Sport | Fußball-WM
03.07.2018

Englands Titeltraum: Wann, wenn nicht dieses Mal?

Vor dem heutigen Achtelfinal-Hit gegen Kolumbien wird in England schon vom WM-Titel geredet.

Seit 2006 kein einziges K.-o.-Spiel gewonnen, alle Elferschießen verloren, aber vor dem heutigen Achtelfinale gegen Kolumbien (20 Uhr, ORFeins, ARD) stehen die Engländer gefühlt schon im Endspiel: „Wir haben eine riesige Chance in diesem Turnier. Um nicht zu sagen: eine riesige Chance, es zu gewinnen“, schrieb Altstar Michael Owen in einer Kolumne in der Daily Mail.

Und der 89-malige englische Teamspieler hat auch gleich einen Tipp für seine Nachfolger: „Nutzt diese Chance. Nicht, dass Ihr es irgendwann bedauern müsst. Wenn ich auf meine Zeit für England zurückblicke, bedauere ich vieles. Und meinen damaligen Teamkollegen geht es genauso.“

Einfacher Weg

Nach den guten Leistungen in der Gruppenphase träumen die leidgeprüften Fans angesichts eines möglichen Viertelfinales gegen die Schweiz oder Schweden und einem Halbfinale gegen Russland oder Kroatien vom ersten Endspiel seit dem einzigen Titelgewinn 1966.

Auch Torschütze Harry Kane strotzt nur so vor Tatendrang. „Jetzt kommt der Moment der Wahrheit“, sagte der bereits fünffache Turniertorschütze: „Mein Selbstvertrauen ist unendlich, und ich bin zu allem bereit.“

Der Hype ist so groß, dass die von Gareth Southgate während aller Spiele getragenen Anzugwesten auf der Insel zum Renner werden. „Das zeigt nur, dass im Leben alles möglich ist. Aber ich weiß, dass ich kein David Beckham bin“, meinte der Teamchef schmunzelnd.

Aber es gibt Fußball-Legenden, denen die Euphorie doch eher suspekt ist: „Es wirkt so, als hätten wir die wichtigste Stammtischparole des Fußballs vergessen: Immer ein Spiel nach dem anderen angehen“, twitterte Gary Lineker genervt: „In diesem Spiel geht es darum, nach zwölf Jahren ein K.-o.-Spiel bei einem Turnier zu gewinnen. Damit ist alles gesagt.“

Auch Southgate traut der Euphorie der als Dauer-Pessimisten berühmten englischen Fans nicht ganz. Deshalb war er sogar froh über Kritik an den vielen Umstellungen vor dem Gruppenfinale gegen Belgien (0:1). „Um ehrlich zu sein: Ich habe mich nicht ganz wohlgefühlt mit der ganzen Beweihräucherung“, sagte er. „Deshalb finde ich es ganz gut, dass es nun auch ein bisschen Gegenwind gibt.“

England will seine Traumata überwinden. Gegen die Angst vor dem Elfmeterschießen hat der Coach mit Psychotests, regelmäßigem Training und fest geregelten Abläufen angekämpft. „ Elferschießen ist definitiv kein Glück. Und es hat auch nichts mit Zufall zu tun“, sagte ausgerechnet Southgate, der im EM-Halbfinale 1996 gegen Deutschland als einziger verschoss.

Doch dass England seit einem 1:0 im WM-Achtelfinale 2006 gegen Ecuador kein K.-o.-Spiel gewonnen hat, lag nicht nur an der Nervenschwäche. „Dafür gab es viele verschiedene Gründe“, sagt Southgate: „Elfmeter, ja. Aber auch disziplinarische Gründe. Und manchmal waren wir nicht gut genug.“

Das soll nun anders sein. „Uns ist egal, was in der Vergangenheit war. Wir haben einen anderen Trainer, wir sind ein anderes Team. Und wir richten uns nicht mehr nach dem Gegner. Wir spielen unser Spiel. Damit wollen wir so weit wie möglich kommen“, kündigte WM-Debütant Dele Alli an.