Sport | Bundesliga
31.05.2017

Der Langzeit-Bulle findet das Projekt hervorragend

Der Schweizer Christian Schwegler verlässt nach acht Saisonen Salzburg. Er geht als Red-Bull-Fan.

Kein anderer der über 100 Legionäre der Ära Red Bull war so lange in Salzburg wie Christian Schwegler. Am Donnerstag gibt der Schweizer im Cup-Finale gegen Rapid seine Abschiedsvorstellung – nach acht Jahren in Österreich.

KURIER: Das Cup-Finale wird Ihr letztes Spiel für Salzburg sein. Haben Sie Angst, dass danach Tränen fließen werden?

Christian Schwegler: Nein. Es kommt, wie es kommt. Ich war früher eigentlich nicht so ein Sensibelchen. Aber seit ich Kinder habe, bin ich emotioneller geworden. Ich lasse mich überraschen.

Nach acht Jahren verlassen Sie Salzburg, obwohl Sie der Klub gerne behalten hätte. Warum?

Es war immer klar, dass meine Familie und ich einmal in die Schweiz zurückkehren werden. Jetzt hat sich die Gelegenheit ergeben mit meinem Heimatverein FC Luzern. Für mich ist es jetzt der ideale Zeitpunkt. Ich habe jeden Moment hier genossen und werde auch die letzten Momente noch genießen. Es kommt natürlich etwas Wehmut auf, aber es überwiegt die Vorfreude.

Haben Sie 2009 das geplant gehabt, dass Sie so lange bei Red Bull Salzburg bleiben?

Ich habe damals bewusst für drei Jahre unterschrieben. 2012 stand es dann auf Messers Schneide, ob ich bleibe oder gehe. Geplant war es nicht, aber was kann man im Fußball schon planen. Ich bereue überhaupt nichts, keinen Tag, den ich hier verbracht habe. Im Endeffekt waren es acht hervorragende Jahre.

Sie sind der längstdienende Legionär von über 100 Ausländern in der zwölfjährigen Ära Red Bull. Macht Sie das stolz?

Auf jeden Fall. Im heutigen Fußball gibt es Klubtreue nicht mehr so oft. Dann als Legionär in einem Verein so lange zu sein, bei dem die Ansprüche so hoch sind, da kann ich darauf stolz sein. Das bin ich auch.

Wie viel Red Bull steckt in Christian Schwegler?

Einige Dosen in den acht Jahren (lacht). Man wird infiziert mit Red Bull. Ich finde das Projekt und den Konzern hervorragend, auch wenn das außerhalb der Red-Bull-Familie nicht überall honoriert wird. Aber wenn man sieht, was Herr Mateschitz auf die Beine gestellt hat, kann man stolz sein, ein Teil davon gewesen zu sein.

Sie sind vom damaligen Sportchef Heinz Hochhauser 2009 als „Kunstrasen-Spezialist“ präsentiert worden. Sind Sie trotzdem froh, dass in der Red-Bull-Arena mittlerweile auf Naturrasen gespielt wird?

Auf jeden Fall. Diese Aussage war halt dem Fakt geschuldet, dass ich auch schon bei YB Bern auf Kunstrasen gespielt habe. Die Adaption war so einfacher. Aber es war auch für mich Gold wert, dass sich der Klub für einen normalen Rasen entschieden hat, weil die Abnützung wäre schon viel größer, wenn ich alle acht Jahre auf Kunstrasen gespielt hätte.

Früher sind Sie besonders durch ihre weiten Outeinwürfe aufgefallen, mit denen Sie auch einige Tore direkt vorbereitet haben. Warum sieht man ihr Markenzeichen nicht mehr?

In unserer Mannschaft sieht sind jetzt nicht mehr die extremen Kopfballspezialisten dabei. Wir haben sicher nach wie vor gute Kopfballspieler, aber damals waren schon exzellente hier. Da waren meine weiten Outweinwürfe wirklich eine Waffe. Wir spielen heute auch viele Ecken oder Freistöße kurz. Das machen wir bewusst so .

Gibt es ein Spiel, das Sie noch einmal gerne spielen würden?

