Sport
30.06.2017

Doping im Radsport: Um einen Tritt voraus

Der Doping-Missbrauch im Radsport dürfte zurückgegangen sein. Andererseits sind die Betrüger den Jägern oft überlegen.

Die Tour de France hat noch gar nicht begonnen, da steht das Thema Doping schon wieder im Mittelpunkt. Dass Jan Ullrich zum Start in Düsseldorf am Samstag nicht eingeladen wurde, ärgert etwa den lebenslang gesperrten Lance Armstrong. "Den Roten Teppich für Jalabert, Virenque, Hinault (und viele andere) ausrollen, aber Jan nicht einladen? Pfft. Fuck ASO!", schimpfte der Amerikaner in Richtung der Veranstalter. Tatsächlich stand Richard Virenque einst im Mittelpunkt des Festina-Skandals, auch Laurent Jalabert hat eine Doping-Vergangenheit.

Eine Doping-Gegenwart hat die aktuelle Tour: Der Portugiese André Cardoso ist am 18. Juni positiv auf EPO getestet und am Dienstag von seinem Team suspendiert worden. Das Pikante daran: Cardoso war von seinem Team Trek-Segafredo als Helfer des umstrittenen Ex-Toursiegers Alberto Contador vorgesehen.

Für Aufregung dürfte auch das am Samstag auf Deutsch erscheinende Buch von Ex-Radprofi Thomas Dekker sorgen. Darin berichtet der Niederländer von seiner Zeit beim Team Rabobank (2007–2014) – und vom Doping.

Doch ist es nun eine Spritztour, die am Samstag gestartet wird, oder entgegen allen Unkenrufen eben doch eines der größten Sportspektakel der Welt? Der KURIER stellt Fragen und liefert Antworten.

Seit wann wird bei der Tour de France gedopt?
Seit der ersten Austragung im Jahr 1903. Die Geschichte des Radsports ist eng verknüpft mit der Geschichte des Dopings. Schon immer nahmen Radfahrer aufputschende Substanzen ein, es wurde lange auch kein Geheimnis darum gemacht. Firmen warben mit Produkten wie "l’Elixir de vitesse" oder "Vélo Guignolet" (Fahrrad-Kirschlikör), die vermutlich auf Basis von Kokain und Morphium hergestellt waren. Bis in die 1970er-Jahre soll auch Arsen angewandt worden sein, um Schmerzen zu bekämpfen.

Erst 1966 stellte der Radsport-Weltverband UCI verbindliche Doping-Regeln auf, im selben Jahr gab es die ersten unangekündigten Kontrollen. Die Fahrer waren empört – und streikten. Freilich: Schmerzmittel (etwa Tramadol) werden auch heute noch verwendet, der Konsum wird beobachtet, ist aber noch erlaubt. Denn gegen die Einstufung als Dopingmittel wehren sich bislang die Ärzte.

Was waren die größten Skandale?
Unter dem Einfluss von Amphetaminen und Alkohol fiel der Brite Tom Simpson 1967 am Mont Ventoux tot vom Rad. Noch heute steht ein Gedenkstein an der Stelle, an der er kollabierte.

Die Tour 1998 wurde vom Festina-Skandal überschattet. Es gab Festnahmen, bei einem Pfleger wurden mehr als 400 Ampullen EPO gefunden. Obwohl kein Fahrer positiv getestet wurde, ergaben Ermittlungen, dass im Team flächendeckendes Doping praktiziert wurde. Im Umfeld anderer Mannschaften wurden Spritzen und verdächtige Substanzen entdeckt. Auch das Team TVM-Farm-Frites wurde ausgeschlossen. Die spanischen Mannschaften zogen sich aus Protest zurück. Es gewann Marco Pantani vor Jan Ullrich. Im Jahr 2013 wurde veröffentlicht, dass in den Proben beider Fahrer EPO gefunden wurde.

Im Jahr 2006 wurde der Fall Fuentes öffentlich. Beim spanischen Sportarzt wurden große Mengen an Dopingmitteln und 200 mit Decknamen versehene Blutbeutel entdeckt. Fahrer, deren Namen zugeordnet werden konnten, wurden von der Tour ausgeschlossen.

