Gerhard Berger in seiner Firmenzentrale

© Peter Kneffel / dpa / picturedesk.com

Interview
02/12/2021

Gerhard Berger über Corona und Tirol: "Falsche Symbolpolitik"

Tiroler, Skifahrer, Spediteur – aktuell keine einfache Mischung. Ein Gespräch über Verantwortung, Privilegien und Einschränkungen.

von Philipp Albrechtsberger

Er ist einer der bekanntesten Tiroler weltweit, und seit einiger Zeit lebt Gerhard Berger auch wieder in der vertrauten Heimat. Vom Haus in Söll zur Firmenzentrale nach Wörgl, wo der 61-Jährige Spedition, Nutzfahrzeugwerkstätte und Fahrzeugbau betreibt, sind es für die Formel-1-Legende nur ein paar flotte Autominuten. Was die ab Freitag geltenden Ausreisebeschränkungen aus Tirol für ihn und seine Unternehmen bedeuten, kann er nicht genau sagen: "Das werden wir in den nächsten Tagen und Wochen erst sehen."

KURIER: Herr Berger, wie fühlt man sich derzeit als Tiroler?

Gerhard Berger: Ich fühle mich als Tiroler generell immer gut. Ich halte mich an die gesetzlichen Vorgaben und sehe das auch nicht als Hürde im Alltag. Natürlich lassen sich harte politische Diskussionen in diesen Zeiten nicht vermeiden. Aber das Hin- und Herschieben der Verantwortung bringt uns nicht weiter. Man könnte den Eindruck bekommen, dass damit auch von eigentlichen Schwachstellen abgelenkt werden soll. Ich fände es wichtiger, darüber zu sprechen, wie die Versäumnisse der Regierung mit Blick auf Impfstoff-Beschaffung und dessen Produktion aufgeholt werden können.

Sie sind ein leidenschaftlicher Skifahrer. Auch über offene Piste gab es Diskussionen.

Viele der Diskussionen sind von der Politik getrieben. An einigen Stellen fehlt mir das Verständnis. Das Anstehen an den Liften ist nicht das Problem, wenn es Corona-konform passiert. Ich selbst wohne in einem der größten Skigebiete in Österreich und bin den ganzen Winter über Ski gefahren, ohne auf größere Menschenmassen zu treffen. Ich kann nachvollziehen, wenn Lifte aus Gründen der Wirtschaftlichkeit schließen, weil keine Touristen kommen. Wenn aber nicht die Wirtschaftlichkeit, sondern reine Symbolwirkung dahintersteht, ist es das falsche Signal.

Was wäre das richtige Signal?

Das richtige Symbol wäre, den Familien vor Ort, die die Umweltbelastung auch mittragen, wenn der Tourismus floriert, die Möglichkeit zu geben, Zeit in der Natur zu verbringen. Dazu gehört auch, dass Eltern mit ihren Kindern unter bestimmten Bedingungen Ski fahren können, damit sie nicht den ganzen Tag in den vier Wänden verbringen müssen. Ich leide mit vielen Leuten auch mit.

Was meinen Sie?

Ich habe das Glück, dass ich in den Bergen wohne – ein sicheres Umfeld ohne Nachbarn mit vielen Möglichkeiten für Kinder. Daher waren die vergangenen Monate für meine Familie und mich nicht so belastend wie für andere Familien. Mein Sohn, der noch im Kindergartenalter ist, hat viel Zeit auf den Skiern verbracht. Mir ist bewusst, dass ich in einem sehr privilegierten Umfeld lebe. Viele Leute haben diese Möglichkeiten nicht.

Stichwort Kindergarten: Ihr Unternehmen Berger Logistik verfügt über eine eigene Kinderbetreuung. Wie groß sind dort die Herausforderungen?

Wir haben gemeinsam mit der Stadt Wörgl eine Lösung geschaffen, bei der wir die Räumlichkeiten stellen und der Kindergarten von der Stadt betrieben wird. Zu Beginn der Pandemie herrschte große Unsicherheit. Dank des Hygiene-Konzepts und veränderter Verhaltensregeln konnte die Kinderbetreuung durchgehend angeboten werden. Mir war immer klar, dass das nicht nur für berufstätige Eltern, die teilweise in systemkritischen Branchen beschäftigt sind, wichtig ist. Generell waren alle Führungskräfte aufgerufen, entsprechend sensibel und offen mit Sorgen der Mitarbeiter umzugehen und, wo erforderlich, auch pragmatische und individuelle Lösungen zu finden.

