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Sport Fußball
04/16/2021

New-York-Coach Struber: "Cool, wie gastfreundlich alle sind"

Saisonstart in der Major League Soccer. Der Trainer aus Österreich ist sprachlich gewachsen, hoch motiviert und Corona-geimpft.

von Andreas Heidenreich

Vom Lavanttal nach England und von der Insel über den großen Teich. Der Aufstieg von Gerhard Struber ist steil. Der ehemalige Trainer des Wolfsberger AC und des FC Barnsley über sein neues Abenteuer bei den New York Red Bulls.

KURIER: Sie sind seit Ende Jänner in den USA. Was haben Sie schon gesehen vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten?

Gerhard Struber: Noch nicht viel. Natürlich war ich das eine oder andere Mal in Manhattan und habe mich beeindrucken lassen von der Größe und der Skyline. Aber es ist gerade richtig viel zu tun. Wir haben in den letzten Monaten viel Energie aufgebraucht, um die richtigen Jungs zu uns zu holen und wollen jetzt eine Mannschaft formen, die schlagkräftig ist und in späterer Folge die Power hat, um um Titel zu spielen.

Bei Ihrem letzten Klub Barnsley sind Sie während der Meisterschaft eingestiegen. Jetzt haben Sie eine fünfwöchige Vorbereitung hinter sich. Der Traum eines jeden Trainers, um seine Ideen zu implementieren?

Ja, die Zeit ist wirklich wichtig gewesen. Denn gerade bei den vielen neuen, jungen Spielern war gefährliches Halbwissen unterwegs, was etwa Pressing betrifft. Daher war es gut, den Reset-Knopf zu drücken und alle auf ein gleiches Level zu bringen.

Beschreiben Sie bitte gefährliches Halbwissen im Pressing. Attackiert da jeder, wann er will?

Zum Beispiel, und dann wird es wild. Es gibt viele, die pressen aus der Motivation heraus. Da gilt es, ihnen bewusst zu machen, wann es Sinn macht, effizient hoch zu pressen, wann es wiederum Sinn macht, in ein Mittelfeldpressing zu kommen, aber auch wann es gilt, über den Ballbesitz wieder Energie zu tanken. Wir wollen ja nicht ins Leere laufen und Energie vergeuden, sondern dem Gegner in gewissen Räumen den Ball abnehmen und dann gemeinsam schnell umschalten. Es gibt viele Dinge, wo wir noch relativ am Startpunkt sind, zugleich erlebe ich aber jeden einzelnen mit einer extremen Motivation. Wir haben eine coole Mischung aus amerikanischen Burschen, Südamerikanern und Spielern aus Europa. Da ist viel Herz drin und das ist gut so. Aber wir brauchen eine Mischung aus Herz und Hirn - dann wird es auch funktionieren.

Wie erleben Sie die Mentalität der US-amerikanischen Sportler im Vergleich etwa mit Österreichern?

Die Einstellung, alles zu geben, ist hier extrem ausgeprägt. Ich habe das schon auch in England und Österreich erlebt, aber es zeichnet die amerikanischen Spieler durchwegs aus, dass sie einen wahnsinnigen Willen haben, Dinge durchzuziehen und zugleich wollen sie aber auch wissen, warum und weshalb wir gewisse Dinge tun. Da musst du als Trainer gute und greifbare Antworten liefern.

Welchen Einfluss hatte die Pandemie auf Ihre bisherige Arbeit?

Wir hatten sechs Testspiele geplant, wegen positiven Fällen sind es nur zwei geworden. Das hat meinen Plan schon etwas auseinandergenommen. Die beiden Partien haben uns weitergebracht, wir könnten aber schon weiter sein. Aber ich will nicht jammern, so ist das eben in diesen Zeiten.

Laut Vereins-Homepage haben Sie einen Betreuerstab von 15 Personen unter sich.

Wir sind super aufgestellt, was das Coaching-Team und die ganze Analyse-Abteilung betrifft. Viele Spezialisten, die mich gut informieren. Egal ob es den Gegner betrifft oder es wichtige Daten in der Nachbereitung eines Trainings sind. Es sind viele schlaue Köpfe um mich herum und die brauche ich auch, um am Ende bestmögliche Entscheidungen zu treffen. Die Ziele sind schließlich hoch.

Wie lauten sie konkret?

Die große Vision ist, den MLS-Cup (den Liga-Titel, Anm.) zu gewinnen. Ich bin aber nicht blauäugig und weiß, auf welchem Level du auch hier dafür sein musst. Wir wollen die nächsten Monate viel investieren, um der Mannschaft eine Identität zu vermitteln, die sehr proaktiv ist und viel effektives Pressing in sich trägt. Zugleich wollen wir aber auch im Positionsspiel viel schlauer und kontrollierter werden.

Also ist der Titel nicht das Ziel für die bevorstehende Saison?

Nein, sowas hinauszuposaunen wäre nicht fair gegenüber den Spielern, aber auch nicht gegenüber den Fans. Wir sind gut beraten, im Moment diesen Prozess im Auge zu haben. Der Zeitpunkt wird kommen, an dem wir klar über diese Ziele und Titel sprechen werden und nicht mehr von Visionen.

