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Sport Fußball
06/14/2020

Fußball-WM in Südafrika: Zehn Jahre danach regiert noch immer die Armut

Legionär Roland Putsche gibt nach vier Jahren in Kapstadt Einblicke. Von leeren Stadien, Korruption und stagnierendem Fußball.

von Andreas Heidenreich

Eines vorweg: Die Vuvuzelas gibt es noch. „Aber nicht mehr so viele und daher nicht ganz in dieser Lautstärke“, erzählt Roland Putsche von den Blasinstrumenten, die den Fußballfans 2010 in die Ohren gegangen sind.

Er muss es wissen: Der Kärntner hat in den letzten vier Jahren beim Cape Town City FC sein Geld verdient und diese Woche seine Zelte in Kapstadt abgebrochen. Nach einer 30-stündigen Odyssee über die Insel Réunion, Amsterdam und München wird er am Sonntagabend in seiner Heimatgemeinde Griffen ankommen. Damit geht im Leben des 29-Jährigen ein Kapitel zu Ende, das er selbst als „die vier besten Jahre meines Lebens“ beschreibt.

Lebenserfahrung

Weniger wegen des ohrenbetäubenden Lärms der Vuvuzelas. „Es war eine Lebenserfahrung, die man mit nichts Anderem vergleichen kann“, sagt der Mittelfeldspieler, der 2016 nach Südafrika ausgewandert ist, um seinen Horizont zu erweitern. „Es war ein Traum, hier Fußball zu spielen, die Kultur kennenzulernen und mich sozial engagieren zu können.“

Putsche war in den vier Jahren für die Young Bafana Soccer Academy im Einsatz, eine gemeinnützige Organisation, die sich seit 2010 mit einem Fußball- und Bildungsangebot der Entwicklung von Kindern aus armen Verhältnissen widmet. Als Trainer, Mentor für die Kleinen oder auch bei der Suche nach Geldgebern.

Die sind immer noch bitter nötig. Denn viel ist nicht geblieben von der Fußball-Weltmeisterschaft vor zehn Jahren. Am ehesten noch die modernen Stadien. „Die sind noch immer wunderschön“, sagt Putsche.

Die Klubs der Premier Soccer League (PSL) bestreiten darin ihre Meisterschaft. Von einer Auslastung sprechen kann man aber nur, wenn die Kaizer Chiefs aus Johannesburg auf die Orlando Pirates treffen. Das Topspiel des Landes hat auch im November 88.000 Fans ins Finalstadion von 2010 gelockt.

Die Regel sind aber Spiele vor weit unter 10.000 Zusehern in nahezu leeren Arenen. Auch bei Spielen in Kapstadt im über 60.000 Fans fassenden Stadion, dessen in Instandhaltung zwei Millionen Euro pro Jahr kostet.

Keine Aushängeschilder

Dass der Fußball-Boom ausgeblieben ist, liegt auch am Misserfolg der Nationalmannschaft. Als WM-Gastgeber ist man 2010 in der Vorrunde ausgeschieden. Und auch seither gab es nicht viel zu bejubeln. Beim kontinentalen Afrika-Cup spielt man selten eine Rolle, 2017 war man nicht einmal qualifiziert.

Das Fehlen von großen Aushängeschildern und Vorbildern für die Jugend tut ein Übriges dazu. Zumindest einen Hoffnungsträger für diese Nische gibt es mit Stürmer Percy Tau vom FC Brügge. „Wenn er sich in einer großen europäischen Liga durchsetzt, könnte das dem Fußball in Südafrika einen Ruck geben“, meint Putsche.

Mehr als einen Ruck hätte es gebraucht, um die Armut im Land zu bekämpfen. Auch dabei hätte die Fußball-Weltmeisterschaft helfen sollen. Umgerechnet mehr als drei Milliarden Euro wurden in das Turnier investiert. Außer Spesen nichts gewesen? Beinahe. „Niemand bestreitet, dass die Signalwirkung der WM für den gesamten Kontinent sehr positiv war“, sagt Adrian Kriesch. Der Deutsche lebt seit mehr als sieben Jahren in Afrika, seit 2018 nunmehr in Kapstadt.

