Das Bild von Sportfotograf Christian Ort zeigt: Der Ball war im Tor

© GEPA pictures/GEPA pictures/ Christian Ort

Sport Fußball
12/02/2019

Tor oder kein Tor: Eine Frage der Perspektive

Am Sonntag wurde um das Admira-Tor gegen Salzburg gestritten. Der Professor für Geometrie sagt: Der Ball war im Tor

von Stephan Blumenschein, Andreas Heidenreich

Tor oder kein Tor? Das ist im Fußball noch immer die entscheidende Frage. Am Sonntag war es wieder einmal so weit. Es gab beim Bundesliga-Spiel Admira gegen Salzburg (1:1) heftige Diskussionen, ob der Ball bei der Abwehraktion von Salzburg-Keeper Cican Stankovic nach dem Kopfball von Sinan Bakis die Torlinie vollständig überquert hatte oder nicht?

Für Schiri-Assistent Stefan Pichler hatte das der Ball getan. Er zeigte das Rene Eisner an, der Schiedsrichter entschied darauf auf Tor für den Außenseiter, der so in der 16. Minute mit 1:0 in Führung gehen konnte.

Zwei Hauptbeteiligte hatten naturgemäß völlig andere Wahrnehmungen. Für Stankovic war es kein Tor: „Ich bin zum Schiedsrichter gelaufen und habe ihm gesagt, dass der Ball nicht drinnen war“, erzählte der Salzburg-Keeper. Torschütze Bakis meinte hingegen: „Ich habe den Ball drinnen gesehen und bin froh, dass der Schiedsrichter das Tor gegeben hat.“

Im Studio des TV-Senders Sky wurde in der Pause ein Standbild der Szene inklusive Grafik präsentiert, auf dem zu sehen war, dass der Ball die Torlinie nicht vollständig überquert hatte. Aufgenommen wurde dieses Bild von einer TV-Kamera, die auf Höhe der Strafraumlinie, also schräg zum Geschehen, positioniert war.

Streitfall

Die im Studio anwesenden Experten Hans Krankl und Marc Janko reagierten mit Skepsis. Moderator Thomas Trukesitz versuchte sie – ohne Erfolg – zu überzeugen, dass es eigentlich kein Tor war: „Das ist ganz richtig berechnet. Wir haben den elektronischen Beweis“, meinte Trukesitz.

Fast gleichzeitig veröffentlichte allerdings die Admira via Twitter ein Foto der Szene, das genau das Gegenteil zeigte. Der Ball hatte eindeutig vollständig die Torlinie überquert. Aufgenommen hatte dieses Bild Sportfotograf Christian Ort. Dieser war seitlich vom Tor positioniert, als er den Auslöser seiner Kamera betätigte.

Der KURIER legte dieses Foto Christian Müller vor. Der Universität-Professor für angewandte Geometrie an der TU Wien kam schnell zur Erkenntnis, dass die Entscheidung von Schiedsrichter Eisner korrekt war und fertigte in Windeseile auch eine Handskizze an: „Auf dem Bild ist ein Spalt zwischen Torpfosten und Ball zu sehen. Daher befindet sich der Ball rechts von einer gedachten Ebene, die das Auge (Kamera) mit der Hinterseite des Torpfosten verbindet. Damit muss der Ball hinter der Torlinie gewesen sein.“

Das Admira-Tor zeigte auch die Grenzen des Video-Schiedsrichters (VAR) auf, der ja mit Beginn des Jahres 2021 in Österreich eingeführt wird. Dieser ist abhängig von den TV-Kameras, die ihm jene Bilder liefern, mit denen er die Entscheidungen des Schiedsrichters auf dem Spielfeld überprüft.

Zweites Hilfsmittel

Da nicht immer eine TV-Kamera genau auf Höhe der Torlinie positioniert ist, kommt in den großen Ligen wie in England oder Deutschland, bei der WM und der EM, aber auch in der Champions League, bei der Entscheidung Tor oder nicht Tor ein anderes technisches Hilfsmittel zum Einsatz: die Torlinien-Technologie.

In Österreich wird indes nur der VAR eingeführt, auf die Torlinientechnologie wird verzichtet – aus Kostengründen. Diese liegen zwischen 7.000 und 8.000 Euro pro Spiel. Über eine gesamte Bundesliga-Saison (195 Spiele) würden also rund 1,4 Millionen Euro anfallen – also in etwa noch einmal so viel, wie der Einsatz des VAR pro Saison kosten wird.

Da solche Fälle wie jener am Sonntag in der Südstadt relativ selten sind, kamen die Vereine und die Bundesliga schnell überein, darauf zu verzichten. Die wichtigste Entscheidung im Fußball, die Frage Tor oder nicht Tor, wird also auch in Zukunft nicht in jedem Fall 100-prozentig zu klären sein.

Ein Zahlenvergleich: Die zwölf Bundesligisten hatten in der Saison 2018/’19 einen Gesamtumsatz von fast 300 Millionen Euro, die Personalkosten betrugen insgesamt rund 140 Millionen Euro. Die jährlichen Kosten für die Torlinientechnologie würden also nicht einmal 0,5 Prozent des Gesamtumsatzes sowie ein Prozent der Personalkosten ausmachen.