APA1548665-2 - 21112009 - KAPFENBERG - ÖSTERREICH: ZU APA-TEXT SI - Trainer Huub Stevens (Sbg) am Samstag, 21. November 2009, im Rahmen der Bundeligabegegnung KSV Kapfenberg - Red Bull Salzburg in Kapfenberg. APA-FOTO: MARKUS LEODOLTER

© APA/MARKUS LEODOLTER

Interview
07/13/2013

Stevens: "Ich kann heute über den Rauswurf lachen"

Star-Trainer Huub Stevens erzählt von seinem kuriosen Abschied aus Salzburg.

von Stephan Blumenschein

In der Steiermark feierte Huub Stevens seinen größten Erfolg als Salzburg-Trainer: Im Mai 2010 wurde er mit seiner Mannschaft durch einen 2:0-Sieg bei Sturm Graz österreichischer Meister.

In der Steiermark bereitet sich der 59-Jährige gerade mit seinem neuen Klub, dem griechischen Champions-League-Qualifikations-Teilnehmer PAOK Saloniki, auf die kommende Saison vor.

Der KURIER besuchte Stevens in Leoben und führte mit ihm ein fast zweistündiges Gespräch.

KURIER: Griechenland steckt in einer Wirtschaftskrise, auch die Fußballklubs haben finanzielle Probleme. AEK Athen steht vor dem Kollaps, Panathinaikos darf nicht am Europacup teilnehmen. Warum haben Sie das Angebot von PAOK angenommen?
Huub Stevens:
Ich will einmal erleben, was andere Trainer erlebt haben, die mir Geschichten erzählt haben, wie es in anderen Ländern war. Das ist wieder eine neue Herausforderung und eine neue Erfahrung. Ich hatte auch andere Angebote - aus Deutschland, aus der Türkei, aus China. Bei PAOK habe ich mir gleich gedacht, das wäre etwas für mich. Und bisher bin ich sehr zufrieden. Saloniki ist eine super Stadt.

Fußball-Trainer sind Topverdiener. Hat man da kein schlechtes Gewissen angesichts der finanziellen Probleme der Griechen?
Ich bin kein Topverdiener, denke ich...

Im Vergleich zu einem normalen Arbeiter oder Angestellten aber schon ...
Fußballer werden gut bezahlt. Das ist in Österreich so, das ist in Deutschland so. Aber es werden auch Tennisspieler und andere Sportler gut bezahlt. Das haben sie sich über Jahre mit der Wirtschaft zusammen erarbeitet. Mich haben bei PAOK die Möglichkeiten angesprochen, die der Verein durch den Eigentümer hat. Es hat natürlich mit finanziellen Dingen zu tun. Aber das war nicht das Allerwichtigste. Das waren für mich die Ambitionen des Vereins, der Meister werden will, und die Fans. Beim ersten Training waren 12.000 im Stadion. Die machen eine unglaubliche Stimmung. Das ist wirklich super. Das war eine ganz andere Entscheidung als damals jene für Red Bull. Jetzt habe ich mich für Emotionen in einem anderen Land entschieden.

Haben Sie noch Kontakt nach Salzburg?
Natürlich. Mit mehreren Leuten. Das ist ja ganz normal, nachdem man zusammengearbeitet hat. Aber tagtäglich telefoniere ich mit niemandem in Salzburg.

Was war Ihre Reaktion, als Sie vom Salzburger Ausscheiden in der Champions-League-Qualifikation gegen Düdelingen und der Cup-Semifinal-Niederlage gegen Pasching gehört haben?
Wie ich von der Cup-Auslosung gehört habe, habe ich mir zuerst gedacht: Oh, super, Salzburg ist im Finale. Pasching, das ist doch auch Red Bull. Die haben doch eine Zusammenarbeit. Und dann höre ich 1:2. Hey!Na gut, Düdelingen, das darf natürlich nicht passieren. Aber das passiert. Man muss versuchen, das Positive herauszuholen, wie schwierig es auch sein mag. Ich denke, dass Sportchef Ralf Rangnick und Trainer Roger Schmidt auch so darüber gedacht haben. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass der Chef nicht erfreut war über diese Ergebnisse.

