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WM-Reform im Härtetest: 48 Teams bringen keinen besseren Fußball

48 Teams, 104 Spiele, ein Viertelfinale, das erst nach vier Wochen beginnt. Die befürchteten Kantersiege sind weitgehend ausgeblieben. Nur: Macht das die Fußball-WM tatsächlich besser? Oder einfach nur größer?
Maximilian  Fally
FIFA World Cup 2026 - Group E - Ecuador v Curacao

Kein Land, das je bei einer Fußball-Weltmeisterschaft mitgespielt hat, war kleiner als Curaçao. Rund 155.000 Menschen leben auf der Karibikinsel, das entspricht in etwa der Kapazität von zwei ausverkauften WM-Stadien. Gegen Deutschland setzte es ein 1:7. 

Fast zeitgleich trotzte Kap Verde, Weltranglisten-Rang 67 und ohne einen einzigen Spieler in einer Top-5-Liga, dem Weltmeister-Kandidaten Spanien ein 0:0 ab und zwang später Argentinien in die Verlängerung. Zwei Debütanten, zwei völlig gegensätzliche Geschichten. Die Fußballwelt hat sich, wie es ihre Art ist, für die schönere entschieden.

Seit Turnierbeginn kursiert das Narrativ, wonach sich die Aufstockung von 32 auf 48 Teams, im Vorfeld von Kritikern als Niveauverlust und Ausverkauf belächelt, als Geniestreich entpuppt hat. Die Zahlen geben dem zumindest oberflächlich recht: Die Gruppenphase brachte 2,99 Tore pro Spiel, der höchste Wert seit der WM 1958. Nach den ersten 24 Partien lag die Tordifferenz zudem bei exakt jenen 35 Treffern, die auch 2022 in Katar zu Buche standen. Und das trotz 16 zusätzlicher Mannschaften.

Kleine Nationen, große Ausnahmen

Schön ist das, keine Frage. Und man muss es auch so sagen: Was Kap Verde geleistet hat, ist aller Ehren wert. Ein Land mit gut einer halben Million Einwohnern ärgert Spanien und Argentinien, das hat es so noch nicht gegeben. Nur sollte man daraus keine neue Fußball-Weltordnung ableiten. Die kapverdischen Kicker sind größtenteils in Portugal und Frankreich ausgebildet, ihr Erfolg ist auch einer des europäischen Fußballs, der seine Talente längst über den ganzen Globus rekrutiert. Die wirklich kleinen Verbände, jene ohne Diaspora in den großen Ligen, sind chancenlos ausgeschieden. Von echten Sensationen, wie man sie sich von der Aufstockung erhofft hatte, ist bislang wenig zu sehen.

Auch der Tore-Rekord verliert bei genauerem Hinsehen an Glanz. Ein 48er-Feld produziert in der Gruppenphase naturgemäß mehr Duelle zwischen Favoriten und Überforderten, und genau dort fielen die Tore. Rekordwerte wie beim 7:1 der Deutschen gegen Curaçao sind kein Beweis für besseren Fußball. Sie sind das Nebenprodukt größerer Klassenunterschiede.

Und auch das Rezept der Achtungserfolge verrät einiges. Der taktische Trend dieser WM ist der tiefe Block, despektierlich auch „Antifußball“ genannt: alle zehn Feldspieler im eigenen Strafraum, kein Gegentor kassieren, der Rest findet sich. Die Kleinen sind heute taktisch so gut geschult, dass sie den Großen ein Remis abtrotzen können. Nur ist Überleben eben noch kein Fußballspielen. Wer sich 90 Minuten einmauert, will nicht gewinnen, sondern nicht verlieren. Auch das ist eine Form von Augenhöhe. Aber eine sehr bescheidene.

Auf die Länge kommt es an

Verändert hat sich allem voran aber die Dauer. Seit dem Eröffnungsspiel am 11. Juni sind mittlerweile fast vier Wochen vergangen, und erst jetzt beginnt das Viertelfinale. In Katar standen zu diesem Zeitpunkt bereits die Finalisten fest. Die WM ist nicht spannender geworden. Sie ist länger geworden. Mit 104 statt 64 Spielen hat sich vor allem die Zahl jener Partien vervielfacht, die niemand außerhalb der beteiligten Länder je wieder erwähnen wird.

Hinzu kommt ein Konstruktionsfehler, den das alte Format nicht kannte. Bei 32 Teams war die Sache einfach: Die ersten zwei jeder Gruppe steigen auf, der Rest fährt heim. Bei 48 geht sich das nicht mehr aus, also dürfen auch acht der zwölf Gruppendritten weiter. Das Ergebnis: Dritter zu werden reichte fast immer, und führte vor den letzten Gruppenspielen zu mitunter kuriosen Rechenspielen. So geschehen etwa vor Österreich gegen Algerien. Ein Modus, bei dem Ausscheiden zur Kunst wird, hat ein Spannungsproblem.

Zwischen Zuwachs und Zumutung

Vier Debütanten durften bei dieser WM erstmals mitspielen: Jordanien, Usbekistan, Kap Verde, Curaçao. Vier Länder, in denen an einem Junitag tatsächlich das ganze Land stillstand. Das ist, für sich genommen, eine der schöneren Volten des Fußballs. Ein Sport, der sich sonst gerne in Milliardenverträgen und Investorenlogik verliert, hat hier tatsächlich noch die Kraft, ein Land kollektiv glücklich zu machen.

Der Widerspruch setzt sich allerdings auf den Rängen fort. Am Feld predigt die FIFA Teilhabe wie nie zuvor, auf der Tribüne praktiziert sie das Gegenteil. Wer die horrenden Ticketpreise gestemmt hat, zahlt in Los Angeles noch 80 Dollar für einen Parkplatz und 17,50 Dollar für ein Bier im Stadion. Die echten Fans sitzen daheim vor dem Fernseher, in den Arenen schlendert das Event-Publikum. Mehr Völker denn je dürfen mitspielen. Zuschauen dürfen vor allem jene, die es sich leisten können.

Am Ende bleibt eine simple Erkenntnis: Ein größeres Teilnehmerfeld erzeugt nicht automatisch mehr Drama, wenn die neu hinzugekommenen Variablen sportlich kaum ins Gewicht fallen. Mehr Spiele bedeuten vor allem mehr Spiele, deren Ausgang niemanden überraschen wird. Die Reform war, mit Verlaub, keine Frage von besser oder schlechter. Sie war eine von größer. Und ob die Fußball-Welt diesen Unterschied auf Dauer goutiert, das lässt sich erst dann seriös beantworten, wenn zum ersten Mal ein echter Zwerg wirklich weit kommt. Die 155.000 Menschen auf Curaçao warten jedenfalls schon einmal auf 2030.

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