Romy
02.04.2018

ROMY-Nominierte: Frauen, die uns die Welt erklären

In der Kategorie "Information" sind dieses Jahr erstmals ausschließlich Frauen für die KURIER ROMY nominiert.

Es hätte am Abend der Nationalratswahl im Oktober vergangenen Jahres Relevanteres zu berichten gegeben als das Outfit von Moderatorin Nadja Bernhard in der ORF -Wahlsendung. Trotzdem war der Onlineausgabe der Gratiszeitung heute die Kombination von schwarzem Top mit dezenter Spitze am Ausschnitt und schwarzem Jackett einen Artikel wert. Bernhard habe mit ihrer Garderobe die Wahl "versext", titelte das Blatt. Manche Zuseher hätten sich gar nicht auf die Wahlergebnisse konzentrieren können, mutmaßte heute auf der eigenen Facebook-Seite.

Wenig später wurde der Artikel aufgrund zahlreicher negativer Reaktionen vom Netz genommen.

Dass bei Frauen ganz genau auf Kleidung, Haare und Make-up geachtet wird, ist Bernhard bewusst. "Es ist wohl Teil des Jobs, sich dieser Kritik auszusetzen", sagt sie zum KURIER. Von der Plumpheit besagten Artikels sei sie damals aber schon sehr überrascht gewesen.

Auch die TV-Journalistin Corinna Milborn weiß aus ihrem Berufsalltag, dass für Frauen im Fernsehen in Bezug auf Äußerlichkeiten andere Bedingungen gelten als für Männer: "Nicht umsonst brauchen wir über eine halbe Stunde in der Maske und die männlichen Kollegen nur fünf Minuten", sagt Milborn. In puncto Kleiderwahl hat sie sich vor einiger Zeit dazu entschieden, auf Sendung immer einen dunklen Hosenanzug zu tragen – "wie die Männer".

Frauen am Bildschirm

Den journalistischen Leistungen ihrer männlichen Kollegen stehen Frauen wie Bernhard und Milborn jedenfalls um nichts nach. Ein Blick auf die TV-Landschaft zeigt, dass Frauen den Bildschirm in allen möglichen Bereichen erobert haben. Sei es als Moderatorinnen von Diskussionssendungen oder Magazinen, Wetteransagerinnen oder Film- und Serienheldinnen.

Kein Wunder also, dass bei der 29. Verleihung von Österreichs begehrtestem Film und Fernsehpreis, der KURIER ROMY, dieses Jahr in der Kategorie "Information" ausschließlich Frauen nominiert sind. Neben der deutschen ARD-Talkerin Anne Will sind das "Im Zentrum"-Moderatorin Claudia Reiterer, ATV -Moderatorin Sylvia Saringer – und eben Corinna Milborn (Puls-4 -Infochefin, Diskussionsformat "Pro und Contra") sowie Nadja Bernhard ("ZIB 1"-Moderatorin).

"Die Nominierungen zeigen, dass es ganz offensichtlich Top-Journalistinnen gibt", freut sich Saringer. Sie selbst hat nicht den Eindruck, von Protagonisten und Interviewpartnern als Journalistin nicht ernst genommen zu werden. Auch Milborn findet, dass sich die Frauen mittlerweile "ganz gut durchgesetzt" haben. Journalistische Vorbilder, wie es für sie etwa Antonia Rados war, hätten es da noch viel schwerer gehabt.

Starre Rollenbilder

Diese Einschätzung teilt auch Martina Thiele, assoziierte Professorin im Fachbereich Kommunikationswissenschaft an der Uni Salzburg. Ihr zufolge habe die Sichtbarkeit von Frauen im Fernsehen in den vergangenen zwanzig Jahren deutlich zugenommen. Früher habe man ihnen nicht einmal zugetraut, die Nachrichten angemessen präsentieren zu können, erzählt Thiele.

Damalige Vorurteile waren etwa, dass ihre Stimme zu hoch und das weibliche Geschlecht generell zu emotional sei, um über Katastrophen berichten zu können. Aber auch heute würden Frauen im Fernsehen noch „doppelt unter Beobachtung stehen". Viel mehr noch als bei ihren männlichen Kollegen würde auf fachliche Kompetenz und Seriosität geachtet werden. "Zudem müssen sie gängigen Vorstellungen weiblicher Attraktivität entsprechen", sagt Thiele.