Sie haben als Salzburg-Trainer mit Ihrer Mannschaft 2010 in der Champions-League-Qualifikation gegen Torshavn auf den Färöer Inseln verloren und sind kurz danach im Cup gegen den damaligen Regionalligisten Blau-Weiß Linz ausgeschieden. Wie lassen sich solche Pleiten erklären?
Das ist nicht zu erklären. Natürlich kann man ein Drama daraus machen. Das Beste ist, es ganz schnell abzuhaken und sich auf das nächste Spiel zu konzentrieren, weil dieses dann das wichtigste ist. Man ändert es nicht. Man kann kritisieren, darüber reden. Vergiss es! Ich bin über verlorene Spiele immer sauer. Aber soll ich deswegen aufhören, zu essen und zu trinken? Das Leben geht doch weiter.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung von Red Bull?
Ich sehe, dass Ralf Rangnick wieder viel Geld ausgegeben hat und das doch wieder nicht das gebracht hat, was jeder davon erhofft hat. Das ist enttäuschend. Aber ich glaube, derjenige, der am meisten enttäuscht ist, ist Red-Bull-Boss Didi Mateschitz selbst. Aber er weiß, was er im Fußball erreichen will, und kämpft dafür. Man muss Respekt haben, dass er doch noch immer das Vertrauen hat, das Ziel zu erreichen, das er vor Augen hat. Ich hoffe für ihn, dass er das schafft.

Wie sind Ihre Erinnerungen an die 22 Monate bei Red Bull?
Natürlich habe ich gute Erinnerungen. An die Leute, mit denen ich gearbeitet habe. An die Spiele, die wir gemacht haben. Es freut mich noch immer, wenn ich daran denke, dass wir in der Europa-League-Gruppenphase 2009 alle Spiele gewonnen haben. Und auch die Momente, in denen es nicht so super war, möchte ich nicht missen. Ich habe aber auch die Stadt genossen, das Essen, das Trinken, die Restaurants, meinen Freund, den Italiener bei meiner Wohnung um die Ecke.

Sie sind im April 2011 während des Abschlusstrainings für ein Bundesliga-Heimspiel gegen den LASK beurlaubt worden. Was denkt man sich da?
Als ich zu hören bekam, dass Schluss ist, habe ich gefragt: „Wie, Schluss? Zum Ende der Saison?“ „Nein, sofort“, war die Antwort. Da habe ich die Hütchen meinem Co-Trainer Ton Lokhoff gegeben und bin mit ins Büro gegangen. Und in fünf Minuten war alles erledigt. Die Trennung war natürlich kurios. Aber auch so etwas muss man erleben, dass ein Anwalt auf den Trainingsplatz kommt und dir sagt: „Du bist nicht mehrTrainer.“ Es ist unglaublich, dass man so etwas einen Tag vor einem Spiel macht. Natürlich habe ich damals darüber nachgedacht: Wie ist so etwas möglich? Jetzt kann ich darüber lachen.

Wurde Ihnen erklärt, warum Sie zu so einem ungewöhnlichen Zeitpunkt beurlaubt worden sind?
Nein, ich finde das schade. Es war eine schöne Zeit bei Red Bull. Im ersten Jahr sind wir Meister geworden, im zweiten Jahr hatten wir noch alle Chancen. Aber sie haben offenbar nicht daran geglaubt.
Ich weiß, wer damals Einfluss hatte auf den Chef. Aber darüber rede ich nicht oder lasse mich verrückt machen. Da stehe ich ganz weit drüber.

Hatten Sie seit Ihrer Beurlaubung Kontakt zu Dietrich Mateschitz?
Ich habe unglaublich viel Respekt vor ihm und für das, was er geleistet hat - und dass er seinen Weg im Fußball weiterverfolgt. Ich finde es nur schade, dass er nicht zum Telefon gegangen ist, als ich einige Male versucht habe, ihn zu erreichen. Ich hätte ihm gerne ein Dankeschön gesagt.

