Zahlen, bitte: Florian Grillitsch hatte gegen die Ukraine eine Passquote von 84 Prozent und zehn Balleroberungen 

© DIENER/Defodi

Sport Fußball
06/25/2021

Florian Grillitsch: Der Mittelpunkt der Herde

Woher der zentrale Mittelfeldspieler kommt, was ihn auszeichnet und warum er auch im Achtelfinale wichtig sein wird.

von Andreas Heidenreich

Wenn es am Montag in der Früh zeitig aufstehen heißt, kommt selten Freude auf. Für Michael Grillitsch hatte dieser Umstand jahrelang eine andere Dimension. Geklingelt hat es in Grafenbach im Bezirk Neunkirchen am Nachtkastl gegen vier Uhr. Arbeitsbeginn war um 7.30 Uhr.

Was in der Zwischenzeit passiert ist? Michael Grillitsch hat seinen Sohn Florian zur Schule gebracht. 125 Kilometer sind das in eine Richtung nach St. Pölten, wo der Spross die Fußballakademie durchwandert hat. Die Frage, ob sich das ausgezahlt hat, stellt sich nicht für einen Vater, der seinem Sohn alles ermöglichen will.

Heute steigt Michael Grillitsch ins Flugzeug, wenn er seinem Sohn beim Fußballspielen zusehen will. So war es zuletzt am Montag. Und dieser Weg nach Bukarest hat sich ausgezahlt. Der Sohnemann, längst erwachsen und Profi der TSG Hoffenheim in der deutschen Bundesliga, trägt in Österreichs Nationalteam die Nummer 10 am Rücken und war für viele Experten der beste Mann beim 1:0-Sieg gegen die Ukraine.

Der Spielmacher

Florian Grillitsch ist das, was man im modernen Fußball einen tiefen Spielmacher nennt. Ein kreativer Spielertyp, der früher hinter den Sturmspitzen zu finden war und dessen Betätigungsfeld sich im Laufe der Jahre weiter nach hinten verlagert hat. Das liegt unter anderem daran, dass es in den hinteren Reihen technisch starke Spieler braucht, um das vermehrt auftretende hohe Pressing vieler Mannschaften zu überspielen. Florian Grillitsch ist, wie man sagt, "pressingresistent". Die Nummer 10 trägt er völlig zurecht, obwohl er heute dort spielt, wo früher der Sechser war, der Abräumer.

Man kann durchaus behaupten, dass ein Spielertyp wie der 25-Jährige dem Team zuvor gefehlt hat in den Partien gegen Nordmazedonien und die Niederlande. Florian Grillitsch hat den Ukrainern Schmerzen bereitet. Nicht im herkömmlichen Sinne mit etwa harten Tacklings, sondern vor allem dann, wenn er selbst den Ball am Fuß hatte.

"Du kannst ihm immer den Ball geben", sagt der Vater. In der Tat suchten die Österreicher am Montag regelmäßig ihre Nummer 10, wenn es darum ging, selbst durchzuschnaufen. Grillitsch glänzt als Taktgeber, der das Tempo bestimmt, der es auch einmal drosselt, wenn er der Ansicht ist, dass das Team Ruhe und Erholungsphasen braucht.

Das gelingt, indem er sich den Ball schon beim ersten Kontakt so an- und mitnimmt, dass Gegenspieler nicht in Pressing-Situationen kommen, bei denen es vor allem um das richtige Timing geht und er in weiterer Folge Räume schnell erkennt und bespielt, sodass es die Gegner sind, die hinterherrennen müssen, während die Österreicher laufen lassen, was am schnellsten ist: den Ball.

Privat
Florian Grillitsch wurde am 7. August 1995 in Neunkirchen geboren. Er ist vergeben und Vater einer achtmonatigen Tochter

Karriere
Grillitsch begann beim SV SF Pottschach und kam über das LAZ Wiener Neustadt in die Akademie St. Pölten, wo er auch das Oberstufenrealgymnasium für Leistungssportler besuchte und nach seinem Wechsel zu Werder Bremen 2013 per Fernstudium maturierte. 2017 wechselte er zu Hoffenheim, wo er bis 2022 unter Vertrag steht

Der Taktgeber

Die Ballbesitzphasen zu verlängern, wird auch gegen Italien Sinn ergeben. Selbst für jene Spieler, deren größte Stärke dann zur Geltung kommt, wenn der Gegner den Ball hat. Pressingspieler aus dem Hause Red Bull hat das österreichische Team einige.

