Sport | Fußball-WM
29.06.2018

Nach der WM-Blamage: Suche nach der deutschen Einheit

Das Vorrunden-Aus bedeutet eine Zäsur für den deutschen Fußball. Ob Löw die Erneuerung einleiten darf, ist ungewiss.

Als in den Schlussminuten des Spiels die Südkoreaner das verzweifelte Anrennen der Deutschen mit zwei Toren beantwortet hatten, war das Kreischen der Schiedsrichterpfeife eine Erlösung. Joachim Löw gratulierte seinem Trainerkollegen und ging auf den Rasen der Kasan-Arena. Zwei, drei Spielern reichte er die Hand. Dann stand Löw im Feld zwischen Mittellinie und Strafraum – als ob er die Orientierung verloren hätte. Aber hatte er sie nicht schon viel früher verloren?

Er ging auf keinen weiteren seiner Spieler mehr zu, und auch kein Spieler auf ihn. Als der Moment des Untergangs Wirklichkeit geworden war, standen Mannschaft und Trainer allein für sich.

Über eine große und stolze deutsche Mannschaft schien die Zeit hinweggefegt. Und über ihren Trainer gleich mit. Alle hatten gegen Mexiko im Auftaktspiel gesehen, wie tatenlos, ja wie hilflos Löw an der Seitenlinie mit ansah, wie seine Mannschaft vorgeführt wurde. Und während die Spieler in den Tagen danach das vermurkste Spiel irgendwie zu erklären und die handfeste Krise zu managen versuchten, ging Löw in Sotschi am Meer spazieren und posierte.

Gefeiert

Die deutsche Öffentlichkeit hat noch die Bilder von vor vier Jahren vor Augen, wie Löw in Brasilien durch den Strandsand stapfte. So lässig, wie er an der Wasserlinie entlangschlendert, so wird er auch die deutsche Mannschaft durchs Turnier coachen. Einige Medien feierten ihn damals für diese Bilder. Und ihm selbst schien das Bild auch zu gefallen.

Und auch 2018 sind es die Momentaufnahmen, die Löws Veränderung dokumentierten. Da sind die Bilder vom Trainingsplatz, wo er im Irgendwo steht. Das Leiten hatte er längst seinen Assistenten überlassen, deren Zahl ständig gestiegen ist. Und weil er dann gerade nichts Besseres zu tun hatte, schnappte er sich einen Ball. Einmal jonglierte er ihn, einmal schoss er ihn in ein leeres Tor. Sogar beim Hütchenaufstellen wurde er gesehen. Soll bloß keiner auf die Idee kommen, er würde nicht mit anpacken. Vieles an Löw wirkte in diesen Tagen inszeniert.

Erarbeitet

Als der Schwarzwälder noch Assistent von Jürgen Klinsmann war und mit der Mannschaft auf dem Platz einstudierte, wie eine Viererkette funktioniert. Damals, 2004, als alles begann. Nach der WM 2006, die als Erweckungsereignis des späteren Weltmeisters gilt, hat Löw das Amt von Klinsmann übernommen.

Von da an landete die Mannschaft bei allen großen Turnieren mindestens unter den besten vier. Löw war der Macher. Doch mit jedem Turnier, in dem es nicht zum Titel reichte, wurden Stimmen laut, ob er überhaupt der Richtige sei. Vor allem nach dem vercoachten EM-Halbfinale 2012 gegen Italien. Das muss man wissen, um verstehen zu können, was der Gewinn des WM-Titels vor vier Jahren mit ihm gemacht hat.

Seit er Weltmeistertrainer ist, müsse er niemanden mehr etwas beweisen. So ist es immer wieder aus seinem Umfeld zu hören gewesen. Gefürchtet war zuletzt seine Spontanität. Zur endgültigen Kadernominierung ließ er ausrichten, dass er keine Fragen beantworten möchte. Mehr als 100 Journalisten waren extra angereist.

Gespalten

Die lodernde Debatte um das Treffen seiner Spieler Gündogan und Özil mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan wollte er von seinem Podium herab einfach mal für beendet erklären. Auch der Bundestrainer hatte die Wucht dieser Debatte unterschätzt, die Mannschaft wurde sie nie los. Bis zuletzt soll sie in dieser Angelegenheit gespalten gewesen sein.

Die Verbandsspitze sonnte sich lange im Glanz des WM-Titels und scheute Konsequenzen. Kurz vor der WM hatte sie den Vertrag mit dem 58-Jährigen bis 2022 verlängert. Frei nach dem Motto, wonach alles passieren könne, nur dürfe Löw nicht gehen. Als Vereinstrainer können sich Löw immer weniger Beobachter der Nationalmannschaft vorstellen. Diese tägliche, kleinteilige Arbeit auf dem Rasen, Woche für Woche der Druck, Ergebnisse zu liefern. Eine ganze Saison lang.

Er hatte sich als Bundestrainer eingerichtet. So entstand der Eindruck, dass die alltägliche Arbeit sich aus seinem Alltag geschlichen hatte.

Der Coach wirkte selbstzufriedener, ja selbstgefälliger. Und so spielte seine Mannschaft letztlich auch. Unbequeme Fragen nach Fitness und Form, nach Frische und Formation ließ er ins Abseits laufen.

Überfordert

In einem seiner wenigen Interviews vor der WM hat er gesagt, dass er sich jetzt mehr als „Entwickler“ sehe. Als einen, der um die Welt reist, die Einflüsse aller Fußballstile aufsaugt und daraus die Schlüsse für den künftigen Fußball zieht. Mag sein, dass er dadurch die Gegenwart aus den Augen verloren hat, in Russland wirkte er von ihr überfordert. Löw ist es nicht gelungen, aus dem Weltmeisterteam von 2014 und dem Confed-Cup-Siegerteam von 2017 eine Mannschaft zu formen, die diesen Namen verdient.

Was wird nun der Verband tun? Kann Löw einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen? Was macht er selbst? Kann er noch einmal die Kraft und die Lust aufbringen? Würde er dafür die Akzeptanz finden, oder ist mit dem Scheitern in Russland nicht auch etwas kaputtgegangen? Verband und Bundestrainer haben sich für diese Antworten noch ein paar Tage Bedenkzeit erbeten.

Der deutsche Fußball hat Joachim Löw viel zu verdanken. Wenn er Trainer war, war er gut, und er wäre es vermutlich immer noch. Er wird bestimmt einen prominenten Platz in der deutschen Fußballgeschichte bekommen.

Die Frage ist: wann?

Michael Rosentritt ist Redakteur beim Berliner „Tagesspiegel“.