An der Major League Soccer, kurz MLS, nehmen 2021 27 Vereine teil, 24 aus den USA, drei aus Kanada. Jede Mannschaft trägt in der Regular Season 34 Spiele aus. Anschließend tragen die 14 besten Mannschaften der Liga die sogenannten MLS-Cup-Playoffs aus.

Diesen Winter fehlte den Neuzugängen der große Starfaktor. Am ehesten hat den noch Alexandre Pato. Orlando holte den 31-jährigen Brasilianer, der schon bei Milan und Chelsea gespielt hat. Sportlich interessant wird sein Landsmann Brenner, Cincinnati zahlte für den 21-Jährigen rund zwölf Millionen Euro.

Große Namen findet man aber unter den Trainern –  Gabriel Heinze bei Atlanta, Raphael Wicky bei Chicago, Jaap Stam bei Cincinnati, Matias Almeyda bei San Jose. Phil Neville ist neuer Coach bei Inter Miami. Der 44-Jährige war zuletzt Teamchef der englischen Frauen und spielte in erfolgreichen Manchester-United-Zeiten mit David Beckham, dem der Verein gehört. Der holte schon 2020 den Franzosen Blaise Matuidi und den Argentinier Gonzalo Higuain sowie dessen Bruder.

Österreichs Spielerbeitrag ist Daniel Royer, der seit 2016 bei Red Bull New York kickt.  Bei Lokalrivale NY City FC spielt Ismael Tajouri, der libyische Diplomatensohn, der einst im Nachwuchs und bei den Profis der Austria kickte. New England holte aus  Malmö den Isländer  Arnor Traustason, 2016 bis 2017 Flop bei Rapid. 

Was wissen Sie schon über den Fußball in der MLS?

Die Liga wird aus der europäischen Brille stiefmütterlich betrachtet. Vielleicht, weil ältere Stars gerne herkommen und hier ihr Ausgedinge haben. Ich habe aber durchaus andere Erfahrungen gemacht und würde sagen: Die Liga gibt einiges her. Sie ist sehr athletisch, technisch auf einem hohen Niveau, aber vielleicht auf taktischer Ebene ausbaufähig. Da können wir als Trainer richtig Einfluss nehmen. Sporting Kansas City, unser erster Gegner am Samstag, hat ein super Positionsspiel, viel Tempo und sehr talentierte Einzelspieler. Da müssen wir richtig in der Spur sein. Ich freue mich sehr, endlich loszulegen in unserem Stadion in Harrison. Und das vor Zuschauern.

Wie viele dürfen kommen?

3.000, die Atmosphäre wird also schon einmal lauter. Ein Schritt zurück ins normale Leben. Ob es dann wieder so wird, wie es war, werden wir sehen.

Wie ist denn so der sprachliche Unterschied vom amerikanischen Englisch zum ...

... zum Struber-Englisch?

Zum britischen, war gemeint.

Spannend. Mir reden sie alle deutlich zu schnell und verschlucken die eine oder andere Botschaft. Cool ist, dass die Leute sehr gastfreundlich sind Ausländern gegenüber und die Geduld aufbringen, eine Frage vielleicht einmal zu wiederholen. Durch die Größe des Landes gibt es auch viele unterschiedliche Dialekte, die ich innerhalb der Mannschaft erlebe. In New York reden sie anders, als in Los Angeles. Daher bin ich viel gewohnt und ich habe ohnehin schon in Barnsley ein Englisch erlebt, das richtig schräg war.

Wird es schon einfacher für Sie?

Deutlich. Wenn ich mich heute auf eine Sitzung vorbereite, denke ich nicht mehr darüber nach, wie ich das Ganze vernünftig wiedergebe. Jetzt passiert es einfach. In Barnsley war das eine Riesenchallenge.

Sie haben bereits Los Angeles angesprochen, dort spielen Sie mit ihrem Team schon nächste Woche. Haben Sie schon einen Eindruck, was bezüglich der Reisen auf Sie zukommen wird?

Von der Organisation her ist es einsame Spitze. Wir sind mit Chartern unterwegs, werden hier im Trainingszentrum abgeholt, mit dem Bus direkt in den Hangar nach Newark geführt, gehen durch eine überschaubare Kontrolle und sitzen im Flieger. Bei der Ankunft ist es genauso, dass wir vom Bus im Hangar abgeholt werden und direkt ins Hotel fahren.

Wo Sie sich dann erst einmal erholen?

Wir fliegen über verschiedene Zeitzonen. Nach Los Angeles ist es so, als würde man von London in die Türkei fliegen. Da reisen wir zwei Tage vor dem Spiel an, um den Biorhythmus in die richtige Richtung zu bekommen und die Sinne scharf zu haben, wenn es losgeht. Wie die MLS hier alles organisiert, ist eine geile Sache.

Wurden Sie schon geimpft?

Ja, wurden wir letzte Woche. Aber nicht, weil wir Sportler Privilegien hätten, sondern weil wir schon an der Reihe waren. Da ist hier viel mehr Power drin, als in Österreich. So können wir uns schon mehr auf unseren Job konzentrieren und nicht auf Maßnahmen und Protokolle.

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