Sport | Fußball-WM
23.06.2018

Lionel Messi, das apathische Geburtstagskind

Der Argentinier ist seit heute 32, aber vom Status eines Anführers weit entfernt.

Aufbäumen? Neue Hoffnung? Jetzt erst recht? Wenn, dann kann es Lionel Messi gut verbergen. Der Superstar aus Argentinien wirkte beim Training nicht besonders motiviert. Lionel Messi trabte hinterher, dehnte sich am Rand der Gruppe. Den Kopf meist gesenkt, die Schultern nach unten. Neue Hoffnung nach dem für ihn und Argentinien guten 2:0-Sieg des kommenden Gegners Nigeria gegen Island am Abend zuvor sieht anders aus. Die Bleiweste, die Messi dann bei kurzen Sprints trug, wirkte sinnbildlich. Die gedrückte Stimmung im Team des vor dem Scheitern stehenden fünfmaligen Weltfußballers war an diesem Samstagmittag im russischen WM-Camp von Bronnizy in jedem Moment spürbar.

Die Krisensitzung des kompletten Kaders mit Trainers Jorge Sampaoli und Verbandsboss Claudio Tapia am Abend zuvor schien vorerst am desolaten Zustand der Auswahl nichts geändert zu haben. Im Gegenteil: Messi und die Albiceleste scheinen vor dem Gruppenfinale gegen Nigeria dem endgültigen Zerfall nahe.

Die Tormann-Frage

Hartnäckig halten sich Spekulationen, dass nun auch noch der Tormann ausgetauscht werden soll. Nicht so verwunderlich nach dem groben Patzer des 36 Jahre alten WM-Debütanten Wilfredo Caballero gegen Kroatien. Allerdings, wer sind die Alternativen für den Ersatzkeeper von Chelsea? Die eine heißt Franco Armani, spielt bei River Plate in Buenos Aires, ist 31 Jahre alt – und hat auch noch nie bei einer WM gespielt. Länderspiele: null. Die andere: Nahuel Guzmán. 32 Jahre alt, nachnominiert für den verletzten Stammtorwart Sergio Romero. Sechs Länderspiele, keine WM-Erfahrung.

Wieder könnte es einen Wechsel auf einer Schlüsselposition geben. Wohl wieder weitere Veränderungen in der Startelf. Womöglich noch einmal ein anderes System. Selbst vor acht Jahren beim Viertelfinal-Aus in Südafrika unter Diego Maradona, dem wohl kaum jemand große taktische Trainer-Finesse unterstellen würde, wirkte die argentinische Mannschaft nicht so planlos wie in diesen Tagen, die die letzten von Messi im himmelblau-weißen Dress sein könnten.

Er selbst bleibt dabei Abbild der Hoffnungslosigkeit. Noch kein Tor, ein verschossener Elfmeter beim 1:1 gegen Island, eine miserable Leistung beim 0:3 gegen Kroatien. Und so, wie Messi am Donnerstagabend vom Platz in Nischni Nowgorod schlich, so betrat er am Samstag den Rasen in Bronnizy.

Finale am Dienstag

Zu seinen Ehren wollen sie in dem Ort vor den Toren von Moskau am Sonntag, Messis 31. Geburtstag, eine Sieben-Stunden-Feier veranstalten. Der Hauptdarsteller selbst wird der Feier aber wohl nicht beiwohnen. Stattdessen stimmt sich Messi unweit der Bühne am Belskoj-See mit seinen Teamkollegen auf das Gruppen-Finale gegen Nigeria am Dienstag (20 Uhr MESZ) in St. Petersburg ein. Beobachter werden das Gefühl nicht los, Messi wäre gerade lieber schon ganz woanders. Er geht nicht voran. Er führt das Team nicht. Er schlurft beim Warmlaufen gequält hinterher. Wenn er einmal mit einem redet, ist es sein bester Haberer Sergio Agüero, Schütze des bislang einzigen WM-Tores der Argentinier.

Nicht einmal die guten Erinnerungen an Nigeria bei der WM vor vier Jahren scheinen Messi aus seiner Resignation reißen zu können. Zwei seiner fünf WM-Tore schoss er vor fast genau vier Jahren am 25. Juni 2014 beim 3:2-Sieg. Drei Punkte müssen jetzt her, wenn Messi sich nicht in St. Petersburg von der WM-Bühne womöglich für immer verabschieden will.