© Wilhelm Wurm

freizeit Reise
12/05/2011

Zurück zum Ursprung

Ostserbien. Zwischen verschlafenen Dörfern, idyllischen Weinbergen, aufstrebendenStädten, historischen Plätzen und romantischen Donau-Ufern keimt touristisches Leben.

von Wilhelm Wurm

Heraus aus dem "zugestauten" Belgrad, hinauf auf die Autobahn Richtung Niš. Chauffeur Tihomir hetzt den Minibus in der Abenddämmerung über die E 75 gegen Südosten. Grellrote Feuersäulen rauchen in den bleiernen Himmel. Ein gespenstisches Lichtspiel. Doch nichts Außergewöhnliches, erklärt Tihomir in stockendem Englisch, die Bauern brennen nur die abgeernteten Felder ab, und das sei halt so üblich im Herbst in Ostserbien.
Živeli - Es ist stockdunkel in der Einöde rund um die Stadt Knjaževac. Kurvige Schotterpiste, Wald. Wo außer nichts nichts mehr zu erwarten ist, plötzlich Licht. Nach gut 350 km Fahrt Ankunft beim Ethno-Haus Mala Reka-Torlaci.

In finsteren Winkeln des einstigen Bauernhofs bellen Kettenhunde in die Nacht, drinnen warten die Hausherren Selbstgebrannten auf. "Živeli" heißt's beim Zuprosten, dann wird würzig-serbisch aufgetischt. Wildgulasch, selbst gebackenes Brot, süffiger Roter. Und wieder kreisen prall gefüllte Schnapsgläser, während die zwei Bosse in Deutsch/Englisch stolz über ihr Haus berichten.

Die Stube gleicht einem Kuriositätenkabinett. Auf alten Kästen streunen ausgestopfte Wildkatzen, an den Wänden hängen Jagdtrophäen zwischen abstrakter moderner Malerei und einer kitschigen Kuckucksuhr. Rund um die samtige Sofagarnitur alte Schreibmaschinen, Radios, verstaubte Spinnräder und Lampen. Auch das ist üblich in Ostserbien.
"Vorwärts in die Vergangenheit" sagen die Touristiker und fordern Ursprünglichkeit sowie Originalität. Bei den Zimmern des Ethno-Anwesens ist dies geglückt. Gemäuer, Böden, Decken, Fenster und Möbel sind auf "authentisch" renoviert.

Die meisten Gäste kommen wegen der Jagd. Hasen, Wildschweine, Rotwild, sogar Wölfe, laufen in den Mischwäldern der abgeschiedenen Landstriche in Scharen in die Visiere. Armut & Wildwuchs Tags darauf zeigt sich Ostserbien in der Herbstsonne. Ein Panoptikum, gleichzeitig der große Reiz an der Entdeckungstour: Sanfte Hügel, verdorrte Maisfelder, üppiger Wildwuchs, große Brachen, schmale löchrige Asphaltbänder unter uralten Alleen, Friedhöfe entlang der Straßen. Verlassene Höfe, verfallende Keller, antlitzlose Orte mit einem skurrilen Nebeneinander von alten balkanischen Häusern, sozialistischen Betonklötzen und deutsch-österreichischer Moderne, die Gastarbeiter als Zeichen neuen Wohlstands einschleusen. Wilde Deponien, die vor dem Übergehen in Brand gesteckt werden. Viele Rohbauten, die vermutlich nie fertig werden. Weil an allen Ecken und Enden Geld fehlt, wirtschaftliche Not herrscht.

Kultur & Wein

Es riecht nach Armut, aber nicht nach Resignation. Im Gegenteil. Wie eben in und um Knjaževac und in den anderen touristischen Zentren.

Bei Knjaževac lässt sich Ostserbien mehrfach "erfahren", z. B. kulturell im archäologischen Ethno-Park im Dorf Ravna (Ausgrabungsfunde aus der Römerzeit), spirituell in einem orthodoxen Kloster wie Suvodol und Grliški oder profan im Weingut Jovic, einer auch international ausgezeichneten Top-Adresse für Riesling, Chardonnay, Rosé und Vranac, dem Balkan-typischen Roten.

15 Hektar mit eigenen Trauben habe er, erzählt der Winzer. Stolz mache ihn, ins Wein-Paradies Italien zu exportieren, 70 Jahre alten Brandy zu lagern und eine echte Rarität verkosten lassen zu können. Den Tribulus Terestis. Einen weich gebrannten Schnaps aus speziellem Gras, das nur in Argentinien, Peru, Australien, Bulgarien und eben Serbien wächst.

Und, so behauptet Mann, günstig auf den Testosteronspiegel einwirkt.

Weiterfahrt Richtung Norden nach Zaječar durch das Timok-Tal, in dem gar 156 Schmetterling-Arten leben sollen, früher viele Seidenraupenproduzenten angesiedelt waren und Vögel mit besonders breiter Spannweite ihre Kreise zwischen den "Kukuruzmandln" ziehen. Das Bild prägen ruinöse Bauten aus der Tito-Ära neben neuen roten Fassaden, gleichsam versteinerte Dörfer von anno dazumal, in denen alte Leute auf den Bankerln vor den Häusern sitzen. Und die Säulen von Felix Romuliana, den Resten des Palastes von Kaiser Gaius Galerius Valerius Maximianus aus dem 3. Jh., seit 2007 Weltkultur-Erbe.

