Sport | Fußball
22.09.2017

Deutschland: Das Projekt Videobeweis ist gescheitert

Zu viele Fehlentscheidungen lassen schon nach fünf Runden nur ein Urteil zu.

"Der Videobeweis wird im Fußball die Diskussionen beenden." Mit diesem Slogan waren die Herren des DFB diesen Sommer angetreten, um ihr neues Prunkstück zu präsentieren. Der "Video Assistant Referee", kurz VAR, sollte Fehlentscheidungen der Unparteiischen revidieren und für mehr Fairness im deutschen Spitzenfußball sorgen.

Aktive und ehemalige Spitzenschiedsrichter der deutschen Bundesliga sollten in einem Studio in Köln vom TV-Bildschirm aus ihre Kollegen in den Stadien bei klaren Fehlentscheidungen überstimmen. Einige Male ging das bereits gut. Doch viel zu oft ging es in die Hose. Und weil den Unparteiischen vor dem Bildschirm im Gegensatz zu jenen in den Stadien kaum Fehler verziehen werden, ist für die meisten Fußballkonsumenten klar:

Der Videobeweis ist in dieser Form gescheitert.

Scharfe Kritik

"Aberwitzig", "absurd", "sofort abschaffen" lauten die Kommentare im Internet nach nur fünf Runden. Vor allem am Mittwoch sorgten drei Entscheidungen in der Partie zwischen Köln und Frankfurt für Aufregung.

Die Szenen im Überblick:

Köln vs. Frankfurt

Nach einem Tackling von Torhüter Horn, der den Ball spielt und den Gegner streift, gibt es fälschlicherweise Elfmeter für die Gäste. Der "gefoulte" Mijat Gacinovic hat "selbst gesagt, dass es kein Foul war. Er meinte: Jetzt kommt der Videobeweis und dann gibt es Eckball", berichtete Kölns Leonardo Bittencourt nach dem Spiel. Irrtum: Der VAR schaltete sich nicht ein.

Zwei Minuten nach dem Strafstoß wird Frankfurts Haller abseits des Balles im Strafraum zu Boden gerissen. Der Schiedsrichter kann es nicht sehen, wieder schaltet sich der VAR nicht ein. Dann springt auch noch Frankfurts Falette Kölns Bittencourt im Strafraum ins Kreuz. Der Schiedsrichter lässt weiterspielen, der VAR sieht offenbar keine klare Fehlentscheidung des Kollegen und belässt es dabei.

Die Kölner sind fassungslos. Kapitän Lehmann meinte mit bitterer Ironie: "Vielleicht war der Kollege da mal kurz nicht vor dem Bildschirm." Sportdirektor Jörg Schmadtke meinte: "Ich will mich nicht jede Woche als Oberschiedsrichter aufspielen. Jeder hat die Szene gesehen." Trainer Peter Stöger will dazu nichts sagen. "Weil ich keine Lust habe", begründet der Wiener. "Das sollte eigentlich reichen."

Bereits zuvor sorgten einige Entscheidungen für Kopfschütteln bei den Fans:

Stuttgart vs. Wolfsburg

Koen Casteels kommt bei einer Flanke aus seinem Tor heraus, faustet den Ball weg und trifft dabei Christian Gentner mit dem angezogenen Knie am Kopf. Stuttgarts Mittelfeldspieler erleidet mehrere Brüche im Gesicht. Der Referee sieht den Vorfall nicht. Auch der VAR greift nicht ein. Statt Elfmeter und Rot gibt es Schiedsrichterball.

Dortmund vs. Köln

Beim 2:0 der Gastgeber prallt Kölns Torhüter mit seinem Verteidiger zusammen und verfehlt den Ball. Der Schiedsrichter vermutet ein Foul eines Dortmunders, pfeift und gibt den Treffer zunächst nicht. Der VAR schaltet sich ein, das Tor wird nun doch gegeben. Was alle Unparteiischen nicht bemerkten: Der Pfiff des Schiedsrichters war ertönt, bevor der Ball die Torlinie überquerte. Köln legt Protest gegen die Wertung des Spiels ein, zieht diesen dann aber wieder zurück.

Hannover vs. Schalke

Die Gäste reklamieren am zweiten Spieltag nach einem Handspiel von Hannovers Sané Elfmeter, den gibt’s aber nicht. Am fünften Spieltag gibt es nach einem vergleichbaren Handspiel von Schalkes Naldo aber sehr wohl einen Elfmeter für die Bayern. Bei Schalke versteht man die Welt nicht mehr: "Das ist zum Kotzen", tobte Torhüter Fährmann.

Reglement

Nach den vielen umstrittenen Entscheidungen häufen sich nun die Fragen. Was darf der VAR überhaupt? Warum passieren immer noch solche Fehler? Fakt ist, dass der VAR nur bei "klaren" Fehlentscheidungen eingreifen darf. Ob es sich um eine solche handelt oder nicht, entscheiden aber wiederum Menschen, wenngleich diese auf Bilder aus bis zu 17 verschiedene Kamerapositionen zurückgreifen können.

Was darf der VAR überhaupt? Die Bestimmung geht nicht vom DFB aus, sondern vom International Football Association Board (IFAB). Dieses sieht genau vier Fälle vor, bei denen der VAR eingreifen darf: bei Toren, Elfmetern, Roten Karten oder Spielerverwechslungen, also bei allen sogenannten spielrelevanten Situationen.

Ziel der Einführung des VAR war auch, die Schiedsrichter aus der Schusslinie zu nehmen und zu schützen. Auch das ist in Deutschland bisher in die Hose gegangen.