WM-Analyse von Marc Janko: "Ronaldo ist in seinem Ego gefangen"

KURIER-Kolumnist Marc Janko.
Ex-ÖFB-Teamstürmer Marc Janko über die Viertelfinal-Duelle, sowie Superstar Ronaldo und seine neue Jokerrolle.

Vor der WM war für mich Argentinien der sentimentale Favorit mit dem Hintergedanken, dass Lionel Messi sein Lebenswerk krönen könnte und für viele dann endlich auf einer Stufe mit dem übergroßen Diego Maradona stehen würde. Nach den bisherigen Eindrücken führt für mich der Weg zum Titel aber über die Franzosen, die ich gegen England, auch eine großartige Mannschaft, leicht im Vorteil sehe. Weil sie immer wieder geschickt das Tempo variieren, ein Stilmittel, durch das sie stets die Kontrolle im Spiel besitzen. Das zeugt von großer Reife und Klasse.

Bei England sehe ich ein bis zwei Positionen etwas kritischer, vor allem in der Innenverteidigung. Harry Maguire ist trotz seiner Klasse immer wieder für einen Fehler gut, er hat im direkten Duell mit der französischen Offensive ein Defizit bei der Geschwindigkeit.

Modric mit Fragezeichen

Die Reise der Kroaten wird am Freitag gegen Brasilien enden. Die Seleção besitzt einfach zu viel Qualität und kann auch von der Bank die Entscheidung herbeiführen. Die Kroaten sind für mich körperlich über dem Zenit, sie pfeifen aus dem letzten Loch. Zuletzt musste Spielmacher Luka Modric, Kroatiens wichtigster Mann, gegen Japan ausgewechselt werden.

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Das Spiel Argentinien gegen die Niederlande ist ein Duell auf Augenhöhe, das vielleicht mittels Zielfoto entschieden wird. Messi hat in den vergangenen zwei Spielen richtig aufgegeigt, beteiligt sich aber kaum bis gar nicht an der kollektiven Defensivarbeit. Daher würde ich Argentinien als Team nicht über die Niederländer stellen, die bis dato recht dankbare Aufgaben hatten und schwer einzuschätzen sind, wenn es gegen einen Großen geht. Das ist nun aber der Fall.

Beim vierten Viertelfinale steht Cristiano Ronaldo im Mittelpunkt, auch wenn er wohl nicht spielen wird. Portugal ist gegen Marokko nach dem fulminanten 6:1 über die Schweiz Favorit. Ronaldo tut mir fast ein wenig leid, weil er in seinem Ego gefangen ist und die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Er hätte sich die finale Phase seiner Karriere durchaus leichter gestalten können, wenn er erkannt hätte, dass er mit 37 Jahren nicht mehr der Nabel der Welt ist und die wichtige Jokerrolle annehmen würde.

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Ronaldo im Abseits

Schade, dass ihm scheinbar sein Ego im Weg steht. Mit seiner tollen Vita hätte er dieses Verhalten auch nicht nötig, er könnte über den Dingen stehen und damit zusätzlich Sympathien gewinnen. So oder so kann Ronaldo noch immer Spiele entscheiden, selbst wenn er von der Bank als Joker kommt.

Marc Janko ist Fußball-Experte bei Sky – der 39-Jährige spielte 70-mal für das Nationalteam und erzielte 28 Tore.

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