Zaječar selbst beeindruckt mit dem Nationalmuseum und vielen Sportanlagen, nicht aber unbedingt als glamouröse Stadt. Richtig was los ist erst am Abend. Volle Schanigärten, Straßenmusik, ballspielende Buben auf dem Stadtplatz zwischen Spaziergängern und Bikern. Ende Juli gibt's dort die für Serbien schon legendären Rock-Konzerte.

Kupfer & Thermen

Viel bekannter ist die Region aber wegen ihrer Thermen und Spa-Resorts, wie Gamizgradska banja. Und wegen des hoch gelobten Restaurants im Hotel Brestovac Spa, wo die klassische serbische Bohnensuppe fantastisch schmeckt.

In der Nähe die einstige Kupfer-Metropole Bor. Ein krasser Kontrast zur sanften ländlichen Idylle: Ausgebeutete Minen, ein riesiger Krater mit grünen Seen und roter Magmaglut, ausgediente Schornsteine und Baracken als Elendquartiere für soziale Randgruppen. In 20 Jahren soll alles zugeschüttet und renaturiert sein.

Weiter nach Norden Richtung Negotin in die Wein-Metropole Ostserbiens. Eine Ausnahme-Stadt mit einzigartiger Architektur, sehenswertem Museum und dem denkmalgeschützten Traditions-Hotel Beograd, das nur deshalb zwei Sterne führt, weil es keinen Lift gibt.

Auf rumpeliger Straße geht's nahe der bulgarischen Grenze nach Rajac. Eine Etappe ins Gestern. Üppiges Dickicht, ausrangierte Traktoren ohne Nummerntafel, brennende Äcker, vom Leben gezeichnete Bauern, stechender Geruch von Kraut, streunende Hunde, verwunschene Dörfer. Wie Rajac und Rogljevo.

Doch dann die Überraschung - sieben, acht Weinkeller in gut erhaltener Original-Architektur. Dazu ein "serbischer Heuriger" mit naturbelassenem Wein und stimmiger Balkan-Musik. Und als Draufgabe ein Original-Zimmer aus den frühen 1900er-Jahren in einer Privatvilla. Schlicht und urig, gerade deshalb ein besonderes Erlebnis.

Dann ist Wasser in Sicht. Tihomir fährt in Kladovo ein. Nicht die Stadt der Träume, aber eine mit Donau-Flair, Strand und Schifffahrt. Auf der "Djerdap" lässt sich's bei feinstem Büfett komfortabel kreuzen. Anlegestelle ist das Hotel Djerdap. Ein plumper Quader mit 420 Betten, dem Charme einer Bahnhofshalle und einer Renaissance in Rot. Wie sich das Restaurant nach dem Essen in einen verrauchten Tanzsaal verwandelte, was die Live-Band spielte und wie sich die Massen zu den Rhythmen von gestern drehten, das war sozialistische Party wie in den 1970ern im Ostblock.

Zeitlose Romantik hingegen und Lust auf Wiederkehr beschert der Panoramablick auf das berühmte Eiserne Tor, die Donau-Enge im Grenzgebiet zu Rumänien. Historische Realität weist die benachbarte steinzeitliche Fundstätte Lepenski Vir nach, wo die Spuren zurück in die Besiedelungsanfänge um 7000 v. Chr. führen.

Informationen

Anreise

Mit dem Auto:

z. B. Wien-Budapest-Novi Sad-Belgrad-Niš 860 km;

Mit dem Flugszeug:

Wien-Belgrad/retour mit Austrian ab 99 €, www.austrian.com, weiter mit Mietwagen, z. B. www.holidayautos.de

Verkehr Autobahn und Hauptverbindungen gut, Nebenstraßen schlecht und oft schmal. Dichtes Netz an Kfz-Werkstätten und Tankstellen, Benzinpreis wie in Österreich. Polizeikontrollen nehmen mit der Nähe zu Großstädten zu.

Unterkunft

Allgemein herrscht relative Bettenknappheit, Infos in städtischen Tourist-Büros, Reservierung empfohlen. Richtpreise für 1 N/P. im DZ mit Frühstück: Privatquartier 15 €, Privat-Appartement 20 €, 3*-Hotel 25 €.

Geld und Kosten

Währung ist der Dinar.1 € = rund 100 Dinar. Serbien ist touristisch (noch) ein Günstig-Land. Essen, selbst in besseren Restaurants, und Getränke sind deutlich billiger als in Österreich. Beispiele: Im Ethno-Haus Mala Reka-Torlaci gibt es 1 Nacht mit Vollpension ab 30 €/P., Mehrgang-Dinner mit Wein wird in guten Häusern ab 15 € angeboten.

Sicherheit

Österreichs Botschafter in Belgrad, Clemens Koja,
sagt: "Vorurteile sind unbegründet. Serbien ist für Touristen gleich sicher wie Spanien oder Italien."

Angebote

Busreisen Serbien z. B. bei Ruefa/Columbus 895 € bzw. bei Klug-Touristik 899 €.

www.klugtouristik.com ,
www.columbus-reisen.at


Allgemeine Info

www.traveleastserbia.org
www.serbien-entdecken.de

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Bilder