„Man kann sich denken, was passiert, wenn Organisationen wie die südafrikanische Regierung und die FIFA aufeinandertreffen“

Adrian Kriesch, Journalist

Als Korrespondent des TV-Senders Deutsche Welle hat er sich mit dem Vermächtnis der Fußball-WM beschäftigt. „Wenn man die Kosten für das Turnier auf die Waage legt, ist das Ganze schwer zu hinterfragen.“ Viele Versprechen seien nicht eingehalten worden, nie sei das Geld da angekommen, wo es am dringendsten gebraucht wird. „Der Großteil hat es nicht aus der Armut geschafft, und Millionen von Menschen haben immer noch keine Toilette.“

Roland Putsche, der die Townships (Armenviertel, Anm.) rund um Kapstadt kennt, sagt: „Die Apartheid ist immer noch ums Eck.“ Der Neid und die fehlende Vertrauensbasis zwischen den Gesellschaftsschichten seien nicht zu übersehen. „Diese Spanne schrumpft nur minimal“, sagt Putsche.

Korruption

Der Grund dafür liegt auf der Hand und ist in der gängigen Korruption im Land zu finden, die auch um die WM 2010 keinen Bogen gemacht haben dürfte. „Man kann sich denken, was passiert, wenn Organisationen wie die südafrikanische Regierung und die FIFA aufeinandertreffen“, schmunzelt Kriesch. Skandale werden laut Putsche in regelmäßigen Abständen aufgedeckt. „Das zieht sich wie ein roter Faden. Bei jedem Politiker, der nicht mehr im Amt ist, tauchen hinterher Geschichten auf.“

Errungenschaften wie ein internationaler Flughafen in Durban oder eine Bahnverbindung vom Airport in Johannesburg in die Stadt dienen dem Tourismus. Doch bei den Ärmsten kommt der Ertrag nicht an. Dafür waren selbst die Warnsignale aus den Vuvuzelas nicht laut genug.

Iniesta, mein Bester

Die Spanier werden in der Hochblüte des Tiki Taka Weltmeister

Es ist die 116. Minute im WM-Finale am 11. Juli 2010 in Johannesburg. Andrés Iniesta kommt nach Pass von Cesc Fàbregas seitlich rechts im Strafraum an den Ball und zieht sofort ab. Tor, 1:0 – vier Minuten später ist Spanien zum ersten Mal Weltmeister.

Die Niederlande, die zuvor mit brutalen Fouls von Nigel de Jong an Xabi Alonso und Mark van Bommel an Iniesta aufgefallen waren, müssen sich zum dritten Mal  mit Platz zwei begnügen.

Die Spanier, angeführt vom 1,71 Meter kleinen Iniesta, der das spanische Kurzpassspiel beherrscht und verkörpert wie kaum ein anderer, klettern nach dem EM-Sieg 2008 auch auf den Thron des Weltfußballs.

Doch es war durchaus auch die WM der Deutschen, die nach einem starken Turnier und dem Halfinal-Aus gegen den späteren Weltmeister Dritter werden und dabei auch den Torschützenkönig des Turniers stellen: Der erst 20-jährige Thomas Müller erzielt bei seiner ersten Endrunde fünf Tore und bereitet drei vor. Auf dem Weg zu Platz drei steht der Mannschaft von Jogi Löw Fortuna zur Seite. 

Rache für Wembley

Im Achtelfinale gegen England zählt der 2:2-Ausgleich der „Three Lions“ nicht, weil der Schiedsrichter nicht sieht, dass der Ball bei einem Lattenpendler von Frank Lampard einen halben Meter hinter der Torlinie landet, ehe ihn Manuel Neuer bändigen kann.

Die Deutschen gewinnen 4:1 und ziehen ins Viertelfinale ein, wo sie die von Diego Maradona gecoachten Argentinier sogar mit 4:0 aus dem Stadion schießen.

Eine Schmach wird das Turnier für den Titelverteidiger: Italien scheidet als Gruppenletzter hinter Paraguay, der Slowakei und Neuseeland in der Vorrunde aus. Frankreich erleidet das gleiche Schicksal hinter Uruguay, Mexiko und Gastgeber Südafrika.

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