Sport | Fußball 05.12.2011

"Lieben Spieler wie Arnautovic"

© Bild: rts

Der Ex-Weltklassespieler und Top-Funktionär Matthias Sammer über Marko Arnautovic und den österreichischen Fußball.

Matthias Sammer ist seit April 2006 Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (Vertrag bis 2016) und für den Pay-TV-Sender Sky Experte für die Deutsche Bundesliga.

Eine Woche vor dem Saisonstart sprach der 44-jährige Deutsche mit dem KURIER über ...

... die Österreicher in der Deutschen Bundesliga Wenn ich die Entwicklung von David Alaba sehe, dann ist das ein gutes Zeichen für den österreichischen Fußball. Spieler wie Christian Fuchs und Martin Harnik tun der Bundesliga gut und ein paar Junge kommen auch nach. Wenn man all diese Spieler länger beobachtet, dann erkannt man, dass Leistung planbar ist, Erfolg allerdings nicht immer. Dieser Gedanke muss sich in Österreich erst festsetzen.

... Marko Arnautovic In erster Linie finde ich, dass Marko Arnautovic ein überragender Fußballer ist. Seine Bewegungsabläufe, seine technischen Fähigkeiten sind außergewöhnlich. Aber das ist auch bei vielen anderen Spieler so. Er ist das Paradebeispiel dafür, dass einem jungen Spieler gewisse Einflussfaktoren nicht gut tun.

... die Zukunftsaussichten von Arnautovic Was Talente von Champions unterscheidet, ist die mentale Stärke, sich im Fußball auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wenn er das nicht begreift, wird seine Karriere nichts Besonderes werden. Wir lieben Spieler wie Arnautovic und wollen sie auch in der Bundesliga, aber eines sage ich auch: Wenn es sogar die Bremer mit Arnautovic nicht hinbekommen, dann weiß ich für ihn auch nicht mehr weiter.

... die Entwicklung des österreichischen Fußballs Ich kenne den österreichischen Fußball sehr gut. Es gibt ein bisschen ein Problem beim Übergang der jungen Spieler in den Männerbereich. Da haben viele Spieler nicht die richtige Denkweise, viele erliegen den Verlockungen vermeintlich großer Klubs. Ich wundere mich, warum junge Österreicher so früh zu solchen Klubs gehen. Die österreichische Liga hat zwar kein Weltklasse-Niveau, aber sie ist irrsinnig wertvoll, wenn es darum geht, in einer ersten Mannschaft Stammspieler zu werden. Da ist zumindest der Übergang zum Männer-Fußball klar geregelt.

... das Nationalteam und die Qualifikation für Großereignisse Ich habe das Gefühl, dass die österreichische Nationalmannschaft in Zukunft wieder eine etwas bessere Rolle spielen könnte. Bei der Qualifikation braucht ein Land wie Österreich natürlich ein bisschen Losglück. Aber nur Losglück und keine Leistung werden euch auch nicht helfen.

... Nachwuchsarbeit In der Ausbildung braucht man in Österreich einen etwas längeren Atem als in Ländern wie Deutschland. Die Österreicher schauen ganz gerne nach Deutschland, ich schaue manchmal gerne nach Österreich.Weil Reformen in einem kleinen Land viel schneller umgesetzt werden können. Das könnte die große Stärke des ÖFB sein. Ein Beispiel: Ich habe in Deutschland drei Jahre gebraucht, um in den Altersklassen U12/U13 das Spielfeld zu verkleinern. Das gibt es in Österreich schon länger. Genauso gehören meiner Meinung nach in den unteren Altersstufen die Tabellen abgeschafft. Eine Tabelle darf nicht dazu führen, dass der Trainer nicht bei allen Kindern das gesamte Entwicklungspotenzial ausschöpft.

... das Projekt von Red Bull in Leipzig Ich begegne dem Projekt sehr positiv. Das war schon immer so. Ich bin davon überzeugt, dass Red Bull in Leipzig einen langen Atem haben wird, um Strukturen zu schaffen, die der Region dienen werden. Natürlich liegt im sportlichen Aufstieg ein persönliches Motiv des Konzerns, das ist aber vollkommen in Ordnung.

... Tradition vs. Kommerz im Fußball Wenn wir von Tradition sprechen, dann müssen wir auch davon sprechen, dass sich die Anhänger vom FC Sachsen-Leipzig und Lok Leipzig ständig eine auf die Nuss geben. Ist das die Tradition, die wir vermitteln wollen? Und wenn es Tradition hat, dass man permanent in Insolvenz gehen muss, dann kann ich auf diese Art der Tradition gerne verzichten.

... den FC Barcelona Zuletzt beim Vorbereitungsturnier in München hat nicht eine B-Mannschaft von Barcelona gegen den AC Milan und Bayern München gewonnen, sondern gar eine C-Mannschaft. Jetzt kann man sagen, das ist das Glück der Generation. Ich weiß aber, dass ein System dahintersteckt. Und wer sagt, Barcelona kann in der Defensive nichts, der hat keine Ahnung vom Fußball. Der Druck, den schon die Stürmer auf die gegnerischen Spieler erzeugen, ist gewaltig. Kein Zweifel, das ist die beste Defensive der Welt.

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Erstellt am 05.12.2011