Sport | Bundesliga
02.04.2017

Ein ehemaliger Rapid-Liebling zieht sich zurück ins Kloster

Wie sehr er dem Weltcup-Sieger hilft und warum er kein Facebook-Follower seines Sohnes ist.

Zoran Barisic, seit sechs Wochen Trainer des türkischen Erstligisten Karabükspor, hat sich über Aussagen seines Rapid-Nach-Nachfolgers Damir Canadi geärgert. Dietmar Kühbauer, seit 16 Monaten vereinslos, kann Ungereimtheiten in der Liga nicht nachvollziehen. Doch verglichen mit dem Schicksal ihres ehemaligen Lieblingsmannschaftskameraden relativiert sich aller Frust.

Sergej Mandreko leidet an ALS. An einer Nervenkrankheit, die (vorerst noch) als unheilbar gilt und zu fortschreitender Lähmung führt. Als Sergej, irritiert, weil ihm wiederholt ein Arm eingeschlafen war, den Arzt aufsuchte, hatte er niemals so eine niederschmetternde Diagnose vermutet.

107 Spiele bestritt der gebürtige Tadschike, den Hans Krankls Anwalt Skender Fani bei einem russischen Nachwuchsländerspiel entdeckt hatte, für Rapid. Ehe er in die deutsche Bundesliga zu Hertha Berlin und danach zum VfL Bochum übersiedelte, war Mandreko mit den Rapidlern bis ins Europacup-Endspiel vorgedrungen.

Barisic-Kühbauer-Mandreko galten als unzertrennliches Trio. Als die Spaßvögel der grün-weißen Erfolgstruppe. 21 Jahre danach fällt alles Lachen schwer.

Noch bis vor drei Wochen, berichtet der ehemalige Vienna-Stürmer Peter Müller, der jetzt eine 700 Kinder beschäftigende Wiener Fußball-Nachwuchsschule leitet, habe Mandreko zahlreiche Jugendliche und dazu die "Erste" des Landstraßer AC im dritten Wiener Bezirk trainiert. Einen von Mandreko ausgebildeten 15-Jährigen holte Red Bull kürzlich in die Salzburger Akademie.

Müller: "Wir alle haben von Sergejs modernen Übungen profitiert." Das wird nicht mehr möglich sein.

Mandreko, dessen Ehefrau immer nur für drei Monate die Aufenthaltsbewilligung in Österreich erhielt, will sich nach Russland begeben. Er möchte sich dort für zwei Monate in ein Kloster zurückziehen. Darauf hoffend, dass der Herrgott ihm ein Ende wie dem italienischen Nationalspieler Stefano Borgonovo erspart.

Borgonovo hatte AC Milan 1990 mit einem Tor gegen die Bayern in München ins Europacupfinale geschossen. Und als die Mailänder in Wien das Endspiel gegen Benfica gewannen, waren die italienischen Gazetten voll mit Bildern, die den feschen, den Europapokal in den Praterhimmel stemmenden Stefano zeigten.

Im neuen Jahrtausend sollte Borgonovo aus beklemmendem Grund Italiens Titelseiten dominieren. Acht Jahre dauerte sein tapferer Kampf gegen ALS. Gegen jene rätselhafte Krankheit, der – wie südeuropäische Medien nach eingehenden Recherchen mutmaßten – in den 60er- und 70er-Jahren schon einige italienische Profis (darunter der legendäre österreichische Sampdoria-Legionär und FIFA-Auswahlspieler Ernst Ocwirk) zum Opfer gefallen waren.

Borgonovo konnte im Finish seines Lebens nur noch die Augen bewegen. Die aber Optimismus ausstrahlten, wie Cristiano Ronaldo, Pep Guardiola und Carlo Ancelotti nach Besuchen beim Todgeweihten voller Bewunderung erzählten.

Ancelotti schluchzte, als er 2013 vom Ableben Borgonovos erfuhr. Der nunmehrige FC-Bayern-Trainer hat den gesamten Buch-Ertrag seiner Autobiografie an die ALS-Stiftung überwiesen.

Der Rubel wird auch rollen müssen, wenn sich Sergej Mandreko nach seinem russischen Kloster-Aufenthalt weiter zu einer Spezialbehandlung nach St. Petersburg begibt. Deshalb wird sich die Rapid-Familie mit einer Spende einstellen und der Landstraßer AC am Ostermontag ein Benefiz-Spiel der Rapid-Legenden (darunter Kühbauer) zugunsten von Sergej auf dem LAC-Platz in Wien-Erdberg organisieren.

Von der Petersburger Klinik heißt es, dass sie – als einzige auf dem Kontinent – angeblich sehr wohl schon über Methoden gegen ALS verfüge. Vielleicht kann Sergej dort am 1. August seinen 46. Geburtstag mit etwas mehr Zuversicht verbringen.