Ein letztes Ciao: Sebastian Vettel und Ferrari

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Analyse
05/12/2020

Ferrari sucht die Erfolgsspur: Das Problem sitzt nicht im Cockpit

Das Ende von Sebastian Vettel bei Ferrari folgt der alten Logik: Der Star ist das Auto. Dabei zeigt sich die wahre Schwäche.

von Philipp Albrechtsberger

Die Formel 1 schafft es sogar im Stillstand, die Massen zu bewegen. Und am allerbesten kann das Ferrari, der älteste und wichtigste Rennstall der Königsklasse. Am Tag bevor die Rennserie mit dem 70. Jahrestag ihres allerersten Grand Prix (13. Mai 1950) die Vergangenheit feiern wollte, beschäftigt sich die Renngemeinde mit der unmittelbaren Zukunft der Scuderia. Auslöser war die Scheidung einer Traumehe. Sebastian Vettel und Ferrari trennen sich mit Jahresende nach dann sechs gemeinsamen Jahren. Damit folgt der Rennstall seiner jahrzehntelangen Strategie: Die Piloten sind austauschbar, sobald sie in der roten Göttin nicht mehr schnell genug über die Runden kommen.

Auch Vettel vermochte es nicht, den ersten Fahrertitel seit 2007 (Kimi Räikkönen) nach Maranello zu kutschieren. Dennoch dürfte der 32-jährige Deutsche als der zweiterfolgreichste Ferrari-Pilot der Historie abtreten. Gemessen an Grand-Prix-Siegen fehlt ihm noch ein Erfolg auf die Nummer zwei Niki Lauda. Und Erfolg Nummer 15 ist durchaus in Reichweite bei Vettels Abschiedstournee, sofern diese in Corona-Zeiten überhaupt starten kann.

Nach Rennsiegen

1. Michael Schumacher (1996-2004) 72 Siege
2. Niki Lauda (1974-1977) 15 Siege
3. Sebastian Vettel (2015-dato) 14 Siege
4. Alberto Ascari (1950-1954) 13 Siege
5. Fernando Alonso (2010-2014) 11 Siege
  . Felipe Massa (2006-2013) 11 Siege
7. Kimi Räikkönen (2007-2009, 2014-2018) 10 Siege
8. Rubens Barrichello (2000-2005) 9 Siege
9. Jacky Ickx (1968; 1970-1973) 6 Siege
  . Gilles Villeneuve (1977-1982) 6 Siege

*die hervorgehobenen Fahrer wurden auch Weltmeister mit Ferrari 

Unklar bleibt, wie groß Motivation und Risikobereitschaft bei Vettel noch sein werden. Zudem wird sich die Aufmerksamkeit des Teams noch stärker auf die Garagenseite von Charles Leclerc verschieben. Mit der Richtungsentscheidung legen die Italiener ganz klar die Zukunft ihres Rennstalls in die talentierten Hände des 22 Jahre alten Monegassen.

Unwahrscheinlich scheint daher auch ein spektakulärer Wechsel von Sechsfach-Weltmeister Lewis Hamilton nach Maranello. Schon bei Vettels Verhandlungen dürften - obwohl offiziell dementiert - die Gehaltsvorstellungen in Krisenzeiten einer der Stolpersteine gewesen sein. Mit der kolportierten Jahresgage von zwölf Millionen Euro wird Hamilton das Risiko Ferrari kaum wagen wollen.

"Meine Beziehung zur Scuderia Ferrari endet Ende 2020. Um die bestmöglichen Ergebnisse in diesem Sport zu erzielen, ist es für alle Beteiligten wichtig, in perfekter Harmonie zu arbeiten. Das Team und ich haben gemerkt, dass es nicht mehr den gemeinsamen Wunsch gab, über das Ende dieser Saison zusammenzubleiben. Finanzielle Gründe haben bei dieser gemeinsamen Entscheidung keine Rolle gespielt. So denke ich nicht, wenn es darum geht, bestimmte Entscheidungen zu treffen, und das wird auch niemals so sein.
Was in den letzten Monaten passiert ist, hat viele von uns dazu gebracht, über unsere echten Prioritäten im Leben nachzudenken. Man muss seine Vorstellungskraft einsetzen und einen neuen Ansatz für eine Situation wählen, die sich geändert hat. Ich selbst werde mir die Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, was für meine Zukunft wirklich wichtig ist.
Die Scuderia Ferrari nimmt in der Formel 1 einen besonderen Platz ein, und ich hoffe, dass sie den Erfolg hat, den sie verdient. Abschließend möchte ich der gesamten Ferrari-Familie und vor allem den Tifosi auf der ganzen Welt für die Unterstützung danken, die sie mir im Laufe der Jahre gegeben haben. Mein unmittelbares Ziel ist es, meine Zeit bei Ferrari so zu beenden, dass wir noch einige schöne Momente miteinander teilen und diese zu denen hinzufügen, die wir bisher genossen haben.“

Denn Ferrari wird wie schon zuletzt unberechenbar bleiben. Da sich die Verantwortlichen der Rennserie gemeinsam mit den Teams in Corona-Zeiten auf eine Verschiebung des neuen Reglements um ein Jahr auf 2022 verständigt haben, werden bis dahin große Leistungssprünge kaum zu erwarten sein. Für kleine Verbesserungen sind große Ideen nötig. Und die entsprangen in diesem Jahrzehnt vermehrt den Köpfen der Ingenieure auf der britischen Insel (Mercedes, Red Bull).

Begünstigt durch moderne Firmenstrukturen haben die Konkurrenten die stolze Scuderia in vielen Bereichen längst überholt. Formel-1-Teams sind mittlerweile Hightech-Unternehmen mit mehr als 1.000 Angestellten. An Ressourcen mangelt es bei Ferrari nicht, dafür aber an organisatorischem Geschick. 

Kontinuität ist obendrein ein Fremdwort in Maranello. Während etwa bei Red Bull Christian Horner seit 2005 die Geschicke des Rennstalls erfolgreich führt, verbrauchte Ferrari im gleichen Zeitraum drei Teamchefs. Der Aktuelle, Mattia Binotto, gilt zwar als cleverer Ingenieur, das Ferrari-Eigengewächs musste in die Rolle als Führungspersönlichkeit der wichtigsten Formel-1-Marke aber erst hineinwachsen.

Binotto muss Aufgaben wahrnehmen, die Konkurrenten auf mehrere Köpfe verteilen. Bei Red Bull entscheidet ein Triumvirat aus Horner, Mateschitz-Intimus Helmut Marko und Design-Guru Adrian Newey. Ähnlich hat auch Toto Wolff das Mercedes-Team bei dessen Übernahme 2013 aufgestellt. Neben dem Wiener Teamchef treten in der Öffentlichkeit gleichberechtigt Technikboss James Allison und bis zu dessen Tod Niki Lauda auf.