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Herzog-Kritik am Fußball-Nachwuchs: Der TV-Experte im Faktencheck

Andreas Herzog kritisierte zuletzt oft die Ausbildung der Talente in Österreich und bezeichnete Pressing als „Schnee von gestern“. Hat er recht?
Andreas Herzog

Andreas Herzog ist omnipräsent als Fußball-Experte im TV. Nachdem der ehemalige Rekordteamspieler (mittlerweile wurde er in dieser Kategorie von Marko Arnautovic und David Alaba überholt) seit vielen Jahren wöchentlich auf Sky über den Klubfußball spricht, wagte er während der WM 2026 einen „Seitensprung“ zum ORF. Nun ist er zurück bei Sky, wo er sonntags bei den Bundesliga-Topspielen im Einsatz ist.

Wo man hinsieht: Andreas Herzog. Und eines ist sicher: Der 57-Jährige kommt beim Gros der Fußballfans gut an. Weil er sagt, was er sich denkt und ab und zu emotional wird.

Ja, Andreas Herzog steht auch für Entertainment. Und man glaubt ihm, weil er zu den größten Fußballer-Ikonen des Landes zählt, ungeachtet seiner nicht ganz so erfolgreichen Trainer-Laufbahn.

Die These

Andreas Herzog ist diesen Sommer den Österreichern vor allem mit einer These in den Ohren gelegen. Tenor: In Österreichs Nachwuchs werde falsch ausgebildet, zu wenig Augenmerk auf Technik und zu viel Fokus auf Pressing gelegt. Und dieses Pressing, so Herzog in einem Interview mit der Tageszeitung Die Presse, sei „Schnee von gestern.“

Hat er recht? Der KURIER hat Herzogs Aussagen einem Faktencheck unterzogen.

„Die Kinder müssen im Training mehr dribbeln und Abschlüsse haben. Harry Kane sagt, dass er in jedem Training 100-mal aufs Tor geschossen hat. Das ist üben, üben, üben. Das machen unsere Kinder nicht, weil die Schwerpunkte im Training ganz andere sind.“

Das ist falsch. Denn was Andreas Herzog hier fordert, ist in Österreich seit Jahren auf Schiene. Der ÖFB hat im Sommer 2022 die größte Nachwuchs- und Kinderfußballreform seiner Historie vollzogen, die genau darauf abzielt: Von der U6 bis zur U13 wurden die Spielfelder verkleinert, nun wird statt auf einem großen Platz auf mehreren kleinen Feldern gekickt.

Das Resultat: Achtjährige etwa kommen in der neuen Spielform zu mehr als 60 Prozent mehr Ballaktionen und zu mehr als 148 Prozent mehr Torerfolgen in derselben Spielzeit. Die Anzahl an Dribblings steigt sogar um sagenhafte 270 Prozent.

Viel mehr Kinder

Eine weitere Folge: Kinder haben in Österreich seither mehr Spaß und bleiben dem Sport erhalten. Der ÖFB konnte die Drop-out-Rate massiv verringern und zählt aktuell um 26.000 Nachwuchsspieler mehr als noch 2022.

Klar ist: Bis das Resultat der Reform sichtbar ist und Österreich mehr Techniker hervorbringt, wird es noch Jahre dauern. Es könnte schneller gehen, wenn alle Nachwuchstrainer mitziehen – wie es Andreas Herzog auch schon zurecht gefordert hat. Hinterfragen könnte man, ob es die Reform nicht schon früher gebraucht hätte. Allerdings: Der DFB hat es dem ÖFB „nachgemacht“ und ein Jahr später das gleiche getan.

„Nur dieses “Pressing, Pressing, Ball jagen„ ist Schnee von gestern. Damit waren wir zwar erfolgreich, aber der Fußball hat sich weiterentwickelt“, sagte Herzog in der Presse. Und im ORF dazu: „Ich habe die Spanier vier-, fünfmal im Stadion gesehen. Die haben eine ganz andere Auffassung vom Fußball. Da geht es wirklich um die Spielintelligenz, um das Räume erkennen, um die Supertechnik im ersten Kontakt, das Positionsspiel, das Passspiel.“

Auch das ist zumindest zum Teil falsch. Gegenpressing gehört mittlerweile zur DNA des spanischen Fußballs. Die offiziellen Zahlen der FIFA belegen: Die „Furia Roja“ hat den Grundstein für ihren WM-Titel im Spiel gegen den Ball gelegt. Auf dem Weg zum Titel in den USA hatten die Spanier in jedem einzelnen Spiel das wesentlich bessere Pressing als ihre Gegner (siehe Infobox). Im Finale gegen Argentinien war das eklatant. Während die Spanier im Schnitt nur 10,2 Sekunden brauchten, um verlorene Bälle wieder zurückzuerobern, brauchten Messi und Kollegen 22,3 Sekunden. Fakt ist: Die Spanier jagen den Ball ständig, wenn sie ihn einmal verloren haben.

Was Klopp dazu sagt

Schnee von gestern ist das Balljagen auch bei Jürgen Klopp nicht. Der neue deutsche Bundestrainer sagte unlängst bei seiner Antrittsrede: „Gegenpressing wird ein wichtiges Thema sein.“

„Wir definieren uns im Fußball schon über Jahrzehnte über ganz andere Geschichten (als Spanien, Anm.). Das hat in den letzten Jahren gut ausgeschaut, weil von der Intensität her und vom Spiel gegen den Ball, da waren wir richtig super“, meinte Herzog. Die Challenge der Zukunft sei es aber, zu hinterfragen, „wie wir den österreichischen Fußball sehen wollen“.

Dieser Challenge stellt sich der ÖFB schon lange, die Ausrichtung gilt als ständiger Prozess. Wer am Fußball-Stammtisch einmal Wuchteln durch Wissen ersetzen will, findet das breite Ausbildungskonzept online unter oefb.at. Eines sei verraten: Individualtraining, wie es Andreas Herzog ebenso fordert, ist bei den Toptalenten längst eine tragende Säule.

Der ÖFB hat seit vielen Jahren auch eine digitale Wissensplattform, in der alle Akademie-Trainer ihre Trainingsinhalte dokumentieren müssen. Nicht jeder kann also tun und lassen, was er will. Klar ist aber auch: Eigensinnige Trainer, die Resultate über die Entwicklung stellen, wird man nie ganz loswerden.

Populär, aber nicht aktuell

Unterm Strich bleibt: Herzogs Grundanliegen ist nicht das Problem. Mehr technisch versierte Kicker will man auch beim ÖFB haben. Das schließt intensives Pressing allerdings nicht aus, sondern ergänzt es im Idealfall. Die Frage ist nur, wo man ansetzt. Herzog sucht die Antwort im Rückblick, in Spanien, im Pressing-Verzicht.

Der Verband hat vieles davon längst zum Programm gemacht. Bis das sichtbar ist, bleibt Herzog mit seiner Diagnose zwar populär – aber eben nicht aktuell. Schnee von gestern ist nicht das Pressing. Es ist die Vorstellung, in Österreichs Fußball würde nichts für die Technik der Kinder getan. Und es sind TV-Experten, die nirgends anstreifen wollen. Die gibt es. Andreas Herzog zählt nicht dazu.

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