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Sport Motorsport
09/09/2019

Warum Charles Leclerc das Problem von Sebastian Vettel ist

Der Monza-Sieg des Monegassen verschiebt die Hierarchien – nicht nur bei Ferrari, auch Hamilton ist gewarnt.

von Florian Plavec

Teamchef, Mechaniker, Ingenieure, Pressebetreuer, Catering-Mitarbeiter. Das komplette Ferrari-Team scharte sich am frühen Sonntagabend in Monza um den umjubelten Charles Leclerc und stellte sich für das obligatorische Siegerfoto auf. Nur einer fehlte: Sebastian Vettel.

Der Deutsche wechselte ein paar Worte mit Teamchef Mattia Binotto, er gratulierte artig dem Sieger, doch dann trottete er davon. Während sich der 21-jährige Leclerc mit dem Triumph beim Ferrari-Heimrennen in die Rolle der Nummer 1 im Team gefahren hat, erlebt der vierfache Weltmeister Vettel (32) seine bisher größte sportliche Krise: kein Sieg mehr seit einem Jahr, zwei schwere Fehler und nur Rang 13, während sein junger Teamkollege immer stärker wird.

Charles Leclerc hat Talent, das war schon vor Saisonbeginn klar. Leclerc ist aber auch lernfähig, sehr schnell lernfähig. Es ist gerade einmal zwei Monate her, dass er sich in Österreich in der letzten Runde den Sieg von Max Verstappen wegschnappen ließ.

Damals hatte sich der Monegasse vom Niederländer noch von der Strecke drängen lassen. In Monza hielt er aber voll dagegen. Fast eine Stunde lang wurde er vom fünffachen Weltmeister und WM-Leader Lewis Hamilton gejagt. Als der Engländer zum Überholen ansetzte, hielt Leclerc gnadenlos dagegen und drängte Hamilton in die Wiese.

Meisterhaft

Die Art und Weise, wie sich Leclerc gegen Hamilton verteidigte und letztlich durchsetzte, erinnerte an den Grand Prix in Imola 2005. Dort jagte Michael Schumacher den damals 23-jährigen Fernando Alonso 20 Runden um den Kurs, ohne ihn überholen zu können. Der KURIER titelte am Tag danach: „Der König lässt dem Kronprinzen den Vortritt.“

Nach fünf Titeln in Serie ging Schumacher in diesem Jahr leer aus. Alonso holte hingegen seine erste von zwei Weltmeisterschaften und wurde danach einer der besten Fahrer seiner Generation. Erkennbar sind Parallelen zu Hamilton und Leclerc.

Hartes Manöver

Am Limit sei die Aktion gegen Hamilton gewesen, räumte Leclerc nach dem knallharten Zweikampf am Sonntag ein. Einige fanden, dass Leclercs Verteidigung sogar über die Grenzen des Legalen hinausging. So sagte etwa Hamilton: „Ich nehme an, die Rennkommissare sind mit dem falschen Fuß aufgestanden.“

Der Monegasse wurde für sein Manöver nur verwarnt. Im Sinne des Sports war es wohl die richtige Entscheidung, von Leclerc war die Aktion eine klare Ansage: „Das ist meine Kurve, mein Rennen, mein Sieg! Den nimmt mir niemand weg.“ Weltmeister wird man nicht, indem man Platz macht.

Das Ausloten der Grenzen ist etwas, das immer schon echte Siegfahrer ausgezeichnet hat. Ayrton Senna, Michael Schumacher und natürlich auch Sebastian Vettel.

Vettels Problem

Der Deutsche liebe noch immer seinen Beruf, versicherte er. Das Problem sei allerdings: „Wenn du es nicht gut machst, kannst du auch nicht glücklich sein.“ Und glücklich wirkte Vettel nach dem Monza-Desaster keinesfalls, als er im Ferrari-Motorhome mit Teamchef Mattia Binotto und Teamkollege Leclerc das Rennen analysieren sollte.

Es schien fast, als wolle er sein Gesicht hinter dem Kragen der roten Regenjacke verstecken. Wieder hatte Vettel auf einer Strecke versagt, auf der Ferrari den Silberpfeilen überlegen war. Ein Dreher, dann die Zeitstrafe – Vettel zerstörte sich sein Rennen selbst. „Er hat ein paar Fehler gemacht“, sagte Binotto. „Aber so ist Monza.“

Doch Vettel hat nicht nur in Monza Probleme. Es scheint, als würde er dem Druck des aufstrebenden Teamkollegen nicht standhalten können. Selbst das sonst so zurückhaltende Formel-1-Management schrieb auf seinem eigenen Liveticker: „Er braucht eine Antwort, und zwar schnell.“

Ist das einstige Wunderkind Vettel mittlerweile zu schlecht? Bestimmt nicht. Doch vielleicht ist sein Teamkollege derzeit einfach zu gut.