Wenn-wenn-Situation

Anstoß: Magische Momente
Einwurf: Wenn das Land des unbegrenzten Konjunktivs gewonnen hätte, wäre es im Land des selbstbewussten Superlativs laut geworden.

Was ist der Unterschied zwischen dem deutschen und dem österreichischen Nationalteam, wenn sie gegeneinander spielen? Das deutsche ist dabei traditionell in einer Win-win-Situation. Das österreichische jammert danach stets über eine Wenn-wenn-Situation. Und zwar:

Was wäre gewesen, wenn Neuers schlechter Abschlag von Junuzovics Bein zum 1:0 für Österreich ins Tor gegangen wäre.
Was wäre gewesen, wenn sich der niederländische Linienrichter schon vor dem Spiel einer Therapie seines bewegungseingeschränkten Fahnenarms unterzogen hätte. Dann hätte er eine Abseitsstellung angezeigt.
Wenn es nicht zum Elfer und damit zum 2:0 gekommen wäre, dann hätte Junuzovic nicht das 1:2, sondern den Ausgleich erzielt.
Wenn Arnautovic bei 1:1 den Sitzer verwertet hätte, würde es heute noch die "Hymne auf San Marko" spielen. So hat er nicht einmal zum Ausgleich getroffen, weshalb es nach dem 1:2 nur ein bitterer Abgesang geworden ist.
Wenn er getroffen hätte, hätte er sich außerdem nicht die klugen Kommentare anhören müssen, dass Österreich eben ein Knipser wie weiland Krankl oder Polster fehle. Ein Duo aus der historischen Zeit der Schrittmacher im Strafraum und nicht der Kilometerfresser im freien Raum.

Zum Staunen

Wenn das Land des unbegrenzten Konjunktivs gewonnen hätte, wäre es im Land des selbstbewussten Superlativs laut geworden. Auch wenn Teamchef Löw auf jegliche Reizung des Gegners verzichtete, blitzte im Vorfeld jene Überheblichkeit durch, die den Nachbarn so beliebt macht.

So war ein Kolumnist in der Tageszeitung Die Welt überrascht von Löws Stark-Rederei des kleinen Bruders, weil wir Kollers Kanonen unweit von Sierra Leone und den Kapverdischen Inseln auf Platz 60 der Weltrangliste finden – also ungefähr dort, wo jene Länder beginnen, deren Nationaltrainer jeden Morgen etwas Rundes mitbringen und ihren staunenden Kickern verraten: "Das ist der Ball."

Dass es in Österreich rund läuft, liege nicht nur an Koller, sondern auch an Deutschland. Pogatetz, Prödl, Fuchs, Baumgartlinger, Ivanschitz, Arnautovic oder Harnik sind für den Kolumnisten Kleinkünstler, denen wir in der Bundesliga beigebracht haben, was ein Laktatwert ist, eine kontrollierte Defensive oder das hartnäckige Pressing eines Nahkämpfers.

Tja, so ist das eben mit der Nachbarschaftshilfe. Die Kleinen sind ausgestorben, die Zeiten des lustigen Zwergenweitwerfens sind vorbei – wir können im heutigen Fußball keinen mehr im Vorbeigehen in der Pfeife rauchen. Nicht einmal die Österreicher.

Vorerst ist aber Rauchpause bis zum 6. September 2013 angesagt. Aber schon jetzt stellt sich die Frage: Was wird sein beim Rückspiel in Deutschland, wenn ...

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