Sport | Fußball
04.10.2017

Syrien: Fußball in einem zerschundenen Land

Ein Team versucht mit der WM-Qualifikation ein kleines Stück der Normalität zurückzuholen.

In der 93. Minute lief in Teheran der syrische Spieler mit der Nr. 9 von rechts auf das Tor der Iraner zu, erreichte den Pass und schob den Ball durch die Beine des Tormanns. 2:2 Ausgleich. Syrien hat sich in letzter Sekunde auf Rang der Gruppe gerettet. Der WM-Traum lebt.

In Zeiten der größten Krise des Landes schafften die Fußballer aus Syrien den größten Erfolg der Geschichte. Noch nie war man so weit gekommen. Am 5. Oktober und 10. Oktober spielt man gegen Australien um die Chance auf die Relegation gegen den Vierten aus Nord- und Mittelamerika.

Laut UNO sind rund 400.000 Syrer im seit 2011 tobenden Bürgerkrieg gestorben. An Nebensächlichkeiten wie eine WM-Qualifikation ist im gespaltenen Land nicht zu denken. Das Heimspiel wurde in das Hang Jebat Stadion von Krubong verlegt. Krubong befindet sich allerdings fünf Kilometer vom internationalen Flughafen der Küstenstadt Malakka in Malaysia entfernt. Und laut Routenrechner ist Malakka weit weg. 7665 Kilometer von der syrischen Hauptstadt Damaskus.

Tragischer Held

Al Soma, der Mann mit der Rückennummer 9, rannte zur Kornerfahne und sank auf die Knie. "Ausgerechnet Soma. Es musste Soma sein", sagte der syrische Kommentator des katarischen Sportsenders beIn. Er sagte es aber nicht nur, weil Soma der beste Fußballer des Landes ist. Der 1,92 Meter große Stürmer hat es beim saudischen Klub Al-Ahli Dschidda (wird derzeit vom ehemaligen ukrainische Starkicker Sergej Rebrow trainiert) in 108 Spielen auf 109 Tore gebracht.

Am Tag seines historischen Tors hatte die syrische Armee seine Heimatstadt Deir ez-Zor von der IS befreit. Das dürfte Soma gefreut haben, auch wenn er mit dem Regime von Assad nicht viel am Hut hat. 2012 hat er sich als Anhänger der Rebellen geoutet, damit war seine Teamkarriere nach nur einem Spiel beendet, er musste fliehen. Angeblich stand Al-Soma Ende 2014 auf einer Liste von mehr als 500.000 im Ausland lebenden Syrern, für die der syrische Geheimdienst Haftbefehle ausgestellt hatte.

Verfolgte Fußballer

Die blutige Niederschlagung der Proteste hat vor sechs Jahren das Land gespalten. Und damit auch das Nationalteam. Firas al-Kathib trat zurück und schwor nicht mehr für Syrien zu spielen, so lange dort die Bomben fallen. Der Teamkapitän stammt aus der Rebellenhochburg Homs.

Firas al-Ali verließ über Nacht ein Trainingslager des Nationalteams, nachdem sein 13-jähriger Cousin bei Protesten erschossen worden war. Er lebt noch immer in einem Zelt in einem türkischen Flüchtlingslager.

In den ersten Jahren des Aufstands waren auch die Profifußballer nicht sicher. Insgesamt 38 Spieler aus den beiden höchsten Ligen sollen vom Regime erschossen, bei Bombenangriffen gestorben oder zu Tode gefoltert worden sein. IS-Schergen köpften in ihrer ehemaligen Hauptstadt Rakka vier Spieler des Klubs al-Shabab.

Seit Anfang dieses Jahres sucht der syrische Verband Kontakt mit den oppositionellen Spielern. Assad weiß um die Propagande-Wirkung, wenn seine Syrer bei der WM im Landes des Verbündeten, in Putins Russland, tatsächlich antreten sollten. Deshalb ist er bereit, zu "verzeihen". Und signalsierte sogar die Möglichkeit, Teamchef Fajr Ibrahim Ende 2016 trotz dessen sportlichen Erfolgs entlassen zu lassen. Der Trainer war im November 2015 zu einem Pressetermin vor einem Länderspiel mit einem T-Shirt mit dem Konferfei des Diktators erschienen. "Der beste Mann der Welt" stand unter Assads Bild.

Rückkehrer

Verbandspräsident Osama Omari durfte damals neben dem Coach stehen. Dieser wurde mittlerweile durch Hakeem ersetzt. Und Omari muss keine Assad-Leiberl tragen. Kein Teamspieler muss das. Omari ist einer der wenigen Akteure, die noch in Syrien engagiert sind. Die Armee, bei der er angestellt ist, verleiht ihn an Al Wahda Damaskus.

Aber die Rückkehr fiel den Revoluzzern wahrlich nicht leicht. Firas al-Ali wird nie wieder spielen, so lange Assad an der Macht ist. Al-Kathib sagte dem US-Sender ESPN: "Egal, wie ich mich entscheide. Zwölf Millionen Syrer werden mich lieben, und zwölf Millionen werden mich töten wollen."

Aber er kehrte zurück. Ebenso al-Soma. Nach dem 2:2 kannte der Jubel in Syrien keine Grenzen. Denn das Spiel in Teheran war in Damaskus zu verfolgen, das Regime hatte auf drei großen Plätzen in der Hauptstadt riesige Leinwände aufstellen lassen.

Sollte Syrien Australien ausschalten, dann ist im letzten Duell um ein WM-Ticket der Vierte aus Nord- und Mittelamerika der Gegner. Brisantes Detail am Rande: Zwei Spieltage vor Schluss ist das die USA. Unter Präsident Obama größter Gegner des Assad-Regimes, hat die USA nun einen Präsidenten, der keine Menschen aus Syrien einreisen lässt.