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Sport
08/08/2012

Die Anatomie der Superstars

Usain Bolt ist zwar der schnellste Mann der Welt, hätte in anderen Sportarten aber keine Chance.

von Florian Plavec

Alle warten auf die große Bolt-Show. Am Donnerstag um 21.55 Uhr MESZ will sich der Jamaikaner "unsterblich" machen, wie er es selbst bezeichnet. Nach der Strecke über die 100 Meter will der 25-Jährige auch seinen Olympiatitel über 200 Meter verteidigen. Und die Chancen darauf stehen gut. Denn wer soll Bolt schlagen?

Der Name Bolt ist in aller Munde. Am Mittwoch bot sich der schnellste Mann der Welt an, bei seinem Lieblingsverein Manchester United zu spielen. Das nicht ganz ernst gemeinte Angebot deponierte Bolt in der Boulevardzeitung The Sun. "Die Leute glauben, ich mache Scherze. Aber würde mich Alex Ferguson anrufen und sagen, okay, komm, machen wir ein Probetraining, dann könnte ich unmöglich Nein sagen", sagte der 100-Meter-Weltrekordler. "Ich wäre der schnellste Stürmer im Team." Garantiert.

Wayne Rooney reagierte blitzschnell auf die Bewerbung von Bolt. "Er würde ganz sicher ein bisschen mehr Tempo ins Team bringen. Aber es geht hier um zwei verschiedene Sportarten", sagte der Engländer. "Ich glaube, er sollte der Laufbahn treu bleiben." Das denken auch Experten. Zwar werden oft Sprinter zu Bobfahrern, zwar wurde aus Fußballer Toni Fritsch ein Footballer, zwar startet bei Olympia ein ehemaliger Rugby-Spieler auf der Sprint-Strecke. Doch wer in einer Sportart Spitzenleistungen bringt, kann in der anderen fürchterlich hinterher hecheln.

Gerade für die 200-Meter-Strecke scheint Usain Bolt geboren, denn der 1,96 Meter große Athlet startet nicht sehr explosiv, kommt aber nach einigen Metern durch seine Körpergröße auf die höchste Geschwindigkeit.

Bolts Körper ist auch bekleidet der nackte Wahnsinn. Doch hat Bolt den perfekten Körper für den Erfolg? Im Sprint vermutlich schon. Doch was würde ein Bolt im Langstreckenlauf erreichen? Im Marathon würde er mit Garantie den letzten Platz belegen – wenn er überhaupt die lange Strecke bewältigen könnte. Wäre er ein guter Schwimmer? Vielleicht. Ein Gewichtheber? Viel zu groß! Ein Turmspringer oder gar Boxer? Sicher nicht.

Jede Disziplin erfordert ihre eigene Physis. Der Grundstein zum Erfolg ist der zur Sportart passende Körper, gepaart mit mentaler Stärke. Den perfekten Körper gibt es nur im jeweiligen Sport.

Dr. Alena Kos arbeitet als Anthropologin am IMSB Austria/Olympiazentrum Südstadt und analysierte für den KURIER die körperbaulichen Profile ausgewählter Spitzenathleten bei den Olympischen Spielen.

Schwimmer: Die "Spanner" in der Badehose

Der Körperbau ist abhängig von Lage und Distanz. Je kürzer die Strecke, desto muskulöser und größer sollte der Athlet sein. Rücken-, Kraul- und Delfinschwimmer sollten über 190 cm groß sein, lange Arme und eine große Spannweite haben. Normalerweise entspricht die Armspannweite der Körpergröße, wie es Michelangelo in seinem Bild "Mensch" gezeigt hat. Bei Michael Phelps (Bild) ist die Armspannweite aber 10 Zentimeter größer. Schwimmer haben breite Schultern und ein schmales Becken. Wichtig sind große Hände und große Füße. Die Beinmuskulatur ist durchschnittlich stark.

Boxer: Mit stolz gestählter Brust

Boxer, wie etwa der Italiener Domenico Valentino (Bild), sind muskulös und kompakt. Der Oberkörper ist enorm stark ausgeprägt, besonders Brustkorb-, Ober- und Unterarme. Die Rumpfform ist also dreieckig. Von Vorteil sind lange Arme mit großen Händen, sowie mittellange bis lange Beine, um leichtfüßig zu sein. Der Körperfettanteil eines Boxers ist stark abhängig von seiner Gewichtsklasse. In den leichteren Klassen (Domenicali hat bei 1,71 Metern 60 kg) beträgt er etwa 6 Prozent. Boxer im Schwergewicht, die nicht mehr auf ihr Gewicht achten müssen, haben bis zu 15 Prozent Körperfett.

Turmspringerin: Akrobatisch, praktisch, gut

Turmspringerinnen haben einen ähnlichen Körperbau wie Geräteturnerinnen, der Oberkörper ist muskulöser als die Beine. Die Schultern sind breit, das Becken ist schmal. Außergewöhnlich beweglich sind vor allem Schultern und Hüften. Turmspringerinnen sind klein und leicht. Olympiasiegerin Chen Ruolin (Bild) aus China wiegt bei einer Größe von 155 Zentimetern 47 Kilogramm. Der Körperfettanteil einer Turmspringerin liegt bei zirka 10 Prozent. Voraussetzung für ein gutes Abschneiden ist neben dem perfekt trainierten Körper eine gute Koordination und Körperbeherrschung.

