Sport | Fußball
13.07.2018

Rudolf Edlinger: „Sport ist ein unglaubliches Transportmittel“

Als Rapid-Präsident ließ er die Rolle des Vereins in der NS-Zeit aufarbeiten. Als DÖW-Präsident ortet er bedenkliche Tendenzen

Rudolf Edlinger war bis 2000 der letzte SPÖ-Finanzminister, bis 2013 führte der gelernte Schriftsetzer als Präsident den SK Rapid. Besonders am Herzen liegt dem 78-Jährigen sein Ehrenamt als Präsident im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW). Als Rapid mit Stolz an den Titel des „Deutschen Meisters 1941“ erinnerte, traf die Kritik daran bei Edlinger einen Nerv.

KURIER: Wie kam es, dass Rapid als erster Fußballverein Österreichs seine Geschichte in der NS-Zeit aufgearbeitet hat?

Rudolf Edlinger: 2009 wurde Rapid 110 Jahre alt, dazu haben wir Schalke eingeladen, also den Finalgegner beim Sieg in der Deutschen Meisterschaft 1941. Es gab massive Kritik im Fußballmagazin „Ballesterer“, dass wir uns eines Titels berühmen, ohne auf die besonderen Umstände hinzuweisen. Das stimmt, und da hab’ ich mich über mich selbst geärgert. Besonders mit meiner politischen Einstellung und der Funktion als Präsident im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands hätten wir selbst viel früher darauf kommen können. Die Vergangenheitsbewältigung hat in Österreich generell spät begonnen.

Wie haben Sie das damals miterlebt?

Erst 1991 hat Bundeskanzler Vranitzky festgestellt, dass Österreich nicht nur Opfer, sondern auch Täter war. Andererseits ist klar, dass nicht jeder, der mitgemacht hat, ein überzeugter Nazi war. Da waren viele Mitläufer dabei. Die mehrheitliche Meinung der Bevölkerung war aber gegen die neue Dynamik bei diesem Thema. Da hieß es eher „Ohren zu“.

Wie lief die Aufarbeitung bei Rapid ab?

Wir haben 2009 eine historische Arbeit, begründet auf wissenschaftlichen Fakten, beschlossen. Das hat eineinhalb Jahre gedauert, beteiligt waren die Journalisten vom „Ballesterer“ und Historiker vom Dokumentationsarchiv. Von mir gab es keine Einschränkungen, außer, dass die Arbeit in einer allgemein verständlichen, nicht zu wissenschaftlichen Sprache veröffentlicht werden soll. Das sollte für die breite Masse zugänglich sein – mittlerweile gibt es die dritte Auflage.

Im Rapideum gibt es die „Lade, die nicht zugeht“. Die Inhalte behandeln Rapid in der NS-Zeit. Wessen Idee war das?

Ich weiß es nicht, ich halte sie aber für unglaublich wichtig. Über diese Lade redet jeder, der in das Vereinsmuseum kommt. Fast jeder versucht zuerst, sie zu schließen und kommt dann dahinter, wie interessant die Inhalte sind.

Ein Ergebnis der Untersuchungen ist, dass kein Rapid-Spieler bei der NSDAP Mitglied war. Hat Sie das überrascht?

Ja, weil sicher viele angesprochen wurden. Die Mehrheit der Fans kam aus der Arbeiterschicht und die war für rechte Parteien immer ein großes Ziel. Da hat Mut dazu gehört, als Rapid-Spieler nicht zur Partei zu gehen. Alfred Körner ist einer der letzten Spieler, der davon erzählen kann: Seiner Erinnerung nach hat die Politik im Verein so wenig Rolle wie möglich gespielt.

Ein anderes Ergebnis lautet: Ein Spieler wurde später wegen Kriegsverbrechen verurteilt …

… auf der anderen Seite sind elf Spieler im Krieg gefallen. Mir war wichtig, dass nichts verschwiegen wird. Historische Tatsachen zählen – Punkt.

Es ist öfter zu hören, dass sich die Jugend nicht mehr mit den Naziverbrechen beschäftigen will. Ist das gut 70 Jahre danach verständlich oder gefährlich?

