Sport | Fußball
05.12.2011

Polens wechselhafter EURO-Kurs

Polen testet gegen Deutschland und kämpft gegen schlechte Stimmung, Baustellen und Hooligans.

Das Spiel vor fast genau 15 Jahren gegen Polen ist dem deutschen Fußballbund noch immer peinlich. Nicht wegen des Ergebnisses. Erstmals trat man als Europameister zu einem offiziellen Länderspiel an und gewann 2:0 in Zabrze. Dort, nur 30 Kilometer vom ehemaligen Konzentrationslager Ausschwitz entfernt, zeigten deutsche Fans ihre Gesinnung.

"Schindler-Juden, wir grüßen euch", schrieben sie auf ein Transparent. Es war eine Anspielung auf die im Zweiten Weltkrieg vom deutschen Industriellen vor der Vergasung geretteten Juden. Zudem randalierten etliche Fans im Stadion und danach in der Stadt.

Der Schock dieser Ereignisse wirkt noch immer nach. Am Dienstag waren nur 500 Fans beim Freundschaftsspiel zwischen Polen und Deutschland im Stadion in Danzig. Sämtliche Tickets wurden über den "Fanclub Nationalmannschaft" vergeben und sind personalisiert. Außerdem wurden die Stadionkassen am Dienstag nicht geöffnet.

Brennpunkt Fans

Trotzdem herrschte Nervosität vor der Partie, der DFB schickte zusätzlich zwölf Fanbetreuer mit, um Auseinandersetzungen zwischen deutschen und polnischen Fans zu verhindern. Vor fünf Jahren kam es bei der WM zu unschönen Szenen in Dortmund rund um das Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Polen. Damals verhaftete die deutsche Polizei mehr als 400 Chaoten.

Es waren in den letzten Monaten vor allem gerade die polnischen Fans, die die Polizei im Land auf Trab gehalten haben. Dieses Jahr gab es bereits zwei Tote bei Konflikten zwischen verfeindeten Fanklubs. Die sind oft unterwandert von Subjekten aus der organisierten Kriminalität und/oder haben Kontakte zur Neonazi-Szene. Zuletzt gab es aber ernst zu nehmende Aktionen, um die davor unkontrollierbare Hooligan-Szene in den Griff zu bekommen.

Brennpunkt Politik

Offensichtlich wurden die Probleme mit den Hooligans beim Cupfinale im Mai, als Randalierer das Stadion verwüsteten. Premierminister Donald Tusk war sich danach gar nicht mehr so sicher, ob man die EM überhaupt ausrichten solle. Die Schrecksekunde dauerte aber nicht lang, das Vorgehen gegen die Hooligans wurde dafür umso härter. Nur Tage nach dem Eklat stürmten Antiterroreinheiten die Wohnungen der identifizierten Rädelsführer, 26 Personen wurden festgenommen.

Und demnächst soll ein Gesetz in Kraft treten, dass Randalierer noch im Stadion verurteilt werden können, dafür sollen Richter per Videokonferenz zugeschaltet werden. Zudem sollen Fußfesseln eingesetzt werden dürfen, um Stadionverbote kontrollieren zu können.

Aber nicht nur die Fanszene ist in Polen noch eine Baustelle, dieser Begriff trifft auch noch auf zwei der vier Stadien zu. Das Spiel gegen die Deutschen hätte eigentlich in Warschau stattfinden sollen. Doch das dortige Stadion ist noch immer nicht fertig. Kürzlich wurde die Fertigstellung der Fassade mit einem Feuerwerk gefeiert. Doch innen drin gab es noch "Konstruktionsprobleme", wie es offiziell heißt. Das große Eröffnungsfest soll im November gefeiert werden. Auch das Stadion in Breslau ist noch nicht fertig, das in Posen hingegen schon.

Brennpunkt Stadien

Aber auch in Danzig, wo am Dienstag gespielt wurde, war nicht alles eitel Wonne. Die Spezialisten der Feuerwehr stellten bei der Abnahme vor dem Spiel 26 Brandschutzmängel fest. Sie gaben ihre Zustimmung für die Austragung des Spiels erst nach Intervention durch den Bürgermeister.

Einer Umfrage zufolge glauben mehr als 60 Prozent der Polen, dass die EM im Fiasko endet - organisatorisch, nicht sportlich. Die Autobahnen werden wohl nur teilweise ausgebaut oder erneuert. Die Verbindung Berlin-Warschau wird wohl nicht fertig werden, fehlen doch immerhin noch die letzten 92 Kilometer ab Lodz. Die Hauptbahnhöfe gleichen riesigen Baustellen, die in kürzester Zeit zu luxuriösen Bahnstationen umgebaut werden sollen.

Treffpunkt EM-Camp

Die deutschen Teamspieler bekamen von den Problemen nichts mit. Das Fünf-Sterne-Hotel "Dwor Oliwski" im Badeort Sopot ist ein herrschaftlicher Gutshof aus dem 17. Jahrhundert, malerisch im Park, 15 Kilometer von Danzig entfernt. Der deutsche Verband hat es schon als EM-Quartier gebucht, hat man mit dem 6:2 gegen Österreich das Ticket doch schon fix gebucht.

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