Sport
12.10.2018

Doping in Österreich: 10 Jahre nach dem Fall Bernhard Kohl

Doper und Jäger wurden professioneller, und das Betrügen ist heute schwerer als früher.

Im Juli 2008 kehrte Bernhard Kohl als umjubelter Dritter der Tour de France und als Gewinner des Bergtrikots nach Österreich zurück. Am 13. Oktober 2008 meldete die L' Équipe, dass Kohl positiv auf das EPO-Dopingmittel CERA getestet worden war. In der Folge legte der damals 26-Jährige ein umfassendes Geständnis ab und gab zu, jahrelang auch Blutdoping praktiziert zu haben. Die Karriere des damaligen Gerolsteiner-Profis war beendet.

Wird heute noch immer hemmungslos gedopt? Oder haben es die Betrüger mittlerweile schwerer? Michael Cepic, der Geschäftsführer der NADA (Nationale Anti-Doping-Agentur), und der KURIER beantworten offene Fragen.

 

Wie viele Doping-Kontrollen gibt es pro Jahr in Österreich?

Auf Initiative und Kosten der NADA Austria wurden 2017 genau 2193 Dopingproben gezogen, davon waren 572 Blutproben.

Wie viele Dopingfälle gibt es pro Jahr in Österreich?

Es gibt jährlich zwischen zehn und 15 Verstöße gegen die Anti-Doping-Bestimmungen. Dazu zählen auch verweigerte Tests oder Dopingfunde durch die Polizei nach Hausdurchsuchungen oder aufgrund von Aufgriffen durch den Zoll.

In welchen Sportarten wird am meisten getestet?

Bei den Out-of-Competition-Kontrollen wurde im Vorjahr am häufigsten beim Ski nordisch (inkl. Biathlon und Skibergsteigen) kontrolliert, insgesamt 229 Mal. Es folgen Fußball (224), Radsport (153), Ski alpin (inkl. Snowboard, Freestyle und Skicross/136), Eishockey (115) und Leichtathletik (78). Bei In-Competition-Kontrollen führt der Pferdesport (140) vor Radsport (53) und Fußball (42).

Was sind aktuell die Herausforderungen für die Doping-Jäger?

Die Zusammenarbeit mit der Polizei (die etwa Hausdurchsuchungen durchführen kann) funktioniert seit dem Anti-Doping-Bundesgesetz deutlich besser. „Wir müssen unser Niveau mindestens im gleichen Ausmaß steigern wie die Gegenseite“, sagt Cepic. „Die Zeiten sind vorbei, als sich die Sportler miteinander unterhalten haben, was der andere wann nimmt.“ Dopende Sportler an der Spitze werden oft von Ärzten betreut. Wenn Sportler dopen, machen sie es heute höchst professionell. Sowohl der Aufwand der Doper als auch jener der Anti-Doping-Agenturen ist damit höher geworden.

Es gibt also noch die Doping-Netzwerke?

Ein Netzwerk, wie es Stefan Matschiner und Walter Mayer mit Humanplasma aufgezogen haben, wird es in dieser Form nicht geben. Mit den neuen Medien und den Whistleblowern ist das Risiko zu groß geworden. Kleine Zellen dopender Sportler rund um ein, zwei Hintermänner wird es aber immer noch geben.

 

Haben die Doping-Jäger neue Mittel?

Ja, den „Biologischen Pass“. In diesem wird ein Blut- oder Steroidprofil des Sportlers abgebildet, wodurch sich kurz-, mittel- und langfristige Veränderungen nachvollziehen lassen. Abweichungen in den Daten geben Hinweise darauf, ob und wann gedopt wurde.

Welche Sportarten sind am meisten gefährdet?

Je größer die Komponente Ausdauer oder Kraft ist, desto größer ist das Risiko, dass in der Sportart gedopt wird (so etwa Rudern, Langlauf, Radsport, Leichtathletik). Je mehr Technik, Balance oder Koordination eine Rolle spielen, desto geringer ist die Chance (Fechten, Motorsport, Golf, Schach, und andere). Cepic: „Das Problem ist, dass es für Kraft und Ausdauer sehr wirksame Substanzen gibt. Trotz der gravierenden Nebenwirkungen entsteht eine Versuchung. Doping wird aber auch eingesetzt, um schneller zu regenerieren.“

Wie viel kostet ein Test?

Ein Einzeltest kostet zwischen 300 und 400 Euro inklusive Personal und der anschließenden Auswertung. Teurer sind Tests, wenn auch noch nach Wachstumshormonen oder EPO gesucht wird. Das Geld kommt von öffentlichen Mitteln. „Das muss sich ändern“, sagt Cepic. „Hier muss der internationale Sport seinen Beitrag leisten. Es kann nicht sein, dass Fernsehrechte in schwindelerregender Höhe verkauft werden und die Finanzierung der Anti-Doping-Arbeit trotzdem vom Steuerzahler vorgenommen wird.“

Welches Dopingmittel ist im Ausdauersport das Mittel der Wahl?

Eigenblut-Doping ist am schwersten nachzuweisen, allerdings ist es auch sehr aufwändig durchzuführen. EPO ist seit 25 Jahren ein Schnellmacher und wird heute zumeist in Mikrodosen genommen. „Wenn man die Nachkontrollen von Peking und London nimmt, also rund 20 Jahre nach Ben Johnson, sieht man, dass noch immer die gleichen Substanzen genommen werden“, sagt Cepic. „Allerdings werden mehrere Substanzen in geringerer Menge kombiniert. Die einzelne Substanz ist dadurch schwerer zu entdecken.“

 

Wird bei der Tour de France noch gedopt?

Vermutlich nicht mehr in dem Ausmaß wie vor 20 oder zehn Jahren. „Wir haben uns die Auffahrtszeiten nach Alpe d’Huez angesehen“, sagt Cepic. „Die zehn schnellsten Zeiten wurden alle vor 2006 gefahren. Die Zeiten heute liegen deutlich über den Top-Ten-Zeiten.“ Und das trotz besseren Materials, besseren Trainings und besserer Ernährung. „Da ist es für mich schon eindeutig, dass sich da etwas getan hat."