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Sport Fußball
09/20/2018

Martin Stranzl: "Neben Moskau ist Wien ein Kindergarten"

Was erwartet Rapid gegen Spartak Moskau? Martin Stranzl und Toni Beretzki erklären den größten Klub Russlands.

von Alexander Huber

Martin ist ein schweigsamer Mann. Österreichs erfolgreichster Spieler im Dress von Spartak Moskau weiß nach seinen strengen Maßstäben nicht mehr genug über den heutigen Gegner von Rapid in der Europa League (18.55 Uhr), er will am liebsten gar nichts erzählen.

Dabei hat der Ex-Teamverteidiger so viel zu sagen über Russlands erfolgreichsten und beliebtesten Verein – wie sich im dann doch vereinbarten KURIER-Gespräch schnell zeigt. Dass der Burgenländer in seinen fünf Jahren bei (2006 bis Anfang 2011) auch Russisch gelernt hat, erwähnt er gar nicht. Selbstlob ist dem 58-fachen Teamspieler fremd.

Stranzl ist mir als vorbildlicher Spieler in Erinnerung. Ich habe nie wieder einen so professionellen Fußballer mit so einem Herz erlebt. Ein echter Krieger“, sagt Toni . Der aktuelle Athletiktrainer der Hütteldorfer wurde 2006 durch Sergei Schawlo von Red Bull abgeworben und war dreieinhalb Jahre lang für Spartak tätig.

FILE PHOTO: Champions League - Spartak Moscow vs Liverpool

Was beide betonen: So wie Moskau größer als Wien ist, ist auch Spartak größer als Rapid. „Solche perfekten Bedingungen beim Rundherum gibt es in Europa sonst kaum“, erzählt Beretzki. „Das ist der Klub des Volkes mit den meisten Fans. Der Verein sieht sich als legitimer Champions-Legaue-Starter“, erklärt Stranzl.

Passend dazu hat Russlands Rekordmeister noch nie an der Gruppenphase der Europa League teilgenommen und sieht Rapid nur als Durchgangsstation zum Saisonziel Viertelfinale.

Trotzdem: Die Wiener haben gegen russische Klubs eine sensationelle Bilanz.

Täglicher Stau

Wer in Moskau arbeitet, taucht in eine andere Welt ein. „Neben Moskau ist Wien ein Kindergarten. Die Stadt schläft nie, der Verkehr ist immer heftig“, sagt Stranzl über die 12-Millionen-Metropole. Drei Stunden Fahrzeit sollten untertags für die 40 Kilometer vom Zentrum zum Flughafen eingeplant werden. „Unser Training war meistens um 11 Uhr, da bin ich um 8.15 von der Wohnung aufgebrochen.“

Beretzki hat sich überhaupt im fünfstöckigen Trainingszentrum einquartiert: „In einem Zimmer mit 15 Quadratmetern. Am Abend war nur das Sicherheitspersonal noch da, mit denen hab ich Russisch gelernt.“

Die größte Umstellung sind die enormen Abstände zwischen den Spielorten und das extreme Wetter. „Im April ist es noch kalt, in Tomsk lag sogar Ende April Schnee. Dafür kann der Sommer extrem heiß werden“, berichtet Stranzl. „Nach Sibirien oder Wladiwostok sitzt du bis zu neun Stunden im Flieger.“ Um einen Jetlag zu verhindern, wird immer nach Moskauer Zeit gegessen und geschlafen. „Das kann im taghellen Wladiwostok eine Herausforderung sein.“

Den Meistertitel hat Stranzl zwei Mal hauchdünn verpasst. Jammern ist bei Spartak jedenfalls ein Sakrileg. „Die jungen Russen sind wie Terrier, die immer alles geben, damit 50 andere nicht ihre Chance bekommen. Der gesamte Kader war extrem hungrig“, erinnert sich Beretzki. „Trotzdem haben wir mit den Fans heute sicher eine Chance.“

Der Sportwissenschafter wird nicht in der ersten Reihe dabei sein, David Lechner und der im Sommer verpflichtete Rafael Pollack leiten das Aktivieren und dann das Aufwärmen im Stadion. „Lechner hat seine Lehrjahre abgeschlossen. Ich wurde ohnehin verpflichtet, um im gesamten Verein das Sportwissenschaftliche zu koordinieren. Jetzt arbeite ich mehr an den Strukturen.“

Ruf der Rangers

Stranzl wird heute als Gast von Rapid seinem Ex-Klub zusehen. Mit dem nächsten Gruppengegner Glasgow Rangers verbindet den zweifachen Vater eine weniger bekannte Geschichte. „Es gab ein sehr gutes Angebot der Schotten. Das ist über meinen Berater Thomas Böhm gelaufen. Die Gespräche waren sehr weit. Aber Spartak hat Nein gesagt.“ Ein Jahr später waren die Rangers pleite, und für Stranzl ist eine andere Tür aufgegangen: „Gladbach hat mich geholt, das war eine super Entscheidung.“

Und jetzt? „Ich gehe es zum ersten Mal in meinem Leben ruhiger an.“ Nach einigen Monaten als Assistent in der Berateragentur von Böhm und einem Job als U-19-Trainer bei Gladbach kehrte der 38-Jährige nach Güssing zurück. „Dort spielt mein Sohn im Nachwuchs, ich helfe gerne. Auch die Tochter ist sehr sportlich.“ Mit seiner internationalen Erfahrung sollte Stranzl für Österreichs Klubs eine interessante Persönlichkeit sein. Was passiert, wenn etwa Rapid um Hilfe bittet? „Vielleicht ist das in ein paar Jahren interessant. Jetzt würde ich absagen.“