Sport | Fußball-WM
02.07.2018

Vor dem Achtelfinale gegen Japan: United Colours of Belgium

Das Nationalteam eint auf dem Feld und den Rängen Flamen und Wallonen.

„We’re from Belgium“ ... und wir sind so stolz darauf, bescheiden zu sein. Belgien. Womit verbinden wir es? Wir kennen es als politisches Zentrum der EU, mit seiner Hauptstadt Brüssel, die eine wunderbare Projektionsfläche bietet, damit man so herrlich schimpfen kann. „Die dort in Brüssel haben das so bestimmt!“

Belgien, das Land der Pralinen, der schweren Biere und der Pommes Frites. Dieses Land mit seinen alten Städten Brügge, Gent, Antwerpen. Jede einzelne ein Juwel. Was hat dieses kleine Land noch, das etwa nur so groß wie Nieder- und Oberösterreich zusammen ist? Es hat jedenfalls knapp zwölf Millionen Einwohner, und diese teilen sich auf in Niederländisch sprechende Flamen im Norden und französischsprachige Wallonen im Süden. Ach ja, der Sprachenstreit, davon haben wir schon gehört. Die sollen sich ja nicht so gut vertragen, die Flamen und die Wallonen. Oder? Und Brüssel liegt da irgendwo in der Mitte, zwischen den beiden.

Die Qual der Belgier

Sind wir mal ehrlich: Belgien steht nicht wirklich ganz oben auf der Liste unserer Urlaubsdestinationen. Und war Belgien nicht immer eher ein Land der Radrennfahrer? Mein Vater sagte immer: Die Belgier sind ein Volk, das leiden und sich quälen kann. Unzählige Sieger der Frühjahrsklassiker – bei Wind und Regen und schrecklichem Kopfsteinpflaster – stammen doch von dort. Und Eddy Merckx nannte man sogar den Kannibalen, weil sein Siegeshunger unstillbar war.

Und jetzt haben die Belgier plötzlich eine Jahrhundertmannschaft im Fußball. Sogar eine goldene Generation. Belgier waren immer stolz darauf, bescheiden zu sein und gut darin, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Wie oft musste Belgien neidvoll zum Nachbarn Niederlande schauen, der bei allen großen Turnieren meist zu den Favoriten gehörte und dessen Fans, ganz in Orange gekleidet, nicht zu übersehen und -hören waren.

Mehr als Geheimfavorit

Jetzt aber hat sich das Blatt gewendet. Die Oranjes sind gar nicht dabei, und die Belgier sind plötzlich mehr als nur ein Geheimfavorit. Und sie kämpfen nicht nur, sie spielen! Der Wallone Eden Hazard ist das Genie, der Flame Kevin de Bruyne ist der heimliche Kapitän, der die Mannschaft dirigiert, und Lukaku, dessen Mutter die Milch für den kleinen Romelu mit Wasser strecken musste, der Sturmtank. Dries Mertens wirbelt oft zwischen den Linien und ist in Belgien besonders beliebt. „Drieske“ ist der Junge von nebenan, mit dem man am liebsten auf eine Pizza ginge. An den Flanken rennen Thomas Meunier und Yannick Carrasco viele Kilometer auf und ab.

Die Dreier-Abwehr bilden planmäßig Vertonghen, Alderweireld und Kompany. Und da haben wir schon die Achillessehne dieser Mannschaft. „The Prince“ Vincent Kompany ist ein Weltklassekicker, aber – ach so – verletzungsanfällig. Auch Thomas Vermaelen – zur Info phonetisch: Vermaalen – hat ebenso öfters muskuläre Probleme.

Spanischer Trainer

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Auf der Kommandobrücke steht jetzt ein Spanier. Roberto Martínez hat Marc Wilmots nach der EM abgelöst, denn die Belgier erhoffen sich mehr als nur ein weiteres Viertelfinale und trauen ihm in taktischer Hinsicht viel mehr zu als dem ehemaligen „Schalke-Kampfschwein“ Wilmots.

Aber warum ist der Star von AS Roma, jetzt Inter Mailand, Radja Nainggolan nicht mal im Kader? Man munkelt, dass Martínez in allen Belangen ein Perfektionist sei und diese Perfektion verlange er von seinen Spielern nicht nur auf dem Platz, sondern auch abseits. Der bei den Fans beliebte „The Ninja“ Nainggolan ist aber ein Junge vom „linker oever“ aus Antwerpen. Dort, am linken Ufer der Schelde, herrschten immer schon eigene Gesetze. „The Ninja“ stand immer auch für Party, Rauchen und einen verrückteren Lebensstil. So ein Flummi könnte für die Mannschaft einen Unruheherd bedeuten. Vor allem dann, wenn er zu oft auf der Bank sitzt. Bei den Roten Teufeln gibt es sonst keine Probleme. Kein Wunder, wenn man seit 24 Spielen keine Niederlage erleiden musste. Und die Spieler mit marokkanischer, kongolesischer, malischer, kosovarischer oder spanischer Origine widerspiegeln präzise das multikulturelle Leben Belgiens. Heute im Achtelfinale gegen Japan (20 Uhr, ORFeins, ZDF, KURIER.at-Liveticker) ist man plötzlich mehr als nur Geheimfavorit. Eine ungewohnte Situation.

Aber was machen jetzt die Fans? Welche Schlachtgesänge können sie gemeinsam anstimmen. Flämisch und Französisch durcheinander? Nein: zusammen auf ... Englisch! Das höhere Ziel vereint sie, und der Sport beweist seine integrative Kraft: „People have to know! – Who we are! – Where we come from! – So we tell them: We are from Belgium – mighty mighty Belgium.“ Der Beweis? Suchen Sie auf youtube unter: Belgium Fans Red Together.

Serge Falck: Belgier und Österreicher

Der Sohn des belgischen Politikers Ludo Dierickx (Gründer der belgischen Grünbewegung) wurde am 19. April 1961 nahe Antwerpen geboren. Seine österreichische Mutter Eva Maria Lavant war TV-Moderatorin („Risiko“ Ende der 70er-Jahre im ORF) und Sängerin. Serge spielte in Serien wie Kaisermühlen-Blues, Medicopter 117 und CopStories. Derzeit tourt er mit seinem Soloprogramm „Am Beckenrand“ durch Österreich (www.falck.at).