Alle Champions-League-Qualifikationsspiele, in denen wir ausgeschieden sind, damit wir es besser machen könnten. Von der Atmosphäre her würde ich gerne noch einmal das 3:0 in der Europa League bei Ajax wiederholen. Wir waren damals in guter Verfassung, wussten aber nicht genau, wo wir stehen. Dass wir so ein Spiel gegen so einen namhaften Klub raushauen, war phänomenal.

Träumen Sie von einem Spiel?

Träumen nicht, aber ich erinnere mich gerne an das Spiel 2010 bei Sturm zurück, in dem wir in der letzten Runde den Titel geholt haben. Da war viel Druck dabei. Es war der erste Meistertitel meiner Karriere und deshalb bleibt er besonders in Erinnerung.

Sie hatten in Salzburg sechs Cheftrainer. Wer hat Sie am meisten geprägt?

Im Nachhinein hat man von jedem profitiert und konnte etwas mitnehmen, positiv und negativ. Da gibt es auch von jedem Trainer Anekdoten. Aber schlussendlich kommt man auf Roger Schmidt zurück, weil es eine prägende, erfolgreiche und attraktive Zeit war. Auch menschlich habe ich extrem viele Dinge gelernt, die ich für meinen Lebensweg mitnehmen konnte. Und wie er die Mannschaft geführt hat, war beeindruckend.

Unter Trainer Schmidt gab es zwar mit dem Aufstieg gegen Ajax den größten Erfolg der Ära Red Bull, aber mit dem Ausscheiden gegen Düdelingen auch die größte Blamage der Klubgeschichte. Hätten Sie damals geglaubt, dass die Zusammenarbeit noch so erfolgreich wird?

Düdelingen war ja ganz zu Beginn seiner Ära, da war natürlich noch nicht die komplette Handschrift zu sehen. Man hat aber damals schon gespürt, dass das mit ihm was ganz Großes werden kann. Die Trainingsinhalte und das neben dem Platz haben einfach perfekt gepasst.

Zurück zu den Anekdoten: Unter Ricardo Moniz gab es ein Training auf Schneeboden. Wie sind ihre Erinnerungen daran?

Der Tag wird mir immer in Erinnerung bleiben. Er hat uns Sliding Tackling üben lassen. Wir mussten uns zu zweit hinstellen. Er hat ein Hütchen auf der Outlinie und ein anderes im Feld aufgestellt. Wir mussten den Ball zehn Meter vorspielen und ihn dann zurückerobern – und das auf Schnee (lacht).

Zu uns Journalisten war Moniz immer extrem freundlich, viele Spieler hatten mit ihm aber Probleme. Warum eigentlich?

Unter ihm war es nicht immer einfach, auch für mich nicht. Aber im Nachhinein war das ein Lernprozess, den man in Positives ummünzen konnte. Es gibt viele solche Storys, die jetzt witzig sind. Er hatte seine Idee von Fußball, die musste jeder umsetzen, egal auf welcher Position er gespielt hat. Ich würde es anders machen. Aber wir haben mit ihm das erste Double geholt. Seine Zeit war also erfolgreich, seine Methoden waren aber schon speziell.

In Salzburg gibt es ein dauerndes Kommen und Gehen. Kann da überhaupt ein Mannschaftsgefüge entstehen?

Klar braucht es immer eine gewisse Anlaufzeit. Aber wenn man die Saisonverläufe sieht, hat sich immer eine Mannschaft und auch ein Gefüge entwickelt, weil man sonst nicht so erfolgreich sein und so viele Titel holen könnte. Schlussendlich haben wir immer als Team funktioniert. Klar war es schade, dass das in der nächsten Saison immer von Neuem beginnen musste. Und es war deshalb immer extrem schwierig, im Sommer als Mannschaft schon bei 100 Prozent zu sein.

Das Scheitern in der Champions-League-Qualifikation ist das "Täglich grüßt das Murmeltier" für Salzburg. Wie sehr nagt das, wenn man jede Saison mit einem Negativerlebnis beginnt?

