Das verrückteste Auto der Grand-Prix-Geschichte

Vor 50 Jahren ging mit dem Tyrrell P34 ein Rennwagen an den Start, wie ihn die Formel 1 noch nicht gesehen hatte: Er hatte zwei Räder mehr als die anderen.
F1 Dec 2007

Der „Sechsrad-Tyrrell“ war eines der verrücktesten Autos der Formel-1-Geschichte. Zum ersten Mal stand er vor 50 Jahren, am 2. Mai 1976, beim Grand Prix von Spanien in Madrid-Jarama in der Startaufstellung. Der Franzose Patrick Depailler hatte sich mit dem Unikum auf Anhieb für die zweite Startreihe qualifiziert, fiel allerdings in der 26. Runde aus.

Nur sechs Wochen später gelang seinem Teamkollegen, dem Südafrikaner Jody Scheckter, im schwedischen Anderstorp der erste Grand-Prix-Sieg auf sechs Rädern (es sollte der einzige bleiben).

Die Idee zum Sechsradauto geht auf das Jahr 1969 zurück, als der Konstrukteur Derek Gardner bei den 500 Meilen von Indianapolis für einen gasturbinenbetriebenen, allradgetriebenen und nahezu unfahrbaren Lotus die Idee mit den sechs Rädern hatte, die damals aber im Sand verlief.

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Fahrer Patrick Depailler, Teamchef Ken Tyrrell und Konstrukteur Derek Gardner (von links): "Ich suchte nach einem ,unfairen‘ Vorteil – und der Sechsradwagen war so einer.“

Raus aus der Zwangsjacke

Jahre später, Gardner war inzwischen bei Tyrrell unter Vertrag, kam er auf die Idee zurück. Das Team fuhr damals, wie die überwiegende Mehrheit des Felds, mit Ford-Cosworth-Motoren, und Gardner suchte einen Ausweg: „In den 70er-Jahren steckten wir in einer Zwangsjacke: Fast alle hatten den gleichen Motor, das gleiche Getriebe, die gleichen Reifen. Ich suchte nach einem ,unfairen‘ Vorteil – und der Sechsradwagen war so einer.“

Statt zwei großer Vorderräder hatte „Project 34“ vier kleine. Die relativ komplexe Konstruktion brachte rund 40 PS; ihr Nutzen bestand nicht, wie viele glaubten, in geringerem Luftwiderstand, sondern hauptsächlich in der besseren Straßenlage. „Der in Kurven wie angeschraubt liegende Vorderwagen erlaubt dem Fahrer ein sehr frühes Öffnen des Gashahns“, analysierte die Wiener Motorjournalistenkoryphäe Helmut Zwickl.

Nachdem der dreifache Weltmeister Jackie Stewart, der 1973 seine Karriere beendet hatte, den Sechsradler getestet hatte, war er begeistert: „Wenn mir eines an meinem Rücktritt leidtut: dass ich dieses Auto nie im Renneinsatz bewegen durfte.“

Der P34 lag so gut, dass Scheckter es zunächst gar nicht bemerkte, als er im Training einmal ein Rad verlor. Als er es dann realisiert hatte, fuhr er an die Box, sagte aber nichts, weil er die Mechaniker überraschen wollte. Als Teamchef Ken Tyrrell diese Geschichte beim offiziellen Dinner vor dem Rennen erzählte, kommentierte Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone sie folgendermaßen: „Ladies and Gentlemen, Sie hörten soeben Ken Tyrrell als Sprecher der Fünfrädrigen.“

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Jody Scheckter gelang 1976 in Schweden zwar der einzige Sieg mit dem Sechsrad-Tyrrell, so richtig angefreundet aber hat er sich damit nie: "Das Auto war Mist."

Im Kuriositätenkabinett

In der Saison 1976 standen die P34-Piloten insgesamt zehn Mal auf dem Siegespodest, in der WM belegten Scheckter und Depailler am Ende die Ränge 3 und 4. Trotz dieser mehr als beachtlichen Erfolge steht der Sechsrad-Tyrrell heute nicht in der „Hall of Fame“ der Formel 1, sondern eher im Kuriositätenkabinett.

Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Tyrrells 1976 im Schatten des packenden Duells zwischen Niki Lauda und James Hunt standen, samt Feuerunfall am Nürburgring und Regenschlacht von Fuji. „Da ist nichts Besonderes am Sechsrad-Tyrrell“, sagte Weltmeister Hunt. „Ich glaube nicht, dass das Konzept Zukunft hat.“

Nicht einmal Jody Scheckter, der den ersten und einzigen Sieg des P34 eingefahren hatte, war davon überzeugt: „Das Auto war Mist“, sagte er rückblickend. „Es funktionierte nur auf wirklich glatten Streckenbelägen, und davon gab es damals nicht viele.“

Schlechte Karten

Für Konstrukteur Gardner waren die Vorderreifen das Hauptproblem. Ausrüster Goodyear hatte die kleinen Reifen extra für Tyrrell produziert, aber als einziger Kunde hatte das Team schlechte Karten. „Während unsere Hinterreifen immer besser wurden, war die Entwicklung bei den Vorderreifen praktisch nicht existent. Spätestens 1977 war das nicht mehr zu übersehen.“

Im zweiten Jahr gelangen Depailler und Ronnie Peterson – der Schwede ersetzte den zu Wolf gewechselten Scheckter – noch vier Podiumsplatzierungen, danach war der P34 Geschichte. Die Faszination der sechs Räder aber war noch nicht ganz vom Tisch, noch 1982 testete etwa Williams ein Modell mit vier Hinterrädern.

Danach schob die FIA dem Konzept einen Riegel vor: Seit 1983 sind laut Reglement maximal vier Räder erlaubt. Ursprünglich hatte offenbar niemand daran gedacht, dass man das dazusagen muss.

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