Der größte Dopingsünder in der Geschichte der Tour de France ist Lance Armstrong. Nachdem dem heute 45-Jährigen jahrelanges organisiertes Doping nachgewiesen worden war, wurden ihm alle sieben Siege bei der Tour de France (1999–2005) aberkannt. Im November beginnt sein Prozess gegen das US-Justizministerium und Ex-Teamkollege Floyd Landis. Streitwert: 100 Millionen Dollar.

Was ist mit den Österreichern?
Bernhard Kohl gewann 2008 das gepunktete Trikot des besten Bergfahrers, drei Monate später wurde er des Dopings mit dem EPO-Mittel CERA überführt. In der Folge gestand Kohl, jahrelang gedopt zu haben. Seit 2014 wäre er wieder startberechtigt, ein Comeback des heute 35-jährigen Niederösterreichers stand aber nie im Raum.

Sind bei der Tour de France 2017 alle gedopt?
Wohl kaum. Radsportler gehören zu den am besten kontrollierten Sportlern. Jeder Teilnehmer an der Tour wird pro Jahr mindestens 10- bis 15-mal zur Dopingprobe gebeten. Zudem gibt es bei der Tour für die je neun Teammitglieder höchst unterschiedliche Aufgaben zu erledigen. Anzunehmen ist: Je mehr ein Fahrer mit dem Gelben Trikot zu tun hat, desto größer ist zumindest die Versuchung, unerlaubte Maßnahmen einzusetzen.

Ist die Situation schlimmer als früher?
Nein. Die Hoch-Zeit des Dopings dürfte von Beginn der EPO-Ära Anfang der 1990er-Jahre bis zum Fall Fuentes 2006 reichen. In der Folge wandten sich große Sponsoren vom Radsport ab, ARD und ZDF stellten die Übertragung der Tour ein. Seitdem wird genauer hingeschaut, einige Teams fahren einen offensiven und teilweise glaubhaften Anti-Doping-Kurs. "Der Prozentsatz der extremen Blutwerte hat sich in den vergangenen Jahren von zehn auf zwei reduziert", sagt David Müller von der österreichischen Anti-Doping-Agentur. "Grund dafür ist auch der Athletenpass, in dem das biologische Profil des Sportlers zusammengeführt wird." Deshalb sei davon auszugehen, dass die Tour etwas sauberer sei als noch vor zehn Jahren. "Gedopt wird wohl noch immer, aber vorsichtiger oder anders. Es gibt wahrscheinlich kaum noch Doping-Netzwerke. Je mehr Mitwisser man hat, desto gefährlicher wird es."

Womit wird gedopt?
Das Mittel der Wahl ist noch immer EPO. Es ist in Mikrodosierungen sehr schwer nachweisbar – und es wirkt, denn EPO erhöht die Zahl der roten Blutkörperchen, die für den Sauerstofftransport zuständig sind.

Ähnlich wirkt Blutdoping. Dabei wird dem Sportler Wochen vor dem Saisonhöhepunkt Blut abgenommen. Der Körper bildet neues Blut nach, kurz vor dem Wettkampf werden die in einer Zentrifuge gewonnenen roten Blutkörperchen dem Körper wieder zugefügt. Wachstumshormone führen zum Abbau der Fettdepots und unterstützen den Muskelaufbau.

Warum werden so wenige Fahrer erwischt?
Doper sind den Jägern oft einen Schritt voraus. "Das liegt in der Natur der Sache", sagt Müller. "Wir können nur nach Substanzen suchen, die wir kennen." So gab es bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 zunächst nur neun Dopingfälle. Mit verbesserten Analysemethoden wurden bei Nachtests seit Frühjahr 2015 Dutzende weitere Sportler überführt.

Wie sieht die Situation in anderen Sportarten aus? Kurz nach seiner Verhaftung bestätigte Dopingarzt Eufemiano Fuentes, dass die meisten seiner Kunden nicht im Radsport tätig waren. So sollen unter anderem auch Fußballer und Leichtathleten seine Dienste in Anspruch genommen haben. In absoluten Zahlen werden weltweit am häufigsten Fußballer getestet, meist wird jedoch auf (teure, dafür aber effizientere) Bluttests verzichtet. Apropos Fußball: Der Weltverband FIFA ermittelt derzeit gegen den gesamten WM-Kader Russlands des Jahres 2014. Wegen Dopings – und das womöglich wieder einmal in staatlich gelenkten Dimensionen.