Sport | Fußball-WM
23.06.2018

Trendergebnis 1:0: Eine Weltmeisterschaft der Defensive

Von drei Mann eingekreist: Die erfolgreichen Teams wie Kroatien bauen auf ihre Defensivleistung. © Bild: APA/AFP/KIRILL KUDRYAVTSEV / KIRILL KUDRYAVTSEV

Wenige Tore, viele aus Standards, aber offensive Flaute in 24 von 48 Vorrunden-Spielen - eine erste Bilanz.

Eine Million Zuschauer im ORF und fast elf Millionen im ZDF haben die 0:3-Niederlage von Argentinien gegen Kroatien live gesehen. Die Fußball-WM ist ein Renner. Aber ganz ehrlich: Wie viele Spiele waren nicht zum Gähnen? Das Spektakel hält sich in Grenzen. 53 Tore in den ersten 24 Spielen – der Torschnitt bewegt sich auf dem historischen Negativniveau von 1990.

Und vor allem: Wenn ein Tor fällt, dann kann man am Nachmittag ruhig das Bügeleisen anheizen, am frühen Abend ein leichtes Mahl zu sich nehmen – oder beim letzten Spiel ein Nickerchen machen. Nur selten wird ein zweites fallen. Zehn der ersten 24 Spiele sind 1:0 ausgegangen – Neymar verhindert das elfte 1:0 erst in der 97. Minute. Vor vier Jahren gab es in der gesamten Vorrunde (48 Spiele) nur acht 1:0. Die WM vor vier Jahren war erfrischender. In Russland scheint das taktische Korsett für einstige Frischlinge viel enger. Zählt man durch, wie viele Mitspieler sich vor dem Ballführer befinden und wie viele Gegenspieler, wird man zu einem fußballerisch ernüchternden Ergebnis kommen. „Wer 5:0-Siege sehen will, darf nicht zur WM kommen“, sagte Frankreichs Teamchef Didier Deschamps. Vor vier Jahren schlug sein Team Honduras 3:0 und die Schweiz 5:2. Dieses Jahr gab es ein mattes 1:0 und ein mattes 2:1.

Außenseiter nach hinten
Auch die kleineren Nationen haben sich in den letzten Jahren taktisch verbessert. So kann man aus individuell limitierten Spielern eine kompakte Defensive formen. Und eine Defensivstrategie ist in der relativ kurzen WM-Vorbereitung leichter zu lernen als eine komplexe Angriffstaktik. „Das zeigt, dass der internationale Fußball immer enger und enger zusammenrückt und sich die Athletik erhöht“, analysierte Ex-Weltmeister Lothar Matthäus in seiner Kolumne bei der Presseagentur dpa.

Standard-Fragen
Die Offensivstrategie der Außenseiter lautet: leise nach vorne schleichen und auf eine Standardsituation hoffen, um irgendwie vielleicht ein Tor zu schießen. 24 der 51 Tore fielen nach Ecken, durch Freistöße oder Elfmeter. Mit neun Elfertoren fehlen nur noch drei auf Gesamtbilanz von 2014 (12). Direkte Freistoßtreffer gibt es in Russland (4) schon jetzt mehr als in Brasilien (3). Dem Trend kommt auch die Einführung des Videoschiedsrichters zugute. Wie viele Elfer wären nicht gegeben worden, hätte Big Brother in Moskau nicht „Hallo“ gerufen – vier Strafstöße wurden erst nach Intervention des Video-Assistenten gegeben. Nur ein Elfer wurde zurückgenommen, gestern von Referee Kuipers.

Pressing ade
Auch die großen Nationen verzichten darauf, früh den Gegner anzugreifen. Unter dem Motto: Der soll nur kommen. Darunter leidet die Attraktivität des Spiels. Zumal sogar auf einen einzigen Konterstürmer verzichtet wird. Die Defensive um den eigenen Strafraum wird verdichtet. In Zahlen und System ausgedrückt: Es wird mit einem 6-4-0 verteidigt oder mit der offensiveren Variante 4-6-0.

Limitierte Favoriten
Kaum eines der großen Teams hat sich bislang mit Ruhm bekleckert beim Versuch, solche Defensivbollwerke zu knacken. Die Franzosen nicht, die Brasilianer nicht, die Deutschen nicht und schon gar nicht die Argentinier gegen Island und vor allem in Hälfte zwei gegen Kroatien. Die großen Nationen meiden das Risiko. Sie spielen 4-2-3-1 oder 4-3-3 mit offensiven Außenverteidigern, dafür lassen sich aber die Mittelfeldspieler zur Absicherung auffallend tief Richtung Abwehrreihe fallen. Vier, fünf Spieler vor dem Ball sind eine Seltenheit, geht es Richtung Strafraum, sprintet nur noch der eine oder andere hinein. Die numerische Überlegenheit der verteidigenden Teams ist erdrückend.

Ballbesitz ist Sicherheit
Die großen Nationen meiden das Risiko nicht durch defensives Blockdenken, sondern durch Ballbesitz. Mit dem Hin-und-Hergeschiebe wird vermieden, dass der Außenseiter einen Funken Angriffsgeist zeigen kann. Riskante Pässe in die Spitze sind die große Ausnahme. Aus Angst vor Kontern tauschen aber die Angreifer auch selten die Positionen, und sie starten auch selten in die Tiefe. Auch die Favoriten fallen nach Ballverlust blitzschnell wieder in die defensive Ordnung zurück.

Fader Passrekord
Rund 900 Pässe wurden pro Partie im Schnitt gespielt, so viele wie bei keiner anderen WM bisher. Allerdings wurden nur etwas mehr als 100 davon im letzten Drittel gespielt. Das ist der geringste Wert, seit diese Daten erfasst werden – seit der WM 1966.