Doch auch Konrad Laimer, Xaver Schlager oder Marcel Sabitzer können nicht alle vier oder fünf Tage über 90 (oder mehr) Minuten im höchsten Tempo Gegner anlaufen und Bälle erobern. Sie sind es, die einen wie Grillitsch brauchen, um Luft zu gewinnen und beim nächsten Ballverlust – und der kommt sicher – wieder höchste Intensität an den Tag zu legen.

Der Pistenflitzer

Zurück nach Neunkirchen. Die Gabe seines Sohnes war für Michael Grillitsch früh zu erkennen. Schon beim SV Sportfreunde Pottschach, bei dem die Karriere im Alter von sechs Jahren begann. "Sehr ehrgeizig war der Florian ja auch beim Skifahren, wo er am Semmering auch Rennen gefahren ist." 

Doch im Vergleich zum Fußball sei das Talent auf den zwei Brettern "nur" gut bis durchschnittlich gewesen. Daher führte der nächste Weg von Pottschach ins Landesausbildungszentrum Wiener Neustadt und von dort in die Akademie St. Pölten. Weil Grillitsch stets mit älteren gespielt und man ihm dort schon mit 13 Jahren, ein Jahr früher als vorgesehen, einen Platz angeboten hat, ist die Wahl nicht auf die näher gelegenen Akademien von Admira, Mattersburg oder etwa der beiden Wiener Großklubs gefallen.

Der Meister

In der Akademie in St. Pölten traf Grillitsch auf Trainer Bohdan Masztaler, der prägende Wirkung hatte auf den jungen Mann. Und er wurde Teil jener Mannschaft, auf die man dort bis heute besonders stolz ist. Die U 18 des Jahrgangs 1995, die 2012/’13 mit zehn Punkten Vorsprung auf jene der Austria Bundesmeister wurde. Trainer Andreas Wieland, heute Assistent von Dominik Thalhammer beim LASK, erinnert sich an eine Nummer 10 im klassischen Sinne und einen Spieler "mit unglaublicher Qualität im Torabschluss, egal ob mit rechts oder links".

Das Selbstvertrauen, das Grillitsch zuletzt vor dem Ukraine-Spiel an den Tag legte, als er öffentlich seine Enttäuschung über fehlende Startelf-Einsätze deponierte, hatte er schon damals. "Wir waren drei Runden vor Schluss Meister, und ich musste neue Reize setzen", erinnert sich Wieland. "Zu Grillitsch hab’ ich gesagt: Ich will, dass du am Ende so viele Tore wie bestrittene Spiele hast."

Der Torschützenkönig

Vor dem 22. und letzten Spiel gegen Kärnten hielt Grillitsch bei 19 Toren, und in den ersten 45 Minuten sollte keines dazu kommen. "In der Pause habe ich ihn daran erinnert. Er hat gemeint: 'Trainer, machen Sie sich keine Sorgen'." 

Wie gegen die Ukraine hat Grillitsch damals seinen Worten Taten folgen lassen. Einem Doppelpack folgte in Minute 87 aus einem Elfmeter das 22. Tor im 22. Spiel und der Titel des Torschützenkönigs. "Wenn geliefert werden musste, hat Florian geliefert", erinnert sich Michael Grillitsch. "Das war schon immer seine Stärke."

Und während sich Wieland wünschen würde, dass sein ehemaliger Schützling auch heute hie und da weiter vorne auftaucht, um seine Stärke im Torabschluss zu zeigen, ist der Vater vorbereitet auf den nächsten Karriereschritt seines Sohnes, dem Ex-Trainer Julian Nagelsmann bescheinigt hat, einer der besten Sechser der deutschen Bundesliga zu sein. Ob am kolportierten Interesse von Tottenham oder den Bayern, wo Nagelsmann dieser Tage übernimmt, etwas dran ist, wird sich zeigen.

Michael Grillitsch hat seinen Job als Bereichsleiter für Private Banking in der Sparkasse Neunkirchen indes auf Teilzeit reduziert, um neben dem sportlichen Berater Thomas Böhm die Karriere seines Sohnes zu managen. "Was sich rundherum aufstellt, schaufle ich weg. Das ist der schönste Job, den man sich als Vater vorstellen kann."

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