Mountainbikerin: Die Leichtigkeit des Seins

Elisabeth Osl ist Österreichs einzige Mountainbikerin bei den Olympischen Spielen und wurde in diesem Jahr vom IMSB betreut. Bei einer Größe von 165 Zentimetern hat sie ein Gewicht von nur 47 Kilogramm, was bei Anstiegen vorteilhaft ist. Gute Mountainbiker sind durchschnittlich groß und schwer, und disproportionell – das heißt, sie haben eher kürzere Beine. Das garantiert Stabilität beim Downhill. Die Beinmuskulatur ist besser entwickelt als die Oberkörpermuskulatur. Der Körperfettanteil liegt bei Herren um die 7 Prozent, bei Damen zwischen 10 und 12 Prozent. Der Training von Radsportlern ist sehr zeitaufwändig, stundenlange Ausfahrten in der Ebene zur Verbesserung der Grundlagenausdauer sind notwendig. Der Ruhepuls eines Radfahrers liegt oft bei unter 45 Schlägen, das Herz fördert dafür mit jedem Schlag viel Blut.

Gewichtheber: Dick im Geschäft

In der Klasse bis 62 Kilogramm holte der Nordkoreaner Kim un Guk Gold. "Ich habe den ersten Platz gemacht, weil der Oberbefehlshaber Kim Jong Un mir Kraft und Mut gegeben hat", sagte der 23-Jährige. Tatsächlich wird es eher Kim un Guks kompakter und muskulöser Körperbau gewesen sein, der das Gewicht zur Strecke brachte. Gewichtheber sind im Verhältnis zur Größe eher schwer, Kim un Guk wiegt bei 158 Zentimetern 62 Kilogramm. Oberkörper und Beinmuskulatur sind gleichmäßig und enorm stark ausgebildet, der Rumpfumfang ist groß. Der Körperfettanteil ist mit steigender Gewichtsklasse größer und kann bis zu 15 Prozent erreichen.

Marathonläufer: Der langen Beine schneller Sinn

Die besten Marathonläufer finden sich unter den Menschen in Kenia und Äthiopien. Jedes unnötige Gramm Körpergewicht ist hinderlich, Langstreckenläufer haben einen grazilen Knochenbau, der Körperfettanteil ist extrem niedrig und bewegt sich zwischen 3 und 4 Prozent, wie etwa bei Abel Kirui aus Kenia (Bild), der am Sonntag zu den Favoriten zählt. Die Muskulatur ist deutlich unterdurchschnittlich entwickelt. Langstreckenläufer sind oft disproportionale Typen, das heißt, sie haben verhältnismäßig lange Beine, um große Schrittlängen zu erreichen. Marathonläufer haben eine sehr hohe maximale Sauerstoffaufnahme, ohne vermehrte Laktatbildung. Das bedeutet, schnell laufen zu können, ohne dass die Muskeln übersäuern. Zudem benötigen die Muskeln durch eine perfekte Lauftechnik weniger Sauerstoff.

Sprinter: An den Hebeln der Macht

Usain Bolt ist für einen Sprinter ungewöhnlich groß: auf seine 1,96 Meter wiegt er 93 Kilogramm. Durch seine große Schrittlänge überholt er nach etwa 50 Metern seine Kontrahenten. Sprinter sind sehr muskulös und athletisch gebaut. Die Hebelverhältnisse der unteren Extremitäten sind so günstig, dass Usain Bolt mit jedem Schritt zehn Zentimeter gewinnt. Sprinter sind großteils disproportionale, athletische Typen, mit sehr langen Beinen und kürzerem Oberkörper. Somit liegt der Körperschwerpunkt hoch und ermöglicht eine große Schrittlänge. Der Körperfettanteil ist bei den Sprintern niedrig und bewegt sich bei Männern bei sechs Prozent. Der Rumpf hat die Form eines Cornettos: breite Schultern, schmale Hüften. Bolts Konkurrent über 100 und 200 Meter, Landsmann Yohan Blake, ist mit 1,78 Metern deutlich kleiner, was ihm Vorteile beim Start bringt.

Der Trainingsschwerpunkt von Sprintern liegt im Schnellkraftbereich. Die intermuskuläre Koordination, also das Zusammenspiel der Muskeln, spielt eine entscheidende Rolle. Gerade Menschen aus der Karibik mit Vorfahren aus Afrika haben genetische Vorteile. Sie besitzen mehr schnell kontrahierende Muskelfasern. Gute Sprinter berühren den Boden bei einem Schritt nicht einmal eine Zehntelsekunde lang. Wichtig für einen schnellen Sprint ist die gezielte Unterstützung der schnellen Beinbewegungen durch die muskulösen Arme.

Vor dem Start und nach dem Ziel spielt Bolt den Kasperl. Er macht Späße, schneidet Grimassen, schießt imaginäre Pfeile durch die Luft. Doch schnell wird aus dem Kasperl ein ernsthafter Mann. So, wie auf der Startlinie aus dem Clown ein Hochleistungssprinter wird. "Dieses Umschalten von Entspannung zu Konzentration können viele Spitzensportler", sagt Jens Kleinert, Sportpsychologe an der Hochschule Köln. "Aber keiner kann es so schnell wie Bolt."

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