Hausmeister im Keller

Der Windener Bär: Lukas Rath wurde im Fernsehen bewundert.
Foto: apa

WM-Lokalaugenschein in Winden am See.

Freitag, kurz nach Mitternacht in Winden am See. Das ist eine kleine Gemeinde, die eigentlich Winden beim See heißen müsste. Denn Winden hat weder Seebad noch Yachthafen, sondern nur einen engen Kanal, auf dem man durch den Schilfgürtel mit einer Zille Richtung Neusiedler See stechen kann. Aber Winden hat ein für diese Gegend typisches Kellerviertel. Dort findet alljährlich ein Fest statt, in dem Winzer und Verein aus der Ortschaft die Gäste aus aller Welt bewirten.

So auch der Fußballverein. Der darf in einem Luxuskeller ausschenken, den einst ein deutscher Milliardär zum In-Lokal ausgebaut, danach aber die Lust daran verloren und ihn folglich verkauft hat. Der Alleinunterhalter an der Hammondorgel stimmte noch einmal "Schwarze Madonna" an, einige der älteren Besucher wagten ein Tänzchen.

Freundschaftsdienst

Dann schlug einem der berühmtesten Einwohnen - zusammen mit einem Bildhauer namens Wanda Bertoni - die Stunde. Um 0:30 Uhr versammelten sich Funktionäre, Spieler und Sympathisanten von dem Fernseher. Aber vor allem das jüngere Publikum war begeistert, die meisten Freunde von Lukas Rath.

Der spielte im österreichischen Teamdress in Kolumbien bei der U-20-WM gegen Panama. Luki, wie der 19-Jährige hier nur genannt wird, ist in Winden aufgewachsen, wohnt dort noch immer und hat dort mit dem Fußball begonnen, ehe er mit 14 zum BNZ Burgenland wechselte und mit 16 seinen ersten Vertrag beim SV Mattersburg unterschrieben hat.

Straf-Raum

"Ja" und "Hoh" schallte es durch den Raum, wenn der "local hero" seiner Arbeit als Innenverteidiger souverän nachging. Richtig laut wurde es erst, als die Österreicher eine Riesenchance vergeben hatten. "Wer ist denn der 20er?", fragt einer. "Ich habe dem Luki schon ein SMS geschickt, was sie mit dem nach dem Spiel machen sollen!", antwortet ein anderer. Die Form der gewünschten Strafe für Robert Zulj, der eine Riesenchance vergeben hat, wird an dieser Stelle zu dessen moralischem Schutz nicht näher nachgefragt.

Immer mehr junge Damen mischten sich unter die TV-Zuschauer. Der Infostand zum Thema Kolumbien und WM ist hoch. Für die "Generation Facebook" ist Cartagena offensichtlich nur ein paar Klicks von Winden entfernt.

Inselwitz

"Is' Panama a Insel?", war eine Frage, die ein Witz sein sollte. Zumal den Zuschauern in Hälfte zwei angesichts der vielen vergebenen österreichischen Chancen das Lachen ein bisschen verging. Auch dass Luki samt Kollegen im Finish an einer Niederlage nur knapp vorbeischrammten, änderte nichts am Tenor. "Gegen Panama muast g'winnen."

Kopfnicken und Aufbruch. Immerhin war es schon fast halbdrei Uhr in der Früh. Und das Kellerfest ging ja am Samstag schon wieder weiter. Denn die Einnahmen aus einer solchen Veranstaltung sind für den Fußballverein lebensnotwendig.

Bärenstark

Winden spielt in der vierten Leistungsklasse in Österreich. Beachtlich für ein Gemeinde, die mit Stand vom 1. Jänner gerade einmal 1283 Einwohner hat. Der "FC Winden am See" bezeichnet sich selbst auf der Homepage als "Das bärenstarke Fußballdorf". Das hat aber nicht zur damit zu tun, dass der Klub in der burgenländischen Landesliga spielt. Die Einwohner von Winden haben allesamt mit dem Spitznamen "Bären" zu leben, weil in einer Höhle des Leithagebirges vor rund 80 Jahren Überreste eines eiszeitlichen Höhlenbären gefunden wurden.

Das Skelett dieses Bären ist in der Nachbargemeinde Breitenbrunn im Turmmuseum ausgestellt. Und das ist fast schon symptomatisch für das "bärenstarke Fußballdorf". Nur wenige Spieler aus Winden kicken in der Landesliga-Mannschaft. Während der erfolgreichste Fußballer in der Geschichte des Vereins im Pappelstadion in Mattersburg zu sehen ist. Oder so wie Freitag Nacht zu mitternächtlicher Stunde mit sieben Stunden Zeitunterschied, gute 10.000 Kilometer Luftlinie entfernt, in Kolumbien.

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(kurier) Erstellt am
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