Sport | Fußball
03/12/2019

Präsident Christian Jauk: "Sturm ist der Anti-Zeitgeist"

Im KURIER-Interview spricht der Sturm-Präsident über die Lage sowie die Ziele in Graz und überrascht mit neuen Stadionplänen.

Wie immer bei Heimspielen wird Sturm-Präsident Christian Jauk, 53, auch am Sonntag beim Showdown gegen die Austria in der Grazer Merkur Arena sein. Dafür muss beim Vorstand der GRAWE Bankengruppe Zeit bleiben.

KURIER: Sturm kämpft weiter um den Platz in der Meistergruppe. Wie schlimm wäre der Sturz aus den Top 6?

Christian Jauk: Vor dem Salzburg-Spiel sah es so aus, als wäre für uns ein kleines Wunder nötig. Jetzt haben wir es selbst in der Hand. Ein Finalspiel, in dem wir gewinnen müssen – keine einfache Aufgabe, aber wir freuen uns auf diese Chance. An ein Scheitern will ich gar nicht denken, weil ich als Optimist davon ausgehe, dass wir in den Top 6 bleiben werden.

Wirtschaftlich berechnet haben Sie den Worst Case aber, oder?

Nein. Wir haben finanzielle Polster angelegt, das ist für so eine Situation nötig.

So wie im Fußball ist in Ihrem Beruf nicht alles zu berechnen. Wo ist mehr Risiko erlaubt: In den Banken oder im Fußball?

Im Fußball gibt es mehr Variable, deswegen ist es riskanter. Positiv betrachtet gibt es statistisch aber mehr Chancen für den Underdog, mehr als in anderen Sportarten. Deswegen macht mir das verstärkte finanzielle Auseinanderdriften Sorgen. Ich verfolge die Entwicklungen des modernen Fußballs mit großen Bedenken.

Soll Sturm deshalb ein Gegenmodell sein?

Ja, das ergibt sich aus unserer Tradition. Sturm ist der Anti-Zeitgeist. Im Stadion kann man Gemeinsamkeit mit Leidenschaft erleben. Die persönliche Begegnung steht im Vordergrund. In einer digitalen Welt, in der es virtuelle Freundschaften gibt und oberflächliche Begeisterung für einen Augenblick, bleibt Sturm ein unabhängiger Verein der Mitglieder, wie eine Familie. Wir entscheiden selbst über unser Schicksal, auch wenn wir damit Gefahr laufen, die wirtschaftliche Seite nicht zu optimieren. Das unterscheidet uns von anderen und darauf sind wir stolz.

Sturm ist finanziell schon lange die Nummer vier der Liga. Der Abstand zu den Wiener Klubs ist durch die neuen Stadien aber größer geworden ...

... genau. Mein schwarz-weißes Herz leidet darunter, dass wir in einem neutralen Stadion spielen müssen und unsere Chancen damit einschränken. Fußball braucht Emotion, Emotion braucht Heimat. Unsere Gruabn, die heuer ihr 100-Jahr-Jubiläum feiert, lehrt uns, dass die Entwicklung eines Vereins unmittelbar mit der Heimstätte verbunden ist. Daher waren wir in Liebenau immer an einer langfristigen Pachtvariante interessiert. Mit der Entwicklung des GAK ist das leider unwahrscheinlicher geworden. Es gibt dazu aber alternative Zugänge.

Und zwar?

Graz hat Nachholbedarf, der mit einem Modernisierungsbeschluss der Stadt gelöst werden soll. Dennoch bleibt eine Lücke zu anderen Städten, etwa Linz. Dort gibt es zwei bundesligareife Stadien und eine neue Arena soll errichtet werden. In Wien kommt mit der Revitalisierung des Sportclub-Platzes eine gute Idee, die auch in Graz umgesetzt werden sollte: Ein kleineres kostengünstigeres Stadion, das auch für andere Zwecke genutzt werden könnte. So könnten Sturm und der GAK eine eigene Heimstätte bekommen.

Ist das politisch umsetzbar?

Wir sind in dieser Frage von der Politik und ihren Möglichkeiten abhängig. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir so weit nicht entfernt liegen. Wir stehen zu unserer sozialen Verantwortung, haben deswegen auch ein starkes Frauen-Team und ein Special Needs Team gegründet. Die Stadt Graz hat in der Sportinfrastruktur viel unternommen. Aber wir brauchen eine langfristige Lösung.

Sie sprechen oft von Tradition und Emotion. Sind das für Sie die zentralen Werte von Sturm?

Gegründet von Menschen verschiedenster sozialer Schichten steht Sturm für eine Wertegemeinschaft, die Emotion und Tradition verbindet. Diese Botschaft müssen wir auf die nächste Generation übertragen. Das Jubiläumsjahr ist eine gute Gelegenheit, um auf unsere Wurzeln hinzuweisen.

Welche Botschaft ist im Jubiläumsjahr besonders wichtig?

Am 1. Mai, unserem 110. Geburtstag, gedenken wir Gründungsmitglied Fritz Longin, der aus Leoben die Lederwuchtl nach Graz gebracht – mit dem Fahrrad. Deswegen werden wir diese 70 Kilometer ebenfalls mit dem Radl fahren, bis in den Grazer Augarten. So ist der Sturm-Geist entstanden: Longin ist danach abgestiegen und hat zwei Stunden lang alles für Sturm gegeben.

In der Liga kämpfen Rapid und Sturm um das letzte Ticket in der Meistergruppe. Beim Schlüssel der TV-Gelder wurde zusammengearbeitet. Ist da eine neue Allianz entstanden?

Zwischen Sturm und Rapid existiert eine hohe emotionale Rivalität, trotz vieler historischer Parallelen. Inhaltlich wurde durch den TV-Verteilschlüssel eine gemeinsame Linie erzwungen. In dieser Frage gab es eine Nähe, die dann beide Seiten positiv erlebt haben.

Sollten die Wiener Klubs wieder in den Liga-Aufsichtsrat?

Ja, das habe ich als Mitglied im Aufsichtsrat deutlich empfohlen. Ich setze mich auch dafür ein, dass es zumindest ein Gastrecht für entscheidende Themen gibt. Es ist unumgänglich, einen Wiener Vertreter in den Gremien dabei zu haben.

Ist das Image der Liga durch den dauernden Streit um TV-Gelder ernsthaft beschädigt?

Die Diskussion hat der Liga ohne Zweifel geschadet. Das Ergebnis mit dem einstimmigen Beschluss war dann aber überraschend positiv. Dieses Ergebnis müssen wir jetzt auch leben.