Canadi: Seine Freiheit war nicht grenzenlos

Fussball ; St. Poelten - Rapid
Foto: Agentur DIENER/DIENER / Philipp Schalber Damir Canadi wird bei Rapid nicht mehr an der Seitenlinie stehen.

Nach einer miserablen Serie wurde Damir Canadi von Rapid beurlaubt. Die Gründe für sein Scheitern liegen auch in seinen Umgangsformen.

Am Ende kursierte ein bitteres Bonmot in Hütteldorf. Es ging um den Unterschied zwischen Peter Pacult, den letzten Meistertrainer, und Damir Canadi, den vermeintlich nächsten. "Pacult hat sich auch öfters wie ein Prolet aufgeführt. Aber der Unterschied ist: Er hat immer gewusst, dass er nicht Gott ist."

Nach dem 0:3 in Ried folgte die Götterdämmerung, Canadi wurde von Rapid nach nur fünf Monaten beurlaubt. Gescheitert an einer katastrophalen sportlichen Bilanz; an der Forcierung einer Spielanlage, für die der teuerste Kader der Vereinsgeschichte nicht ausgerichtet ist (obwohl Canadi ja mehrere Varianten drauf hätte) – und an seinen Umgangsformen.

Der Aufstieg

Dabei hatte anfangs alles so logisch ausgesehen. Damir Canadi, der Aufsteiger aus der Donaustadt, hat sich seine Chance sprichwörtlich erarbeitet. In der Wiener Liga gestartet, verfeinerte der 46-Jährige seine Trainermethoden in Vorarlberg. Sowohl beim FC Lustenau als auch bei Altach fiel auf, wie schnell das taktische Rezept für möglichst viel Erfolg gefunden wurde. Der gebotene Fußball war zwar nichts für Ästheten, aber zumindest in der Aufstiegssaison mit Altach auch offensiv angehaucht.

Canadi ärgerte sich zwar, dass er vor der violetten Trainer-Entscheidung für Thorsten Fink nicht einmal kontaktiert wurde, wollte sich als Ex-Austrianer aber auch nie auf seinen Stammverein festlegen. Pragmatisch, penibel und mit viel Einsatz plante Canadi seinen Aufstieg. Mit privater Mentalbetreuung, mit einer selbst bezahlten Sportmarketing-Agentur für den Facebook-Auftritt und einem großen Betreuerstab.

Der Erfolg

Die in der Ostliga noch üblichen Schreiduelle mit Schiedsrichtern und Gegnern schienen Vergangenheit. Es war zwar weiterhin zu hören, dass da ein "harter Hund" am Werk sei, aber der offensichtliche Erfolg als "Taktikfuchs" überstrahlte alles. Wie passend für Rapid-Präsident Michael Krammer, der beweisen wollte, dass er die Trainersuche besser kann als Ex-Sportdirektor Andreas Müller.

Als Canadi bei einem Hearing bestens vorbereitet mit einer Powerpoint-Präsentation punktete, war alles klar. Die Ablöse an Altach um kolportierte 300.000 Euro war ebenso schnell überwiesen, wie das kostspielige Trainerteam zusammengestellt. Canadi sollte als teuerster Chefcoach seit Lothar Matthäus die so sehnlichst erwarteten Titel bringen.

Rapid erwartete einen pragmatischen Erfolgsgaranten, bekam aber einen ideologischen Sturschädl.

Im Anflug auf Wien, irgendwo über den Wolken zwischen Altenrhein und Schwechat, dürfte Canadi beschlossen haben, dass seine Freiheiten grenzenlos wären.

Natürlich hatte er zuvor vom Haifischbecken Hütteldorf gehört – der für ihn wohl logische Schluss daraus: Damir Canadi muss der größte Hai sein.

Die Zweifel

Ein wichtiger Mitarbeiter bekam zur Begrüßung mitgeteilt, dass er "aufpassen soll", sofern er den Job behalten will. Die Spieler bekamen hauptsächlich zu hören, dass Altach so viel besser wäre, weil die Rapidler bisher kaum etwas über das Defensivverhalten gelernt hätten. Die (sicher nicht optimalen) Trainingsbedingungen wurden dargestellt, als würde ein Hobbyverein auf einer Gstettn üben müssen.

