Sport | Fußball
27.12.2017

Chapecoense: "Als ob es sie nie gegeben hätte"

Ein Jahr nach dem Absturz gab es sportlichen Erfolg, aber auch Kritik an der Vereinsführung.

Am 28. November 2016 krachte der Flug LMI2933 in Kolumbien in einen Berg. 77 Passiere sind an Bord, 71 sterben. Darunter fast der gesamte Kader der brasilianischen Fußballmannschaft Chapecoense sowie der Trainerstab und die Klubführung. 49 Personen, 19 Spieler – nur drei Spieler, zwei Crewmitglieder und ein Journalist überleben.

Kurz vor dem Zielflughafen Medellin hat sich eine der größten Tragödien der Sportgeschichte ereignet. Es schien, als wäre ein Verein ausgelöscht worden. Dabei hatte man ein paar Tage davor noch den Einzug ins Südamerika-Finale gefeiert. Es gibt emotionale Videos davon.

Neue Gesichter

Ein Jahr danach wird wieder gefeiert, die Videos stammen aus derselben Kabine. Nur die Gesichter sind andere. Es waren 25 andere, die da in der Kabine sangen "He, vamos, vamos Chape!" Der Klub hat den Klassenerhalt geschafft sogar einen Platz in der Qualifikation für den Südamerika-Cup erreicht.

Wunder? Märchen? Schwer zu sagen. Zwischen Massenbegräbnis, Weihnachten und Ligastart im Jänner 2017 wurde ein neues Team zusammengestellt. Ivan Tozzo, der einzige Vize-Präsident, der nicht im Flugzeug war, stellte mit Manager Rui Costa einen Kader zusammen – mit Bankdrückern aus der ersten Liga, Spielern aus der zweiten und dritten Liga und dem eigenen Nachwuchs.

Als Trainer wurde der 50-jährige Vagner Mancini verpflichtet – für eine Saison mit rund 80 Spielen – regionalen, nationalen und internationalen. Der 62-jährige Tozzo lehnte den Vorschlag ab, dass der Klub nun drei Jahre nicht absteigen solle. Und er lehnte Angebote von brasilianischen und ausländischen Klubs ab, die ihm Spieler leihen wollten. Seine Begründung: "Im Fußball kann es kein Mitleid geben. Das widerspricht dem Wesen des Spiels."

Auf und Ab

Die Saison 2017 begann sensationell mit dem Sieg in der regionalen Meisterschaft des Bundesstaates Santa Catarina. Danach startete die nationale Meisterschaft, in der Chapecoense kurzzeitig führte. Doch die zusammengewürfelte Truppe kam aus der Spur, war unerfahren und überspielt. Nach fünf sieglosen Spielen in Folge wurde der Trainer gefeuert. Klubchef Tozzo galt als kaltherzig, aber er wollte ja keinen "Mitleid-Klub", handelte branchenüblich. Erst Gilson Kleina, der vierte Trainer der Saison, führte den Klub aus der Abstiegszone auf Rang sechs.

Der Spieler Moises sagte nach diesem Erfolg: "Es macht meine Freunde auch nicht wieder lebendig, aber das waren wir ihnen schuldig." Er ist unter den Überlebenden, weil er wegen einer Verletzung nicht nach Kolumbien mitgeflogen war. Tormann Jackson Follman wird nie wieder spielen, ihm wurde der rechte Unterschenkel amputiert. Alan Ruschel wurde bei einem Benefizspiel gegen Barcelona zwar eingewechselt konnte nach seiner Rückenverletzung aber nie an seine Leistungen anschließen, war zuletzt an einen Zweitligisten verliehen. Neto feierte kurz vor Weihnachten in einem Benefizspiel sein Comeback. Der Innenverteidiger lag neun Tage im Koma. Er kritisiert: "Bei Chapecoense siehst du nichts, das an die Verstorbenen erinnert. Es ist, als ob es sie gar nie gegeben hätte."

Die Angehörigen der Todesopfer haben kaum Aussicht auf Entschädigung. Von wem auch? Einer der Firmenbesitzer der bolivianischen Fluglinie ist untergetaucht, der andere ist tot. Miguel Quiroga war der Pilot des Flugzeugs. Ein Versicherungsunternehmen weigerte sich, die Polizze in Höhe von 25 Millionen US-Dollar zu zahlen, da die Fluggesellschaft LaMia bei den Prämienzahlungen in Verzug gewesen sei.

Im Stich gelassen

Die Angehörigen fühlen sich aber auch vom Klub im Stich gelassen. Nur wenige haben einen Job im Klub gefunden. Einige fühlen sich völlig vergessen: "Ich hätte erwartet, dass einmal jemand anruft und nachfragt: Wie geht’s dir und den Mädchen? Braucht ihr etwas?" Aber das habe es nie gegeben, beklagt sich die Frau des toten Teamarztes. Und Tozzo wird immer gefragt, warum man sich auf so eine Firma eingelassen hat mit nur einer Maschine, die von den beiden Chefs geflogen wurde. Er antwortete stets, dass sie keinen schlechten Ruf hatte. Immerhin war kurz vor dem Absturz das argentinische Team mit ihr geflogen – mit Lionel Messi. Mit gerade noch genügend Kerosin.

Wie geht es im zweiten Jahr weiter mit Chapecoense? Viele der Spieler sind nur ausgeliehen oder haben kurzfristige Verträge. Aber eines wird bleiben: Die 71. Minute, gewählt nach der Anzahl der Opfer, wird weiter eine spezielle bleiben: Dann erheben sich die Zuschauer im Gedenken an die Verstorbenen. Und alle zusammen singen: "Vamos Chape!"