Ein Jahr ÖFB-Teamchef: "Gegen Stärkere brauchen wir einen Plan B"
Ein Jahr, heißt es, braucht man, um in einem neuen Job anzukommen. Am 21. Jänner 2025 trat Alexander Schriebl, zuvor Coach des FC Bergheim, die Nachfolge von Irene Fuhrmann beim ÖFB-Frauenteam an. Im KURIER blickt er zurück und nach vorne.
Sind Sie in Ihrem Amt angekommen?
Ja. Man kennt die Abläufe, kennt die Spielerinnen. Am Anfang war es schon sehr herausfordernd. Es gab wenig Anlaufzeit, es ging sofort um Ergebnisse. Das Jahr ging schnell vorbei. Erst im Dezember, nach Trainingslager und Testspielen, war etwas Zeit zum Durchschnaufen und Zurückblicken.
Was hat sich verbessert in dem Jahr?
Ich bin sehr zufrieden mit dem Start. Und mit vielen Spielen, wenn auch nicht immer mit den Ergebnissen. Wir hatten riesige Herausforderungen, etwa die Verletzten vor den Play-offs – es war richtig toll, wie die Spielerinnen das gemeistert haben. Wir mussten uns erst finden: Wie wir spielen wollen, unsere neue Ausrichtung, eine Identität schaffen – einen Fußball mit Wiedererkennungswert.
Dieser Spielstil hat auch Herausforderungen offenbart. Die hohe Intensität zum Beispiel. Wie kann man als Teamchef dafür sorgen, dass das intensive Spiel 90 Minuten durchgehalten wird?
In erster Linie braucht man das Commitment der Spielerinnen. Das war von Anfang an da. Dass man sich körperlich verbessert, ist etwas, das die Spielerinnen selbst übernehmen müssen – auch mit Unterstützung unserer Athletikabteilung. Wir können Gegner, die auf ähnlichem Niveau sind wie wir, mit unserer Spielweise kontrollieren, teilweise auch dominieren. Gegen Stärkere haben wir gemerkt, dass wir einen Plan B brauchen.
Was ist der Plan B?
Vielleicht eine andere Grundordnung schaffen, Pressinglinien verschieben. Wir wollen aber trotzdem, wenn wir den Ball haben, so schnell wie möglich unser Spiel durchziehen und wieder nach vorne kommen.
Wie kann man dem anfänglichen Mangel im Spielaufbau entgegenwirken?
Die Frage ist, wo man das Spiel aufbauen will. Es muss nicht immer vor dem eigenen Tor sein. Wir haben viele Chancen kreiert, auch wenn es nicht immer zu einem Tor gekommen ist. Wenn dann kein Tor fällt, ist die Chance schnell vergessen. Ich bin nicht der Meinung, dass wir die Spiele gewinnen, indem wir gut im Spielaufbau sind, sondern in der Spielfortsetzung und vor allem im Spiel gegen den Ball.
Wie steht es um Commitment und mentale Stärke im Team?
Daran fehlt es sicher nicht! Es braucht eben alles seine Zeit. Wir haben durch die vielen Verletzungen in kürzester Zeit fast 500 Länderspiele an Erfahrung verloren. Die „Wirbelsäule“ des Teams war weg – mit Manuela Zinsberger, Sarah Zadrazil und dann auch noch Marie Höbinger und Lilli Purtscheller. Auf einmal hast du eine Situation, in der von heute auf morgen andere in die Verantwortung rutschen.
ÖFB-Teamchef Alexander Schriebl im Gespräch
Sie haben die Chancenauswertung erwähnt. Fehlt dem Team der „Killerinstinkt“?
Das sind die Zusatzaufgaben der Profis. Daran kann jede nur selbst arbeiten. Manchmal kriegst du nur ein, zwei Möglichkeiten im Spiel, da sollte es dann funktionieren. Und wenn nicht, fängt man zum Überlegen an. Als Trainerteam legen wir nicht den Fokus darauf, dass die Chancen nicht verwertet werden, sondern darauf, dass wir sie uns erspielt haben. Natürlich wäre es schön, wenn wir aus jeder Chance ein Tor machen. Aber vielleicht sind wir das nicht. Vielleicht müssen wir daran arbeiten, uns die eine Chance mehr zu erarbeiten. Und wenn wir gut verteidigen, wird das auch reichen.
Haben Sie die richtigen – und auch genügend – Spielerinnen für Ihren Spielstil?
Wir haben auf jeden Fall die richtigen. Das war mir von Anfang an klar. Wenn alle fit sind, dann haben wir auf jeden Fall auch genügend.
Kommt genug nach im Nachwuchs? Tut Österreich genug für den Frauenfußball?
Es werden große Schritte gemacht. Wir sollten mehr in die Professionalität gehen, müssen mehr Mädchen zum Fußball bringen. Da setzen wir mit ÖFB und Frauenakademie die Schritte. In der Bundesliga kommen die Traditionsvereine immer mehr in Schwung, was dem Frauenfußball generell guttut.
Wo steht Österreichs Frauenfußball international?
An die Spitzennationen heranzukommen, wird schwer. Wir müssen darum kämpfen, die Position zu halten. Auch hinter uns wird investiert, ich denke an Polen und Finnland. Ein U23-Team würde uns guttun, damit der Sprung zur Kampfmannschaft nicht so groß ist. Wir müssen Werbung machen und auf Dinge hinweisen, die gut sind. Auf diese Weise können wir neue Vorbilder schaffen.
Kommentare