Red-Bull-Sportchef Ralf Rangnick setzt in Salzburg auf sehr junge Spieler. Was sagen Sie zu dieser Philosophie?
Das war ja bei uns auch so, dass wir auf junge Spieler gesetzt haben. Aber unsere Philosophie war, Spieler aus der eigenen Akademie hochzuziehen. Der erste war Martin Hinteregger. Und wir wollten auch einige andere Spieler wie Daniel Offenbacher oder Marco Meilinger langsam an die Mannschaft heranführen. Aber ich habe immer gesagt, wir brauchen auch Qualität. Und die Jungen hatten damals nicht die Qualität, um den Sprung in die Champions League zu machen.

Auch die Trainer werden immer jünger. Fühlen Sie sich mit bald 60 nicht schon als Oldie?
Wenn ich spüre, dass ich den Spielern nicht mehr weiterhelfen kann, dann höre ich auf. Aber das Gefühl habe ich nicht. Ich habe mich in meinem Job immer weiterentwickelt. Wenn ich sehe, dass bestimmte Sachen bei Vereinen, bei denen ich gearbeitet habe, noch immer genutzt werden, dann freut mich das. Auch bei PAOK werde ich neue Elemente hereinbringen. Wenn das dann angenommen wird und der Klub macht damit einige Jahre weiter - ob ich dann Trainer bin oder nicht, das ist nicht so wichtig - dann spürst du doch eine gewisse Genugtuung. Es ist gut, dass junge Trainer eine Chance bekommen. Aber Erfahrung ist ein Reichtum. Und dies will ich nicht vermissen. Ich nicht.

Der Trainer ist immer das schwächste Glied in der Kette, muss für Fehler der Spieler gerade stehen. Warum tut man sich diesen undankbaren Job an?
Das Schönste ist, selbst Fußball zu spielen. Aber dafür bin ich schon etwas zu alt. Der zweitschönste Job ist dann doch, Trainer zu sein. Da sind Emotionen im Spiel, von denen du dich nicht so gerne verabschieden möchtest. Du musst es zu einer bestimmten Zeit ja eh. Aber ich tue mir diesen Job nicht an. Ich habe Spaß an meiner Arbeit, an meinem Leben. Wenn ich das nicht mehr habe,
dann höre ich auf. Und dann suche ich mir etwas anderes. Aber das Gefühl habe ich bis jetzt noch immer nicht.

Wenn Fenerbahce gesperrt bleibt, könnten Sie mit PAOK in der Champions-League-Qualifikation auf Salzburg treffen. Wäre das für Sie ein Traumlos?
Nö, nö, nö, nö. Es kommt, wie es kommt. Darüber denke ich nicht nach. Ich bin jetzt auf PAOK fokussiert.

Der Knurrer von Kerkrade

Der Niederländer wurde am 29. November 1953 in Sittard geboren, ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder (Tochter Laura, Sohn Maikel).

Der Fußballer Stevens war 16 Jahre Profi und absolvierte von 1970 bis 1986 für Sittard und Eindhoven 394 Ligaspiele. Im niederländischen Team kam der Verteidiger 18-mal zum Einsatz.

Der Trainer Stevens wurde 1993 Cheftrainer bei Roda Kerkrade. Wegen seiner mürrischen Art wurde ihm der Spitzname „Knurrer von Kerkrade“ verpasst. 1996 wechselte er zu Schalke und gewann in seiner ersten Saison den UEFA-Cup. Über Hertha BSC, Köln, noch einmal Kerkrade, den HSV und Eindhoven kam er 2009 nach Salzburg. In seiner ersten Saison wurde er mit Red Bull Meister (Bild). Nach seiner Beurlaubung am 8. April 2011 ging er noch einmal zu Schalke. Seit einem Monat betreut er den griechischen Traditionsklub PAOK Saloniki.

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