Sensationsmann in Blau: Lamont Marcell Jacobs aus Italien

© APA/AFP/GIUSEPPE CACACE

Sport
08/01/2021

Italienische Olympia-Sensation: 100-Meter-Gold für Lamont Jacobs

Der Italiener siegt in 9,80 Sekunden und stellt einen neuen Europarekord auf. Silber an Fred Kerley, Bronze an André de Grasse.

Amerikaner? Jamaikaner? Italiener!

Lamont Marcell Jacobs holte sich am Sonntag in 9,80 Sekunden den olympischen 100-Meter-Sprint in Tokio und sorgte damit für eine gewaltige Überraschung. Der 26-Jährige, der als Sohn einer Italienerin und eines Amerikaners in Texas geboren wurde und als Zweijähriger mit seiner Mutter nach Italien übersiedelte, verbesserte damit auch den Europarekord und fügte seiner Titelsammlung das nächste Highlight nach 60-Meter-Gold bei der heurigen Hallen-EM hinzu. Auf den Plätzen landeten Fred Kerley (USA/9,84) und André de Grasse (CAN/9,89).

"Ich wollte meine Hallen-Form nach draußen mitnehmen. Wir haben viel gearbeitet, speziell daran, das Tempo von den ersten 30, 40 Metern auch auf die 100 Meter auszudehnen. Es war auch viel mentale Arbeit dabei", sagte Jacobs auf Englisch mit breitem italienischen Akzent. "Es ist ein unglaubliches Ergebnis, ich werde wohl vier oder fünf Jahre brauchen, um das zu verstehen." Er ist der erste europäische Olympiasieger im Sprint seit dem Briten Linford Christie 1992.

Als Zehnjähriger hatte der verheiratete Vater zweier Söhne, der auch ein talentierter Weitspringer ist (Bestleistung: 7,95 Meter) den Traum, Olympiasieger zu werden. Die letzten beiden Jahre arbeitete er mit seinem großen Team daran, den Traum zu realisieren - "wir haben alles umgestellt, das Training, die Ernährung", und das mit Erfolg. Seine Siegerzeit von Tokio ist übrigens eine Hundertstelsekunde unter jener von Usain Bolt bei seinem letzten Titel anno 2016.

Leere auf Jamaikanisch

Erstmals seit dem Jahr 2000 stand kein Jamaikaner im Olympia-Finale über 100 Meter. Auch der von Sprint-Ikone Usain Bolt als Gold-Favorit auserkorene Trayvon Bromell erlebte diesen irren Showdown in der flirrenden Nacht von Tokio nicht als Teilnehmer - um eine Tausendstelsekunde verpasste der Amerikaner die Qualifikation. Eine riesige Enttäuschung für Bromell, der im Juni in 9,77 Sekunden die siebentschnellste Zeit der Geschichte gesprintet war, aber sich schon durch seinen Vorlauf hatte zittern müssen.

Und auch für den Jamaikaner Yohan Blake, früher selber Konkurrent von Bolt, reichte es nicht für die große Bühne. Der Gewinner von Silber über die 100 Meter in London 2012 und frühere Weltmeister schied im Halbfinale aus.

Pech hatte auch der Brite Zharnel Hughes, der beim ersten Startversuch im Rennen um die Medaillen um 0,150 Sekunden zu früh loslief und disqualifiziert wurde.

Doppelter Jubel in Blau

Wenige Minuten zuvor hatten Jacobs' Landsmann Gianmarco Tamberi und Mutaz Essa Barshim aus Katar für eine Premiere im Hochsprung gesorgt: Das Duo wurde nach übersprungenen 2,37 Metern und der gleichen Anzahl an Fehlversuchen ex aequo als Olympiasieger ausgezeichnet. Zwar hätten beide noch ein Stechen abhalten können, doch sie verzichteten darauf und absolvierten auch den Interviewmarathon gemeinsam.

"Ein wunderbares Ergebnis", sagte Tamberi, "es ist eine tolle Leistung von uns beiden", assistierte Barshim, "wir hatten ja auch beide schwere Verletzungen." Tamberi nickte, "aber wenn man auf dem Boden liegt, muss man wieder aufstehen. Und das haben wir beide geschafft. Jetzt werden wir für immer in den Geschichtsbüchern sein. Ich warte nur drauf, dass mich jemand aufweckt."

Dritter wurde Maksim Nedasekau (Belarus) - der ebenfalls 2,37 Meter schaffte. Dem 30-jährigen Barshim, Weltmeister von 2019 und 2017, gelang im dritten Anlauf der Olympiasieg. Bei den Spielen 2016 in Rio und 2012 in London hatte er jeweils Silber geholt.

Mit dem Weltrekord hat Yulimar Rojas aus Venezuela ihren ersten Olympiasieg im Dreisprung gekrönt. Die zweimalige Weltmeisterin flog am Sonntag im letzten Versuch auf 15,67 Meter. Damit übertrumpfte sie die Bestmarke von Inessa Krawez: Die Ukrainerin war bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1995 in Göteborg 15,50 Meter gesprungen.

„Ich finde keine Worte. Ich kann dieses Gefühl und diesen Moment nicht beschreiben“, sagte die 1,92 Meter große Leichtathletin. „Goldmedaillengewinnerin mit einem olympischen Rekord und ein Weltrekord ... wow! Das ist eine fantastische Nacht.“

„Ich wusste, dass ich diese Weite heute in den Beinen hatte. Technisch habe ich heute Fehler gemacht, aber beim letzten Sprung habe ich alles gegeben“, sagte die 25 Jahre alte Rojas. „Es macht mich einfach nur glücklich. Ich werde das jetzt genießen und diese Erfahrung ausleben.“

Wegen der schwierigen politischen Lage in Venezuela lebt Rojas schon länger in Spanien und startet für die Leichtathletik-Abteilung des FC Barcelona, der Rojas' Erfolg gleich einmal als Breaking News vermeldete. Ihr Trainer ist der frühere kubanische Weitspringer Iván Pedroso, der viermal WM-Gold gewann und 2000 in Sydney Olympiasieger war.

Silber ging mit Landesrekord an die Portugiesin Patricia Mamona (15,01), Bronze an die Spanierin Ana Peleteiro (14,87). Caterina Ibarguen, die Olympiasiegerin von 2016 aus Kolumbien, wurde mit 14,25 Metern dieses Mal nur Zehnte.

Für ein weiteres Highlight sorgte die Hürdensprinterin Jasmine Camacho-Quinn aus Puerto Rico, die ihr Semifinale über 100 Meter Hürden im neuen Olympischen Rekord von 12,26 Sekunden gewann. Im Finale könnte damit auch der Weltrekord (12,20) von Kendra Harrison (USA), 2016 in London gelaufen, in ernster Gefahr sein. Auch die Zeiten von Camacho-Quinns Konkurrentinnen waren sehr schnell.

Bereits in der Vormittagssession errang die Chinesin Gong Lijiao Gold im Kugelstoßen. Sie setzte sich mit 20,58 Metern vor der US-Amerikanerin Raven Saunders (19,79) und der neuseeländischen Doppel-Olympiasiegerin (2008 und 2012) Valerie Adams (19,62) durch.

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