Der Rennfahrer
Gerhard Berger fuhr 210 Grands Prix in  der Formel 1 für Teams wie Benetton, Ferrari und McLaren. Er feierte zehn Siege. Von 2006 bis 2008 war er Mitbesitzer und Teamchef des Rennstalls Toro Rosso 

Der Unternehmer
Der 61-Jährige leitet in Wörgl die Berger Unternehmensgruppe, die sein Vater als Berger Transport GmbH 1962 gegründet hatte. Zudem ist er Chef des Deutschen Tourenwagen Masters (DTM)

Der Privatmensch
Der Tiroler ist fünffacher Vater (aus drei Beziehungen), mit Lebensgefährtin Helene und den beiden Kindern lebt er in Söll 

Wie erging es Ihnen selbst?

Beruflich gesehen hat die Krise in dieser Hinsicht viel Positives bewirkt. Viele Geschäftsreisen, die auf dem Plan standen, konnten auch anders abgearbeitet werden. Videokonferenzen funktionieren hervorragend, können die persönliche Begegnung aber nicht komplett ersetzen. Sie eignen sich für den Vertrieb nur bedingt. Privat gehen mir die sozialen Kontakte schon ab. Diese Abstriche sind aber verkraftbar.

Wie läuft das Geschäft?

Ich betreibe in meiner Gruppe drei voneinander getrennte Unternehmen. Berger Logistik konnte aufgrund der Ausrichtung auf Lebensmittel- und Getränketransporte verschiedene Lockdowns am besten bewältigen. Die Werkstätte und der Fahrzeugbau sind direkter mit dem Güterverkehr verbunden und dadurch stärker betroffen. Aber ich bin mir sicher, dass kleinere Unternehmen vor noch größeren Herausforderungen stehen.

Was meinen Sie damit?

In der gesamten Unternehmensgruppe hatten wir die administrativen Kapazitäten, mit den sich laufend ändernden und komplexen Formularen und Anträgen klarzukommen. In der Logistik waren starke Veränderungen bei den Transportmitteln zu erkennen. Die Bahn konnte zulegen und teilweise Mengen aus dem Straßentransport abziehen. Die Seefracht erlebt eine noch nie da gewesene Entwicklung. Containerverfügbarkeit und Schiffsplätze sind auf einigen Routen kaum zu erhalten.

Mussten Sie in dieser Zeit staatliche Hilfe (Kurzarbeit, etc.) in Anspruch nehmen?

Auch hier waren meine Unternehmen unterschiedlich betroffen. Die Werkstätte hat nichts davon in Anspruch genommen. Nutzfahrzeugwerkstätten waren und sind systemkritisch eingestuft und ich bin froh, dass wir sie durchgehend geöffnet halten konnten. Die Logistik hat in sehr geringem Ausmaß Kurzarbeit in den besonders betroffenen Unternehmensbereichen Luftfracht und Eventlogistik in Anspruch genommen. Die Berger hatte während der ersten Lockdown-Phase fast einen Totalausfall zu verkraften.

So nebenbei sind Sie noch Chef des Deutschen Tourenwagen Masters. Wie blicken Sie der Saison 2021 entgegen?

Die Pandemie ist für alle im Motorsport eine riesige Herausforderung. Aber wir haben gelernt, damit umzugehen. 2020 ist es uns gelungen, die geplanten neun Veranstaltungen abzuhalten und das Interesse hochzuhalten. Mit dem neuen Reglement und Marken wie Mercedes, Audi, BMW, Ferrari, McLaren bekommen wir jene Markenvielfalt, die viele Fans zuletzt vermisst haben. Zum Umdenken gezwungen hat uns nicht die akute Krise.

Sondern?

Der Motorsport muss den erforderlichen Nachhaltigkeitsanspruch besser darstellen. Letztendlich ist es weniger die Frage, wo wir die Rennen künftig fahren, sondern wie sie gefahren werden. Der Motorsport muss auch in Zukunft ein attraktives Freizeitangebot für die Fans liefern.

Also: Wie wird die DTM künftig gefahren werden?

Die DTM ist schon jetzt weit mehr als nur eine Rennserie. Wir haben fünf Säulen, die den Fans die Vielfalt und die Faszination des Motorsports näherbringen. Herzstück ist die DTM mit faszinierendem Rad-an-Rad-Motorsport. Wir fördern aber auch junge Talente mit der DTM Trophy. Auch digitaler Motorsport mit der DTM Esports und die DTM Classic mit historischen Rennfahrzeugen sind fester Bestandteil der Plattform. Als eigenständige Rennserie soll 2022 die vollelektrische DTM Electric hinzukommen.

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