation: Sie hat mehr Erfahrung. Weil das Einzig, das zählt sind Siege – und wenn du alle Disziplinen fährst, wirst du auch oft Vierter. Ich war 36-mal Vierter, 35-mal Fünfter und habe nur 21 Siege. Wenn ich noch einmal beginnen könnte, würde ich mich spezialisieren.

Warum war das für Sie damals kein Thema?

Lasse und ich waren so ehrgeizig. Wir wollten nicht nur zehn Slaloms pro Jahr fahren, wir wollten alle Rennen bestreiten. Sonst hätten wir uns gelangweilt. Für uns war ein Sieg in der Kombination der ultimative Erfolg. Viele Leute haben sich über uns lustig gemacht. Aber es waren ja immer nur wenige, die alles gemacht haben. Der letzte Läufer, der in allen Disziplinen gewonnen hat, war Bode Miller 2005. Damals war der Slalom-Ski schon sehr kurz. Es ist nicht leicht, aber möglich. Ted Ligety kommt einem Allrounder am nächsten, er hat vor zwei Jahren drei Goldmedaillen in Schladming gewonnen.

Sind Sie überrascht, dass Svindal bei der WM wieder dabei ist?

Ja. Jeder hat gedacht, dass das länger dauern wird. Er ist eine einzigartige Persönlichkeit und sehr motiviert, wenn ihm Leute sagen, dass er etwas nicht schaffen kann. Dann will er beweisen, dass es doch möglich ist.

Wie schwer ist nach einer großen Sportkarriere der Übergang in ein normales Leben?

Nicht leicht. Das ist das Rock-’n’-Roll-Syndrom: Wenn die Scheinwerfer ausgehen und du aufhörst, das zu tun, was du liebst, worin du gut bist und womit du dein Geld verdienst hast, ist es eine große Veränderung. Aber die meisten sehen es als Herausforderung und kommen damit gut zurecht. Man hört ja immer nur die tragischen Geschichten, nicht die anderen.

Ein Dieb hat alle Medaillen aus Ihrem Haus gestohlen. Wie ist diese Geschichte ausgegangen?

Ich habe sie zurückbekommen. Fünf Jahre später hat mich ein Typ angerufen und erzählt, dass seine Schwester gestorben sei, die drogensüchtig war. Solche Diebstähle kommen vor, die verkaufen dann alles und kaufen Heroin. Er hat eine Tasche gefunden mit meinen Medaillen. Dann hat er mich im Internet gefunden und ich hab sie zurückbekommen. Happy Ending. Jetzt sind sie im Olympischen Museum von Lillehammer.

Fühlt es sich komisch an, die eigenen Erfolge in einem Museum zu sehen?

Ich bin nur ein kleiner Teil, das Museum ist ja für alle Olympiasieger. Aber es ist so: Ich war wirklich ein Sport-Idiot, aber wenn du Kinder und ein Familienleben hast, ist das plötzlich alles unwichtig. Es sind schöne Erinnerungen, aber man wird keine Andenken an meine Ski-Karriere bei mir zu Hause finden. Meine Kinder sehen mich im Fernsehen und fragen, warum ich das nicht mehr mache. Ich sage dann: Weil ich jetzt bei euch bin. Ich zeige ihnen manchmal Videos, aber nach zehn Sekunden langweilen sie sich.

Was machen Sie seit dem Ende der Profi-Karriere?

Ich mache ein paar Sachen fürs Fernsehen. Lasse Kjus und ich haben eine Show, das ist wie "Schlag den Raab", da haben wir jetzt schon fünf Staffeln gedreht. Aber hauptsächlich arbeite ich als Motivationstrainer für Firmen. Ich arbeite mit dem Olympischen Komitee, für UNICEF, für die FIS – es ist genug, eigentlich zu viel. Vor Weihnachten hatte ich schon ein paar Stress-Syndrome.

Welcher Medaillengewinn war für Sie der emotionalste?

Die Slalom-Goldmedaille in Morioka 1993. Ich war in Führung, da war der ganze Druck und ich habe Marc Girardelli um vier Hundertstel geschlagen. Dieses Gefühl war das größte in meiner Karriere. Aber war auch die letzte Goldene in Turin war etwas Besonderes. Ich war verletzt, und Hermann Maier zu schlagen, fühlte sich gut an.

Wie enttäuscht waren Sie über den Rückzug von Oslos Olympiabewerbung?

Wir haben die Norweger nicht davon überzeugen können. Es war traurig anzusehen, wenn man bedenkt, was Lillehammer für Norwegen und den Sport bewirkt hat. Es war eine sehr populistische Entscheidung. Bei den Olympischen Spielen geht es darum, dass man gemeinsam Sport betreibt. Welche andere Organisation kann alle vier Jahre die ganze Welt versammeln? Es sollte nicht so kostenintensiv sein. Norwegen hätte das Zeug dazu gehabt, Spiele zu gestalten, die nachhaltig sind. Sport gibt der Gesellschaft so viel zurück, 30.000 freiwillige Helfer pro Jahr, der Wert dieses Engagements geht in die Millionen. Und Sport vermittelt Kindern wichtige Werte: Man lernt, sich zu überwinden, zu gewinnen und zu verlieren – und andere zu respektieren.

Aber geht es nicht trotzdem immer nur ums Geld?

Ja. Aber darum geht es überall in der Gesellschaft. Auch bei den Vereinten Nationen, jeder in der Politik kann da hineingezogen werden, selbst wenn die Intention ursprünglich gut war.

Was hat sich seit der letzten WM in Vail 1999 verändert?

Das Equipment vor allem. Der Slalom-Ski ist sehr kurz. Vielleicht ist es schwieriger geworden, in allen Disziplin zu gewinnen. In Abfahrt und Super-G hat sich nicht viel verändert, aber das Material in Slalom und Riesentorlauf sieht lächerlich aus im Vergleich zu heute. Trotzdem: Wenn Ingemar Stenmark heute fahren würde, würde er gewinnen. Wenn Abfahrer sagen, der Slalom sei eine so große Herausforderung in der Kombination, sage ich, es ist ein Wettkampf wie jeder andere, es ist für alle gleich. Sei nicht so faul, trainiere Slalom, wenn du gewinnen willst. Und: Früher waren es ja noch zwei Slalom-Läufe.

Aamodt, der Medaillenhamster

Er wurde am 2. September 1971 in Oslo geboren. Bei der Junioren-WM 1990 ging der Stern des 1,76 Meter großen Norwegers auf. 20 Medaillen hat er bei Großereignissen gesammelt: 1991 WM-Silber Super-G; 1992 Olympia-Gold Super-G, -Bronze RTL; 1993 WM-Gold Slalom, RTL, -Silber Kombi; 1994 Olympia-Silber Abfahrt und Kombi, -Bronze Super-G; 1996 WM-Bronze Super-G; 1997 WM-Gold Kombi; 1999 WM-Gold Kombi, -Bronze Abfahrt; 2001 WM-Gold Kombi, -Silber RTL; 2002 Olympia-Gold Kombi, Super-G; 2003 WM-Silber Abfahrt, -Bronze Kombi; 2006 Olympia-Gold Super-G.

1993/’94 gewann Aamodt den Gesamtweltcup, er feierte zwischen 1992 und 2003 21 Siege in allen Disziplinen.

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