Neben dem Aussehen würde auch das Alter von Frauen im Fernsehen eine Rolle spielen, "obwohl das nicht so sein sollte", sagt Johanna Dorer, Assistenzprofessorin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Uni Wien. Das könnte beispielsweise zur Folge haben, dass eine Frau im fortgeschrittenen Alter eine Sendung mit niedrigeren Einschaltquoten bekommt.

"Es ist viel schwieriger, Frauen zur Teilnahme an Diskussions- Sendungen zu überreden, als Männer." (Nadja Bernhard, ZIB 1-Moderatorin)

Altersdiskriminierung

Dass das Fernsehen vor allem ältere Frauen versteckt, ist eine der Erkenntnisse der Studie "Audiovisuelle Diversität", die im vergangenen Jahr von der Uni Rostock veröffentlicht wurde. Laut dieser kämen Frauen und Männer bis zu einem Alter von Mitte 30 im deutschen Fernsehprogramm etwa gleich oft vor. Ab 50 Jahren kämen auf eine Frau drei Männer. Die Studie zeigt außerdem auf, dass Frauen im Fernsehen als Expertinnen nahezu inexistent sind.

Ein Problem, für das es in einigen Redaktionen ein Bewusstsein gibt. "Wir bemühen uns jede Woche ganz bewusst, Frauen einzuladen. Man muss sich dann allerdings von dem Gedanken verabschieden, nur die höchsten Entscheidungsträger einzuladen, denn die sind fast alle Männer“, sagt Milborn. Doch nicht immer liegt es an der Einladungspolitik der Medien. Laut Bernhard sei es bei Diskussionssendungen viel schwieriger, Frauen zur Teilnahme zu überreden als Männer. "Wir Frauen trauen uns da viel weniger zu." Den Grund dafür sieht sie in der Erziehung. "Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht", zitiert Bernhard die Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir. Große Hoffnung setzt sie in die nachkommende weibliche Generation, die sie als selbstbewusster wahrnimmt.

"Wenn wir einfach so weiterwurschteln, haben wir in hundert Jahren noch immer keine Gleichstellung." (Corinna Milborn, Infochefin bei Puls 4)

Schwieriger Aufstieg

Doch Männer dominieren nicht nur als Experten die TV-Bildschirme. In den Führungsetagen in Medienunternehmen zeigt sich ein ähnliches Bild. Obwohl das Berufsfeld des Journalismus immer weiblicher wird ( laut "Worlds of Journalism Study" von 2016 liegt der Frauenanteil in Österreich bei rund 40 Prozent) , ist der Aufstieg für Frauen schwieriger. "Überall dort, wo Entscheidungen fallen und es um Spitzenpositionen geht, sind Männer zumeist weiterhin unter sich", sagt Thiele.

Blickt man beispielsweise auf die Geschichte des ORF, findet sich dort seit dessen Bestehen im Jahr 1924 unter zwölf Generalintendanten, seit 2010 Generaldirektor/Generaldirektorin genannt, mit Monika Lindner nur eine Frau.

Der ORF ist diesbezüglich keine Ausnahme. Diverse Studien bescheinigen Medienunternehmen dieses unausgewogene Geschlechterverhältnis. Eine EU-weite Studie des European Institute for Gender Equality (EIGE) aus dem Jahr 2013 hat ergeben, dass Frauen in Medien nur zu knapp einem Drittel Führungspositionen innehaben. Beim Fernsehen ist der Frauenanteil auf dieser Ebene mit 36 Prozent am höchsten.

Eine mögliche Erklärung dafür liefert Saringer: "Männer besetzen Männer nach. Bei Auswahlverfahren zählt oft die Seilschaft und nicht die Qualifikation." Maßnahmen wie das Gender Monitoring der BBC, im Rahmen dessen sich das Unternehmen dazu verpflichtet, über Gleichstellungsfortschritte zu berichten, hält Milborn für sinnvoll: "Wenn wir einfach so weiterwurschteln, haben wir in hundert Jahren noch keine Gleichstellung – das kann ja niemand wollen.“

"Bei Auswahlverfahren zählt oft die Seilschaft und nicht die Qualifikation." (Sylvia Saringer, ATV-Moderatorin)

Milborn, Saringer, Reiterer, Bernhard und Will (von oben li. nach unten) sind in der Kategorie „Information“ für die ROMY nominiert: