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Slalom
02/17/2013

Goldjunge Marcel Hirscher

Der Salzburger behielt die Nerven und holte vor 40.000 Fans den WM-Titel im Slalom.

von Christina Pertl, Stefan Sigwarth

Ohrenbetäubender Jubel, wildestes Fahnengeschwenke und knapp eine Minute Ausnahmezustand: Um 14.23 Uhr

erreichte die Ski-Hysterie in Schladming am Sonntag ihren Höhepunkt, als Marcel Hirscher sich als Halbzeitführender aus dem Starthaus stieß und zum letzten Mal gen Tal carvte.

Akrobatisch, wie man es vom ihm gewohnt ist, turnte der 23-jährige Salzburger zwischen den Slalom-Stangen und stellte nicht nur die Nerven seiner Fans auf die Probe, sondern auch die Stahlrohrtribüne, auf der seine 40.000 rot-weiß-roten Sportfreunde wild auf und ab sprangen.

Erleichterung

Ein Blick über die Schulter Richtung Anzeigetafel, nur um sicher zu gehen, dass er Felix Neureuther (D) und Mario Matt hinter sich gelassen hatte,dann riss der Herr über die Massen die Stöcke in die Luftund ließ seiner Freude freien Lauf. Der neue Weltmeister sprang aus den Skiern und ließ sich mitten im Zielraum auf den Bauch fallen. Als bester Slalom-Fahrer der Welt kann man sich so etwas durchaus erlauben.

"Es war richtig schwer, ich habe oben alles mitbekommen", sagte Hirscher, nachdem er seine Emotionen wieder im Griff hatte. "Fragt mich in einer halben Stunde, was in mir vorgeht." Österreichs WM-Held wirkte plötzlich nachdenklich, vielleicht auch ein wenig müde von der Anspannung, die den Salzburger in den letzten Tagen begleitet hatte.

Umso erleichterter schien der Mann mit der berühmten grünen Haube dann wenige Momente später auf dem Siegespodest. Mit zerzauster Frisur und ergriffenem Lächeln lauschte der Weltmeister, als Zigtausende für ihn die österreichische Hymne sangen.

Austria's Marcel Hirscher speeds down the course a…

First placed Marcel Hirscher of Austria celebrates

Austria's Marcel Hirscher crosses the finish line …

First placed Marcel Hirscher of Austria reacts aft

First placed Marcel Hirscher of Austria dives onto

First placed Marcel Hirscher of Austria celebrates

First placed Marcel Hirscher of Austria rests afte

Austria's Marcel Hirscher reacts after winning the…

AUSTRIA ALPINE SKIING WORLD CHAMPIONSHIPS

Benjamin Raich of Austria reacts during the second

AUSTRIA ALPINE SKIING WORLD CHAMPIONSHIPS

Austria's Mario Matt speeds down the course on his…

Austria's Mario Matt celebrates after the second r…

ALPINE SKI-WM IN SCHLADMING: SLALOM HERREN / SIEGE

AUSTRIA ALPINE SKIING WORLD CHAMPIONSHIPS

AUSTRIA ALPINE SKIING WORLD CHAMPIONSHIPS

Gold medallist Marcel Hirscher of Austria waves hi

Gold medallist Marcel Hirscher of Austria celebrat

Mr. Zuverlässig

Marcel Hirscher ist ein Mann für die wichtigen Momente. Für die Rennen, in denen es um alles oder nichts geht. Das hatte der 23-Jährige vor einem Jahr bewiesen, als er nach der großen Einfädel-Debatte beim Nightrace in Schladming siegte; das hatte er auch beim Saisonfinale unter Beweis gestellt, als es für den Gesamtweltcupsieger um den „depperten Glasbecher“ ging; und das zeigte Österreichs verlässlichster Skirennläufer im letzten Rennen der WM. Mit Bravour.

Bereits im ersten Lauf hatte der Salzburger sichtlich Spaß bei der Arbeit. Mit Startnummer zwei ließ er sich von den patriotischen Massen gen Ziel schreien. "Das war wirklich sehr, sehr locker – feine Klinge", zeigte sich der Star der Branche schon nach dem ersten Durchgang zufrieden. Und das Halbzeit-Trio sollte sich auch im zweiten Lauf durchsetzen. „Die Piste hat zwar nachgegeben, aber die Topleute haben gezeigt, dass sie damit klarkommen. Es war ein extrem geiles Rennen“, sagte Österreichs Herren-Chef Mathias Berthold nach der ersten Goldmedaille in einem Einzelbewerb.

Österreichs Sportler des Jahres 2012 hatte am Sonntag nur ein Motto: „Besser ausfallen als Vierter werden.“ Dabei war die Anspannung vor dem großen Showdown auch an Mister Cool nicht spurlos vorüber gegangen. „Ich war die letzten 14 Tage on fire“, gestand der 23-Jährige, der schon Team-Gold und Silber im Riesentorlauf gewonnen hatte. „Wenn ich jetzt einen Fehler mache, dann bringen die mich um“, erzählte Hirscher über seine Gedanken vor dem Rennen. „Aber dann habe ich mir gedacht, ich kann eh’ nur so schnell fahren, wie es geht. Und das hab’ ich dann auch versucht.“

Mit Erfolg.

