Sport | Fußball-WM
17.07.2018

Festtagsstimmung und bange Fragen in Kroatien

In Zagreb wird noch gefeiert, aber langsam holt die Kroaten wieder der Alltag ein.

Noch einmal bebte es ordentlich. Kroatiens Fußballer, die sich auf der Plattform eines offenen Stockbusses vom Flughafen in die Zagreber City kutschieren ließen, wurden gefeiert, als hätten sie das WM-Finale gegen die Franzosen gewonnen. Auf dem Hauptplatz begrüßte sie ein wogendes Menschenmeer mit Schachbrett-Muster. Viele Kroaten waren am Montag mit ihren Fan-Shirts zur Arbeit gekommen. Andere bekamen frei.

16. Juli 2018, inoffizieller Feiertag: Aus mehreren Städten waren Sonderzüge in die Hauptstadt gekommen. Die Kroatischen Eisenbahnen boten erneut jede Fahrt zum halben Preis an. Großes Kino unter der Regie des Theaterregisseurs Kreso Dolencic, und noch einmal Spannung für die Seismologen in der Zagreber Oberstadt: Schon beim Halbfinal-Tor von Mario Mandzukic gegen die Engländer konnten sie ihren Sensoren kaum trauen: Die Erde hatte gleich an mehreren Orten Kroatiens zart gebebt, unter allen großen Public-Viewing-Zonen.

Viel Freude bereitet

„Sie waren auch im Finale gut“, meint Davor, ein junger Angestellter aus der Mandzukic-Heimatstadt Slavonski Brod. „Dass das Spiel am Ende verloren ging, ist nicht schlimm. Sie haben uns in den vergangenen Tagen unglaublich viel Freude bereitet.“ Soziologen mutmaßen bereits, dass sich Kroatiens Sommermärchen auf den World Happiness Report auswirken könnte. In dieser Weltrangliste liegt ihr Land aktuell nur auf Platz 82. Der blutige Jugoslawien-Krieg, die hohe Arbeitslosenrate in etlichen Landesteilen, Armut, Korruption, auch das Faktum, dass die Besten „in den Westen“ auswandern, das alles trug nicht zur allgemeinen Heiterkeit bei. Der Finaleinzug der „Feurigen“ (Vatreni) tat auch der Seele gut. Er hat auch das Image des Landes verbessert.

Die Stimmung auf dem bekanntesten Platz des Landes ist auch am Tag nach der Niederlage ausgelassen, aber nicht aggressiv. Es wird wie schon in den vergangenen Tagen viel gesungen, getanzt und gelacht. Unter die Feierstimmung mischen sich aber auch erste bange Fragen: Die „Reise zum Finale“ hat Geld gekostet. Wie werde ich den Kredit zurückzahlen? Behalte ich meinen Job nach dem Sommer? Fußball-Beobachter fragen indes: Wird Luka Modric, der zum Spieler des Turniers gewählt wurde, erneut vor Gericht aussagen müssen? Können seine Nachfolger aus einem inzwischen doch mächtigen Schatten treten?

Ante, bitte!“ Auf dem Hauptplatz bejubelt wurde auch Ante Rebic, dem man im Finalspiel die Strapazen der letzten Turniertage deutlich anmerkte. Einige seiner Landsleute lachen. Sie haben den Post aus seinem Heimatort in der Nähe von Imotski gelesen: „Ante, bitte streng“ dich im Finale nicht zu sehr an. Wir brauchen dich, am kommenden Wochenende bei unserem Boccia-Turnier.“