Bickel hat in der Rapid-Krise Entscheidungen zu treffen, will aber auch Ruhe vermitteln.

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Interview
03/05/2017

Fredy Bickel: "Im Einstecken sind sie klasse"

Rapid-Sportchef Fredy Bickel über die Krise, den Charakter der Mannschaft und den richtigen Song.

von Alexander Huber

Vor drei Monaten hat sich Fredy Bickel mit Rapid auf das Engagement als Geschäftsführer Sport geeinigt. Seither analysierte der 51-jährige Schweizer vornehmlich im Hintergrund. Vor dem Heimspiel gegen Salzburg (16.30 Uhr) gewährt Fredy Bickel im KURIER-Interview Einblicke. In die Rapid-Krise ebenso wie in sein Privatleben.

KURIER: Sie sind leidenschaftlicher Musik-Fan. Welcher Titel beschreibt die Lage bei Rapid?

Fredy Bickel: Die Frage möchte ich unbedingt beantworten. Aber richtig, und da muss ich länger nachdenken.

Schieben wir die Frage nach hinten. Sie haben Ihren "ungesunden Lebensstil" erwähnt. Liegt das am Job eines Sportdirektors oder am Einfluss von Rapid?

Am Beruf an sich, der weder Normen noch Rhythmus hat: Du schläfst unregelmäßig, ich kann es nach Spielen gar nicht. Ich esse unregelmäßig. Und wenn ich etwas für mich tun will, kommt meistens etwas dazwischen.

Was tun Sie für die Gesundheit?

Ich ziehe nie um die Häuser. Ich versuche, bewusst zu essen. Nicht alles schnell reinwürgen. Dazu trinke ich gerne ein Glas. In der Schweiz war es französischer Wein, hier ist der Grüne Veltliner wunderbar. Aber immer in gesundem Ausmaß! Ich wundere mich, wie viel Wein hier teils getrunken wird. Und dann habe ich auf selbst gewuzelte Zigaretten umgestellt.

Was soll das bringen?

Das Selbstwuzeln dauert länger, außerdem kann ich es nicht so gut. Da sinkt der Konsum stark.

Die Krise hat eine positive Seite: Der Vertrag von Ex-Coach Büskens würde sich durch eine Europacup-Quali über die Liga verlängern. Diesen Budgetposten können Sie einsparen.

Ich möchte das nicht als positiv einordnen! Ich lasse mir die Hoffnung nicht nehmen, solange es theoretisch möglich ist. Aber ich passe auch auf, nicht an der Realität vorbeizusehen.

Können Sie sich auch vorstellen, dass Rapid in den Abstiegskampf schlittert?

(denkt lange nach) Wer denkt, "uns kann nichts passieren", dem passiert ganz sicher etwas. Auch diese Gedanken gehören zu meinem Job, aber sie stehen nicht ganz oben auf der Liste.

Steffen Hofmann hat im August 2016 im KURIER gesagt, "das ist der beste Kader in meinen 15 Jahren bei Rapid." Wie passt das mit Platz 5 zusammen?

Ich denke auch, dass der Kader qualitativ sehr gut zusammengestellt ist. Ob er auch zusammenpasst, ist eine andere Frage. Rapid hat diese Saison, wenn man die Planung durch Barisic dazurechnet, drei Trainer und 31 Spieler verbraucht. Ich kenne keine Mannschaft der Welt, die unter solchen Umständen wirklich erfolgreich ist.

Trainer Canadi hat einen harten Bruch beim System und der Spielphilosophie vollzogen. Sehen Sie das als alternativlos?

Dieser Trainer steht für klare Vorstellungen, was seinen Fußball betrifft. Die verstehe und unterstütze ich.

Ihr Start erinnert an jenen von Helmut Schulte: Es kommt ein Fachmann von außen mit viel Erfahrung und präzisem Blick. Aber alles gestaltet sich derzeit äußerst mühsam ...

Ich sehe das als Herausforderung und Chance. Ich konnte mich nie in ein gemachtes Netz setzen und die Erfolge genießen. Auch bei den Grasshoppers, FC Zürich und den Young Boys musste ich zuerst etwas aufbauen oder reparieren.

Fehlt Ihnen im Präsidium ein echter Fußball-Fachmann, um auf Augenhöhe zu diskutieren?