„Schauen Sie nach Ungarn oder Polen. Ich bemerke solche Tendenzen auch in Österreich. Wenn man nicht aufpasst, werden Dinge Realität, die man nicht für möglich gehalten hätte.“

Rudolf Edlinger | Präsident im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes

Das Dokumentationsarchiv arbeitet viel in den Schulen, organisiert Fahrten nach Mauthausen und ähnliches. Auch wenn die Jungen nicht so interessiert sind, kann man sie so mit dem Thema vertraut machen. Mich macht eher betreten, dass ich öfter von Älteren aus meiner Generation höre: „Gib’ doch endlich eine Ruhe mit dem Ganzen!“ Das ist eines der „Geheimnisse“, warum eine ganz spezielle Partei so großen Zuspruch in Österreich erntet. Solche Tendenzen kommen nicht von heute auf morgen, sie sickern langsam ein. Schauen Sie nach Ungarn oder Polen. Ich bemerke solche Tendenzen auch in Österreich. Wenn man nicht aufpasst, werden Dinge Realität, die man nicht für möglich gehalten hätte.

In Ihrem Vorwort haben Sie geschrieben: „Kein gesellschaftlicher Bereich kann sich vollständig der Politik entziehen.“ Ist es deswegen nötig, dass ein Fußballverein politische Fragen für sich klärt?

Alle Bereiche haben eine Beziehung zur Politik, auch wenn das manche nicht glauben wollen. Sport ist ein unglaubliches Transportmittel, weil es viele interessiert. Selbst als ich Finanzminister war, habe ich viele Zeitungen hinten, also beim Sport, zu lesen begonnen. Besonders nach Rapid-Siegen (lacht). Als Rapid-Präsident war es mir wichtig, politisch zu allen Äquidistanz herzustellen. Ich wollte im Kuratorium von allen Parteien Vertreter dabei haben, nur mit der FPÖ hab’ ich mir immer schwer getan.

Wie geht es Ihnen damit, wenn der Sportminister ein rauchender FPÖler ist, der sich als Rapid-Fan darstellt?

Ich war über diese Darstellung als Rapid-Fan überrascht, weil ich Herrn Strache nie bei uns im Stadion gesehen habe. Aber es ist zulässig, auch wenn ich die Inhalte und Absichten der FPÖ aus dem tiefsten Inneren meines Herzens ablehne. Eigentlich ist es mir wurscht, was Herr Strache für Rapid empfindet oder nicht.

Rapid hat die Geschichte aufgearbeitet, danach Sturm, die Austria ist dabei – befürchten Sie, dass die Politik diese Arbeit unter dem Motto „Niemals vergessen“ nicht mehr unterstützen wird?

Ich glaube nicht, dass Faschismus-Forschung künftig behindert werden wird. Es ist bedauerlich, dass es mittlerweile kaum noch Zeitzeugen gibt. Jedenfalls werden auch Parteien, die am rechten Rand stehen, abstreiten, dass sie irgendetwas damit zu tun hätten. So wie sich heute manche „Identitäre“ nennen, früher sagte man ganz einfach „Neonazi“. Da ist dann die Frage: Was glaubt man?

Zum Schluss: Rapid hat nur fünf Wochen, zwischen Ende März und 1. Mai 1945 nicht gespielt. Ist das eine Erklärung für die Bedeutung des Fußballs?

Wenn ich damals Fußball-Funktionär gewesen wäre, hätte ich auch versucht, möglichst bald Spiele auszutragen. Wenn alles in Schutt und Asche liegt, gibt es eine Sehnsucht nach Normalität. Fußball kann Optimismus vermitteln.

Das Interview erschien im KURIER-Magazin "History - Schicksalsjahre: Wie  die Ereignisse von 1918, 1938 und 1968 Österreich prägten", das im Handel weiterhin erhältlich ist.

Die erwähnte wissenschaftliche Aufarbeitung "Grün-weiß unterm Hakenkreuz" (Spitaler, Rosenberg) ist im Fanshop im Allianz Stadion erhältlich. Rapid plant aufgrund des anhaltenden Interesses eine weitere Buch-Auflage.