Das erste Mal war extrem bitter, weil man unbedingt das Ziel erreichen wollte. Danach war es auch immer ein Nackenschlag, aber wir haben uns immer erholt. Man hat ja auch andere Ziele. Es ist uns und mir immer gelungen, es abzuhaken und nach vorne zu schauen, weil es nichts bringt, der Champions League nachzutrauern. Wenn wir es einmal geschafft hätten, wäre es hervorragend gewesen, aber es ist nicht so, dass ich Trübsal blase und tagtäglich daran denke.

Da Sie französisch sprechen, haben Sie einen engen Kontakt zu den afrikanischen Spielern. Wie haben Sie es aufgenommen, als sich Sadio Mane weigerte, 2014 im Champions-League-Spiel gegen Malmö zu spielen?

Ich habe mich oft mit ihm ausgetauscht und wusste ein bisschen mehr über die Situation. Ihm wurde versprochen, dass er nach zwei Jahre den Klub wechseln darf. Wie es dann intern abgelaufen ist, weiß ich nicht. Für die Mannschaft war es schade, denn ich glaube, dass wir mit ihm nicht ausgeschieden wären. Und es ist schade, dass man das nicht vor dem Spiel regeln konnte. Aber ich kenne nur seine Sicht der Dinge. Er war enttäuscht und hat Angst gehabt, dass es nicht mehr klappt mit einem Transfer. Dann trifft ein junger Spieler manchmal eine falsche Entscheidung, denkt nur an sich.

Im letzten Jahr haben sehr viele Leistungsträger Salzburg verlassen. Überrascht es auch Sie, dass ihr so problemlos Meister geworden seid?

Wir wussten schon, dass wir trotzdem eine gute Mannschaft sind. Ich hätte aber gedacht, dass Rapid auch in der Meisterschaft ein wirklich harter Konkurrent sein wird. Bis zum Winter war es eng. Aber man hat wieder gesehen: Es ist etwas entstanden. Wir sind immer stärker geworden. Trainer Oscar hat einen hervorragenden Job gemacht. Er hat unseren Fußballstil auf das adaptiert, was wir in dem Moment gebraucht haben. Das verdient höchste Anerkennung, weil ich glaube, dass es nur so möglich war, in dieser Saison so erfolgreich zu sein.

Ihr könntet mit einem Sieg im Cupfinale das vierte Double in Serie holen. Worauf wird es gegen Rapid ankommen?

Dass wir eine super Tagesform erwischen. Für Rapid ist es das Spiel des Jahres. Sie können seit Langem wieder mal einen Titel gewinnen, zudem eine Saison retten, die wirklich schieflief. Es wird ein anderes Rapid sein als in der Meisterschaft. Davon gehe ich fest aus. Darauf müssen wir gefasst sein. Jeder muss schauen, dass er noch einmal an sein bestes Leistungsniveau herankommt.

Was werden Sie von Salzburg am meisten vermissen?

Alles. Die Bedingungen im Klub sind top. Auch die Menschlichkeit ist sehr gut. Ich wurde immer sehr gut behandelt. Mir gefällt dazu die österreichische Mentalität. Die Leute sind sehr nett. Wir wurden immer offen empfangen. Das wird mir fehlen. Ich habe als Mensch sehr viel gelernt. Deshalb kann ich einen guten Mix mit der Schweizer Mentalität mitnehmen für meine Zukunft.

Wie sind die Österreicher?

Herzlich, gastfreundlich. Beides gefällt mir extrem.

Sie sind fast 33 Jahre alt. Gibt es schon Pläne für die Zeit nach der Fußballer-Karriere?

In Luzern habe ich einen Anschlussvertrag, aber es ist offen, ob ich ins Trainergeschäft oder Management einsteige. Ich bin ein passionierter Fußballer und kann mir ein Leben ohne Fußball nicht vorstellen. Ich habe in Österreich die B-Lizenz erworben. Die Trainerausbildung möchte ich bis ganz oben durchziehen. Daneben habe ich auch einen MBA-Titel in Projekt- und Sportmanagement. Das lässt mir viele Wege offen. Ich möchte mich aber die nächsten zwei Jahre noch voll aufs Fußballspielen konzentrieren.