Ich habe mir bei den Young Boys einen Fachmann dazu gewünscht. Gekommen ist Urs Siegenthaler – und das war der Schuss in meinen Rücken. Generell gilt: Wenn das Vertrauen groß und die Kommunikation gut ist, passt es auch mit dieser Konstellation.

Im Kader stehen viele sensible Spieler, der Trainer ist sehr direkt und kann in seiner Ansprache auch verletzen. Sie sehen sich auch als "Feuerlöscher". Müssen Sie oft ausrücken?

Nein. Ich habe es immer so gehalten, dass ich den Ausgleich zum jeweiligen Trainer darstelle. Deswegen bin ich der, der momentan mehr Streicheleinheiten verteilt. Außerdem hat die Mannschaft wirklich einen unheimlich guten Charakter. Neue Trainer, neuer Sportdirektor, verpasste Ziele, berechtigte Kritik von außen – sie nehmen das alles hin. Im Einstecken sind sie klasse!

Sehen Sie Trainer und Mannschaft auf einer Wellenlänge?

(denkt lange nach) Ich sehe eine Mannschaft, die jeden Tag bereit ist, neue Wege zu gehen. Die dazu lernen will. Das ist nicht selbstverständlich, das beeindruckt mich.

Zuletzt war zu hören, dass jetzt etwas aufgebaut wird, um nächste Saison ein Meisterteam zu stellen – geht das bei einem Verein mit den Ansprüchen von Rapid überhaupt?

Nein. Wir können ein Fundament legen, aber bei Rapid ist immer auch der Moment gefragt. Wir brauchen Resultate. Außerdem wäre es respektlos den Gegnern gegenüber, zu denken, wir ändern alles, dann steht im Sommer ein Meisterteam da. Der Gegner baut auch etwas auf.

Strebinger ist der teuerste Tormann-Einkauf in der Rapid-Geschichte, jetzt ist er geknickt. Mocinic ist der teuerste Einkauf überhaupt. Vom Trainer gab es bis zu dessen Verletzung nichts Positives zu hören. Kann es sich Rapid leisten, Kapitalabschreibungen vorzunehmen?

Nein! Bei Mocinic sehen wir alle das Potenzial, er konnte es noch nicht ausspielen. Bei Strebinger war es so, dass Knoflach mit den neu gemischten Karten gewachsen ist, während es Richard belastet hat. Wenn er das verarbeitet, kann er wieder angreifen. Dann ist das Thema nicht für immer gegessen.

Wissen Sie schon, wie hoch das Budget kommende Saison wird?

Nein, damit befasse ich mich noch nicht. Stand jetzt haben wir dann 29 Profis im Kader. Das ist zu viel, sogar leistungshemmend. Die Frage nach einem Budget für Einkäufe stellt sich erst, wenn wir wieder Platz im Kader hätten.

Was gibt Ihnen Hoffnung, dass Sie im Sommer doch noch erfolgreich bilanzieren können?

Vor allem die Einstellung der Mannschaft. Wenn wir als Verein ruhig bleiben, das auch leben und die Spieler den Weg weitergehen, wird sich das Rad drehen. Das war bei all meinen Stationen so!

Zum Schluss: Welcher Song ist Ihnen eingefallen?

Zum einen: "No time to think" von Bob Dylan. Aber wie immer bei Texten von Dylan könnte das falsch verstanden werden. Darum nehme ich das Lied, das ich mir in der harten Zeit nach dem Rauswurf bei Young Boys immer wieder reingezogen habe: "Die, die wandern" von Rainhard Fendrich.

Fredy Bickel, der Schweizer Titelhamster

Fredy Bickel ist am 19. Mai 1965 geboren und gelernter Kaufmann. Als Sportjournalist kam der Vater zweier Töchter 1992 zu Grasshoppers. Nach drei Meistertiteln folgte 1999 der Wechsel zu den Young Boys als Geschäftsführer. Es gelang der Wiederaufstieg der Berner samt Europacup-Qualifikation. Als Sportchef beim FC Zürich (2003 –2012) gelangen wieder drei Meistertitel. Im 2. Anlauf bei Young Boys (2013–’16) holte Bickel Trainer Hütter.

Im 2. Bezirk lebt der Rapid-Sportchef als Nachbar von Josef Hickersberger.