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04.04.2018

Vor Lazio: Die Salzburg-Mali-Connection

Wie der Europa-League-Viertelfinalist von der Arbeit eines Nachwuchsakademie-Konzerns profitiert.

Die Republik Mali, Binnenstaat in Westafrika, 18,6 Millionen Einwohner, eines der ärmsten Länder der Welt. Auch fußballerisch ist der Staat am Niger ein Entwicklungsland. Und das im wahrsten Sinn des Wortes.

Das Nationalteam fehlt zwar bei der WM 2018 wie bei allen anderen Endrunden bisher. Aber im Nachwuchs gehört Mali längst zu den stärksten Fußball-Nationen der Welt. Davon profitiert auch Salzburg. Mit Diadie Samassékou und Amadou Haidara werden am Donnerstag zwei Spieler aus Mali im Hinspiel des Europa-League-Viertelfinales bei Lazio Rom in der Startelf stehen (21.05 Uhr/live Puls4, Sky ).

Mit Spielern aus Afrika haben die Salzburger schon viel Geld verdient. Sadio Mané (23 Millionen Euro Ablöse) und Naby Keita (24 Millionen Euro) sind die teuersten Fußballer, die ein österreichischer Klub bisher verkauft hat. Zweistellige Millionensummen könnte es im Sommer auch für Samassékou und Haidara geben. Beide sind jedenfalls äußerst gefragt in Europas Topligen.

Direktimporte

Zwischen Mané und Keita sowie Samassékou und Haidara besteht aber trotzdem ein gravierender Unterschied. Während die ersten beiden Afrikaner, die in Salzburg den Durchbruch geschafft haben, sich schon in Frankreich an Europa gewöhnt hatten und erst danach nach Österreich gekommen waren, wurden die beiden Spieler aus Mali direkt aus ihrer Heimat nach Salzburg geholt.

Samassékou (22) und Haidara (20) gingen jenen Karriereweg, der typisch für das Red-Bull-Ausbildungssystem ist. Beide kamen als Talente, wurden zunächst bei Liefering an die Red-Bull-Spielweise gewöhnt und entwickelten sich bei Salzburg in kürzester Zeit zu international gefragten Spielern.

Die beiden Mittelfeldspieler verbindet nicht nur ihr Heimatland. Beide wurden in der 3,4-Millionen-Einwohner-Metropole Bamako geboren, beide lernten in derselben Nachwuchsakademie in Malis Hauptstadt den Umgang mit dem Ball.

Diese Akademie gehört zu einem Netz von zehn Ausbildungszentren weltweit, die alle von Jean-Marc Guillou gegründet wurden und bis heute von dem Franzosen geleitet werden. Guillou war WM-Teilnehmer 1978 und wurde sowohl 1974 als auch 1975 als bester Spieler der Ligue 1 ausgezeichnet.

Nach einigen Jahren als Spielertrainer und Trainer bei Nizza, Neuchâtel, Mulhouse, Cannes und in Genf erkannte er als einer der ersten das Talente-Reservoir in Westafrika. Er gründete 1993 in Abidjan seine erste Fußballschule. Damals wurden 5000 bis 6000 10- bis 13-Jährige getestet, aufgenommen wurden nur acht Jungs.

Starfabrik

Seine guten Kontakte nach Europa kamen ihm zugute, besonders jener zu Arsène Wenger, der einst bei Cannes sein Co-Trainer war. Die Touré-Brüder, die Kalou-Brüder, Emanuel Eboué oder Arthur Boka – eine ganze Generation an Fußballstars aus der Elfenbeinküste wurden in der ersten Akademie von Guillou ausgebildet. Im WM-Kader von 2006 waren 80 Prozent der Spieler aus der JMG-Akademie.

Aus dieser einen Fußballschule wurde mittlerweile ein ganzer Konzern. Guillou eröffnete nach und nach Akademien in Madagaskar (2000), Thailand (2005), Mali (2006), Algerien, Ägypten und Vietnam (alle 2007), Ghana (2008), Belgien (2009) sowie in Marokko (2011).

Mit seiner Entwicklungsarbeit hilft der 72-Jährige vielen Straßenkindern, die den Traum vom Fußballprofi leben wollen. In seinen Akademien wird nicht nur das Fußballspielen, sondern auch Allgemeinbildung gelehrt. Dazu sind Training, Unterricht, Unterkunft und Verpflegung kostenlos.

Allein die Errichtung seiner Akademie in Malis Hauptstadt soll Guillou 1,6 Millionen Euro gekostet haben. Investitionen, die durch Talenteverkäufe – zumeist abgewickelt über Partnervereine – mehr als refinanziert sind. Laut dem Nachrichtenmagazin Spiegel sollen „in der Regel 60 bis 90 Prozent der Transfererlöse“ beim Konzern bleiben.

Problemzonen

Guillou ist einer jener, die mit ihrer systematischen Kinderausbildung dafür sorgen, dass der Nachschub an Spielern aus Afrika nicht abreißt – mit allen Schattenseiten eines Millionengeschäfts. Immer wieder landen afrikanische Talente dann in Europa mittel- und obdachlos auf der Straße – oft angelockt von falschen Versprechungen unseriöser Manager.

Kritik gibt und gab es auch von den großen Fußballverbänden FIFA und UEFA. Dass Guillou 2001 beim finanziell gebeutelten belgischen Klub Beveren – auch dank einer Finanzspritze des FC Arsenal – eingestiegen war und dort Dutzende seiner Talente aus der Elfenbeinküste geparkt hatte, wurde 2006 von der englischen Football Association im Auftrag der FIFA untersucht. Verstöße gegen das Regulativ wurden allerdings keine festgestellt.

Schon fünf Jahre davor wurden allerdings vom Weltverband die Transferregeln verschärft, um den Handel mit Minderjährigen einzudämmen.

Einschränkungen

Seither dürfen Unter-18-Spieler, die nicht aus EU-Ländern stammen, nur mehr unter Auflagen von europäischen Klubs in offiziellen Bewerbsspielen eingesetzt werden. Dass sie trotzdem schon früher nach Europa kommen, bei ihren neuen Klubs zumindest zeitweise mittrainieren und sogar bei Freundschaftsspielen eingesetzt werden, lässt sich allerdings nicht verhindern. Auch in Salzburg ist das schon so praktiziert worden.

Samassékou und Haidara sind mittlerweile übrigens nicht mehr die einzigen Spieler in Österreich aus der JMG-Akademie Bamako. Seit Winter ist Mohamed Camara Kooperationsspieler in Liefering. Der Stern des 18-Jährigen ging wie jener seiner Landsleute bei einer Nachwuchs-Weltmeisterschaft auf. Kapitän Camara führte Mali bei der Unter-17-WM 2017 auf den vierten Platz. Für viele Experten ist er das größte Mittelfeldtalent, das bisher direkt aus Westafrika nach Salzburg gekommen ist.