Sport | Fußball
07.11.2018

Bayern München: Das Remake des FC Hollywood

Champions League: Mit dem Heimspiel gegen AEK Athen beginnt für die Münchner die Woche der Wahrheit.

Wenn Gianni Infantino ein wenig Stil und Anstand hätte, dann würde er unverzüglich einen großen Strauß Blumen von der FIFA-Zentrale am Zürichsee nach Bayern schicken. Als Dankeschön dafür, dass Lisa Müller den Präsidenten des Weltverbandes so aus der Schusslinie genommen hat. In der Hysterie um einen Instagram-Beitrag der Ehefrau von FC-Bayern-Stürmer Thomas Müller rückten in den letzten Tagen in Deutschland sogar die pikanten Football-Leaks-Enthüllungen rund um Gianni Infantino ins Abseits.

Es sagt einiges aus, wenn ein banaler Zweizeiler einer Spielerfrau („Mehr als 70 Minuten, bis der mal nen Geistesblitz hat“) in der Öffentlichkeit größere Aufmerksamkeit erhält als ein brisanter seitenlanger Report im Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Es sagt aber auch sehr viel über die aktuelle Stimmungslage beim deutschen Rekordmeister aus.

Unruhe

Der FC Bayern gibt dieser Tage ein Bild ab, wie man es aus längst vergangenen Zeiten kannte, als der Klub landauf, landab als FC Hollywood verschrien war. Es begann bereits damit, dass sich in der Transferzeit einige Stars wie Robert Lewandowski oder Jérôme Boateng in der Öffentlichkeit über fehlende Rückendeckung der Vereinsführung beklagten.

Das ging weiter mit der mittlerweile schon legendären Pressekonferenz der Bayern-Bosse Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Hasan Salihamidzic, bei der sie mit Verweis auf Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) Journalisten und ehemalige Spieler öffentlich abkanzelten.

Und die bayrische Unruhe gipfelte schließlich in der aktuellen Aufregung über Lisa Müllers Kritik an Trainer Niko Kovac. Sie hatte sich via Instagram darüber beschwert, dass der neue Bayern-Coach erst nach 70 Minuten den Geistesblitz hatte, ihren Göttergatten einzutauschen.

Stolperkurs

Dass sie kurz darauf den Beitrag wieder gelöscht und sich öffentlich bei Niko Kovac entschuldigt hat, kann nichts am Bild ändern, das der FC Bayern in den vergangenen Wochen abgibt. Das typische Münchner Selbstverständnis scheint dem Serienmeister irgendwie abhanden gekommen zu sein, der Klub hinkt zunehmend den eigenen Ansprüchen und Erwartungen hinterher. „Es ist aktuell nicht so, dass wir durch die Liga fliegen“, gestand denn auch Thomas Müller. Die Bayern stolpern vielmehr durch die Bewerbe. Im DFB-Pokal mühte sich der Meister gegen den Viertligisten Rödinghausen (2:1), in der Liga reichte es am Wochenende daheim gegen Freiburg nur zu einem 1:1.

Vor allem im eigenen Stadion war zuletzt wenig von der gewohnten Mia-san-mia-Mentalität zu merken, mit der die Bayern die Gegner in der Vergangenheit häufig zu Statisten degradiert hatten. Nimmt man das 1:1 in der Champions-League-Gruppenphase gegen Ajax Amsterdam hinzu, konnten die Bayern keines der letzten vier Pflichtspiele in der Allianz-Arena gewinnen.

Champions League - Bayern Munich Press Conference

Aufholbedarf

Der Abstand zur Tabellenspitze wird größer und größer, und damit auch der Druck auf den Rekordmeister. „Wir haben jetzt eine ganz wichtige Woche vor der Länderspielpause“, weiß Angreifer Thomas Müller. Das Heimspiel in der Champions League am Mittwoch gegen AEK Athen (21 Uhr, live Sky) fällt unter die Rubrik Pflichtsieg, der echte Härtetest ist das Liga-Gipfeltreffen am Samstag mit dem noch ungeschlagenen Leader Dortmund. Dort gilt für die Bayern noch mehr das Motto „Verlieren verboten“, sonst wächst der Rückstand bereits auf sieben Punkte an.

Und was das für den erfolgsverwöhnten Rekordmeister bedeuten würde, ist allen bewusst. Wie meinte doch gleich Trainer Niko Kovac: „Ich weiß, dass die Zeit beim FC Bayern anders läuft.“