Chefscout Stefan Oesen wurde als "Barisic-Mann" eingestuft und bekam Dementsprechendes zu hören. Die von Canadi öffentlich gestellte Frage "Wer hat denn diesen Mocinic gescoutet?" war ebenfalls gegen Oesen gerichtet.

Als Videoanalyst war Oesen übrigens dafür zuständig, die Mannschaft auf die Standards des Gegners einzustellen. Nach nur einem Monat kündigte der Sportwissenschaftler freiwillig, Rapid hat seither mehrheitlich Gegentore aus Standards erhalten.

Dass das alles nicht gut gehen dürfte, war schon am Ende der Herbstsaison zu erkennen. Verschreckte Rapidler fragten beim 1:3 in Altach ihre Gegenspieler: "Was ist das für ein Mensch?"

Der Unterschied

"Ein positiv Verrückter", meinte Fredy Bickel zum Frühjahrsstart. Der neue Sportdirektor tat sein Möglichstes, um einen Ausgleich und Harmonie herzustellen. "Die Mannschaft ist im Einstecken klasse", sagte er immer wieder.

Wirklich bremsen ließ sich Canadi aber nicht. Er war ja "The President’s Man". Auf die Frage, warum er Standard-Journalist Christian Hackl immer und immer wieder öffentlich attackiere, antwortete Canadi: "Wenn er drei Mal die gleich depperte Frage stellt, drehe ich ihn ab. So einfach ist das." In der Vorarlberger Medienszene mag das noch durchgegangen sein, aber Wien ist anders.

Die Fouls

Nach einer heftigen Kopfwäsche durch die Chefetage während der Länderspielpause hielt sich Canadi öffentlich sichtlich zurück. Gegenüber den Spielern nicht wirklich. Als Christoph Schösswendter vor dem Cup in St. Pölten (3:1) auf den Platz des erkrankten Sonnleitner hoffte, sagte Canadi vor der versammelten Mannschaft: "Schössi, du kannst nicht kicken." Der als Abwehrchef geholte Führungsspieler war für Canadi "nicht zu gebrauchen".

Ex-Spieler von früheren Stationen erzählen, dass Canadi öfters zwei Spieler aus dem Kader besonders hart rannimmt, um Autoritäten und Hierarchien zu verschieben. Bei Rapid waren das demnach Louis Schaub und Steffen Hofmann. "Den Louis hat er schon umgebracht. Der Alte ist der Nächste", wurde kaum noch verhohlen geraunt. Doch "der Alte" ist offenbar nicht umzubringen.

Die Vorgeschichte

Wie ein Bulldozer marschierte Canadi durch Hütteldorf, Bickel versuchte sich als Planierraupe. "Warum hat sich denn keiner genauer erkundigt?", haderten Spieler im Februar. Ja, warum hat keiner nachgefragt, wieso sich der Klasseverteidiger Benedikt Zech im Herbst sechs Wochen freiwillig zu den Altach Amateuren versetzen ließ? Ja, warum hat keiner nachgefragt, wieso Altach trotz des Erfolgslaufs keine Bewegung Richtung Vertragsverlängerung mit dem Trainer erkennen ließ?

Als bei Rapid die Runde machte, dass in Altach nach dem Abgang des Trainers eine spontane Kabinenparty gefeiert wurde (mit dem Hit "Rapid Wien, Lebenssinn"), war es schon zu spät. Dabei hätte Georg Zellhofer im November sogar eine hilfreiche Einschätzung für die erste Herausforderung des Trainers bei einem Großklub parat gehabt: Canadi müsste sich bei Rapid ändern und anpassen, meinte der bei Rapid Gescheiterte.

Der Negativrekord

Jetzt ist Altachs Sportdirektor seinen Minus-Rekord als erfolglosester Trainer der Rapid-Geschichte los. Seine 1,09 Punkte pro Spiel unterbot Canadi mit 0,88 Zählern pro Partie deutlich.

(kurier) Erstellt am
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