Sport
30.11.2017

Missbrauch: Doskozil fordert von ÖSV mehr Sensibilität

Der Noch-Sportminister kommentierte die Reaktion des Skiverbands auf das Outing von Nicola Werdenigg. Die Ex-Skiläuferin übt nun Kritik daran, dass der ÖSV selbst eine Klasnic-Kommission einsetzt und fordert eine übergeordnete Anlaufstelle.

Der scheidende Sport - und Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil (SPÖ) hätte sich nach dem Outing von Nicola Werdenigg etwas mehr Sensibilität vom Österreichischen Skiverband gewünscht. Das sagte er am Mittwoch in der "ZIB 2" in ORF 2 auf die Frage nach dem Verhalten des ÖSV in dieser Causa.

"Was wichtig ist, wenn jemand sich outet, wenn jemand diesen Schritt wagt, der eine persönliche Belastung ist, wenn man betroffen ist, hier an die Öffentlichkeit zu gehen, dann erwarte ich mir schon auch eine gewisse Sensibilität im Umgang mit dem Betroffenen. Ich glaube, es ist nicht angebracht, hier Ultimaten zu setzen, sondern wirklich sensibel mit allen Betroffenen an der Aufklärung mitzuarbeiten."

Werdenigg (geborene Spieß) hatte vor zwei Wochen schwere Vorwürfe gegen einen ehemaligen Mannschaftskollegen und den ÖSV erhoben. Die Olympia-Abfahrtsvierte von 1976 erzählte über weitverbreitete "sexualisierter Gewalt" im österreichischen Skisport der Siebzigerjahre. Als Täter erwähnte sie "Trainer, Betreuer, Kollegen und Serviceleute". Sie selbst sei als 16-Jährige von einem Teamkollegen vergewaltigt worden.

Schröcksnadel relativierte "Ultimatum"

Laut Zeitungsberichten zog ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel ein juristisches Nachspiel wegen übler Nachrede in Betracht. Zudem wurde berichtet, dass Werdenigg vom ÖSV einen eingeschriebenen Brief und eine Email erhalten werde. Mit der Bitte, bei der Aufklärung mitzuhelfen und Namen zu nennen, um den Generalverdacht auszuräumen. Dabei wurde ihr eine Frist bis zum 30. November eingeräumt. Andernfalls würde sie Post vom Anwalt des ÖSV erhalten.

Schröcksnadel relativierte diese Aussagen schließlich. Er begrüße, dass Werdenigg von ihren Erlebnissen berichtet habe, und verstehe es "voll", wenn Werdenigg keine Namen nennen wolle.

Werdenigg kritisiert ÖSV-Anlaufstelle

Der ÖSV-Präsident beaufragte Waltraud Klasnic, die schon die Missbrauchs-Fälle in der katholischen Kirche untersucht hat, mit der Aufarbeitung. Dass der ÖSV selbst die Untersuchung verantwortet, kritisierte Werdenigg am Donnerstag im Ö1-"Morgenjournal". Obwohl Klasnic nicht weisungsgebunden sei, halte sie es für "undenkbar, dass eine betroffene Institution eine interne Aufklärungsstelle veranlasst und nicht von externer Seite das ganz neutral darüber gelegt wird". Sie wünsche sich daher eine übergeordnete Anlaufstelle.

Klasnic wiederum wies das als Angriff auf ihre Unabhängigkeit empört zurück. Ihre Opferschutzanwaltschaft habe im Fall der katholischen Kirche mehrere Täter angezeigt. Sie empfinde es als "Zumutung, wenn man meint, Waltraud Klasnic lässt sich von irgendjemanden in der Unabhängigkeit und Vertrauenswürdigkeit etwas wegnehmen", sagte sie im ORF-Radio Ö1. Und: "Ich bin niemandem etwas schuldig."

Werdenigg sagt am 5. Dezember aus

In den sozialen Netzwerken hat Werdenigg am Mittwoch bekanntgegeben, dass sie nach ihren Missbrauchsvorwürfen nun Anfang Dezember am Landeskriminalamt Tirol aussagen wird. "Wer, was, wann, wie & wo beantworte ich am 5.12. der Staatsanwaltschaft", schrieb die frühere Skirennläuferin auf Twitter.

https://twitter.com/NicolaWerdenigg/status/935932755594137601?ref_src=twsrc%5Etfw
Nicola Werdenigg (@NicolaWerdenigg
"Weitere Nachfragen obsolet"

Auf Facebook schrieb Werdenigg am Mittwoch, dass "meine Zeugeneinvernahme, im Zusammenhang mit den von mir angesprochenen Fällen sexualisierter Gewalt" durch das Landeskriminalamt Tirol stattfinden werde. "Ich vertraue auf die österreichische Rechtsstaatlichkeit, als eine der wichtigsten Forderungen an ein politisches Gemeinwesen."

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KURIER/ Wilhelm Schraml
Nicola Spiess, spätere Nicola Werdenigg
Nicola Spiess, spätere Nicola Werdenigg
In diesem Sinn werde sie alle Fragen mit höchster Sorgfalt beantworten. "Alle weiteren Nachfragen nach Namensnennung und Zusammenhängen sind somit obsolet!", fügte Werdenigg an. ÖSV-Präsident Peter Schröcknsadel hatte Werdenigg aufgefordert, Namen zu nennen, weil sie auch von einem ihr bekannten Missbrauchs-Fall aus dem Jahr 2005 sprach, von dem die ÖSV-Führung gewusst haben soll.

"Wie bereits mehrfach in den Medien betont, lag mir nicht daran, Täter öffentlich an den Pranger zu stellen, sondern ein System offenzulegen, um sicherzustellen, dass in Zukunft mit diesem Thema sensibler umgegangen wird. Die betroffenen Personen wissen von ihren Taten und müssen mit diesen umgehen, auch wenn sie heute möglicherweise strafrechtlich nicht mehr belangt werden können."