Je zwei Mal Gold und Silber, dazu vier Bronzemedaillen – ginge es nach der Quantität, wäre Österreich nicht die Nummer zwei hinter den USA, sondern die erfolgreichste Nation bei der Heim-WM gewesen. Eine Sichtweise, die nicht nur ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel gefallen dürfte.

Hirschers Triumph-Fahrt

Schön, wenn man belohnt wird

Der Tiroler holte nach vielen Höhen und Tiefen im letzten WM-Bewerb wieder eine Medaille. Zufrieden blickt Mario Matt in die Runde. Auf Marcel Hirscher, der neben ihm im Schnee kniet. Auf Felix Neureuther, der den Freund und Slalom-Weltmeister herzt – und auf das Publikum, das auf den Tribünen tobt.

Für den dritten Titelgewinn nach 2001 in St. Anton und 2007 in Åre hat es zwar knapp nicht gereicht, die Bronzemedaille macht den 33-jährigen Tiroler aber trotzdem glücklich. "Es ist etwas Besonderes, ein tolles Gefühl, hier dabei zu sein und eine Medaille zu machen", sagt Matt. "Schön, wenn man für seine harte Arbeit belohnt wird."

Der 14-fache Weltcupsieger weiß über Höhen und Tiefen des Skisports Bescheid. Immer wieder kämpfte der Doppelweltmeister von 2007 (Slalom und Teambewerb) mit der Materialabstimmung, immer wieder machte dem groß gewachsenen Flirscher (1,90 Meter) auch der Rücken zu schaffen. Im Dezember 2010 musste er mit einer Nummer jenseits der 50 die Rennen bestreiten. "Da war ich sehr nahe am Aufhören dran", erzählt Matt, der seinen letzten Weltcupsieg im März 2011 in Kranjska Gora errungen hat, nachdem er kurz zuvor im WM-Slalom von Garmisch-Partenkirchen Vierter geworden war.

"Jetzt bin ich froh, dass ich weitergemacht habe", sagte der Bronzemedaillengewinner, der nun also auch von seinen zweiten Heim-Weltmeisterschaften mit einer Medaille nach Hause reist.

Vielleicht ist ihm das auch deshalb gelungen, weil er den Bewerb als "Rennen wie jedes andere" in Angriff genommen hat.

Wie geschmiert

Dabei hatte der Tiroler nach Rang drei im ersten Lauf hinter Hirscher und Neureuther gar nicht glücklich gewirkt. "Die Skier sind mir zum Teil hinten ein bissl weggeschmiert, der Grip hat gefehlt", schilderte Matt seine Erfahrungen. "Es ist ein ganz eigenartiger Schnee, ganz schmierig, der Lauf ist ziemlich langsam und drehend. Es war schwierig."

Wie lange Mario Matt dem Ski-Zirkus noch erhalten bleiben wird, das lässt sich der Slalom-Dritte an diesem Sonntagnachmittag offen. "Ich möchte nicht nur fahren, um dabei zu sein. Wenn, dann will ich vorne mitfahren", sagte der Tiroler, der seit nunmehr zwei Jahren sein eigener Kopfsponsor ist – "Krazy Kanguruh" heißt sein Après-Ski-Lokal in St. Anton, dessen Logo Matts Helm ziert.

Die Entscheidung über eine weitere (olympische) Saison will der Medaillengewinner von Schladming aber erst nach dem letzten Rennen dieses Winters fällen. "Ich will erst die Saison gut zu Ende bringen und dann entscheiden, was passiert."

Ligety ist der Preisgeld-König

Neureuther beendet deutsche Durstrecke

Am 20. Februar 2011 war Felix Neureuther so richtig niedergeschlagen. Nach Platz vier bei der WM in Val d’Isère zwei Jahre zuvor sollte der Partenkirchner am heimischen Gudiberg endlich das ersehnte Gold oder zumindest die ersehnte Medaille für die deutschen Herren holen.

Geworden ist es nichts – außer einer riesigen Enttäuschung. Schon im ersten Lauf war der mediale und persönliche Druck zu groß für den 26-Jährigen, er verbremste sich auf Platz 22 und schied im zweiten Lauf aus.

Am 17. Februar 2013 aber durfte der nunmehr 28-Jährige endlich jubeln: Silber, beste deutsche WM-Platzierung seit Armin Bittners Slalom-Erfolg anno 1989; damals hatte Hansjörg Tauscher seinen überraschenden Sieg in der Abfahrt gefeiert. Und es ist die erste Medaille für die deutschen Herren seit jener von Florian Eckert 2001 in St. Anton, der damals Bronze geholt hatte, aber wegen großer gesundheitlicher Probleme 2005 zurücktreten musste und vor zwei Jahren in Garmisch Rennleiter der Herren-Bewerbe war.

"Das war heute an der absoluten Schmerzgrenze", sagte Felix Neureuther, "es ist gewaltig, da sind die Emotionen nur so hochgekommen." Und auch das eine oder andere Tränlein drängte hinauf angesichts des Riesenerfolgs vor der Riesenkulisse an der Planai.

Dass es nicht zum Sieg über seinen Kumpel Marcel Hirscher ("er hat es wieder einmal sehr gut gemacht und verdient gewonnen") reichte, das konnte den verhinderten Partyschreck aus Bayern freilich nicht verdrießen: "Die Revanche für Cordoba ist mir nicht ganz gelungen, aber nahezu. Beim nächsten Mal wird er es dann wieder schwerer haben."