Wladiwostok, Russlands schönstes Ende

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Foto: Getty Images/iStockphoto/alien185/iStockphoto Wladiwostok, wie es lebt und leuchtet. In Russlands wichtigster Hafenstadt am Pazifik trifft sich Europa mit Asien.   

Wladiwostok – die fast mythisch anmutende, einst für Ausländer gesperrte Stadt an der Ostküste Sibiriens gibt sich heute als freundliche und aufstrebende Metropole. Von Andreas Ungerböck.

Fast jeder kennt den Namen, aber kaum jemand ist je dort gewesen – Wladiwostok. Das gilt  übrigens auch für den überwiegenden Teil der russischen Bevölkerung. Kein Wunder: Mehr als  9.000 Kilometer liegt Russlands Vorposten am Pazifik  von der Hauptstadt Moskau entfernt, wenn man mit der Transsibirischen Eisenbahn fährt.

Russia, Vladivostok, Trans-Siberian Railway Foto: David Sanger/Getty Images 9000 Kilometer mit der Transsib von Moskau

Auch mit dem Flugzeug ist man  achteinhalb Stunden unterwegs, die Zeitverschiebung gegenüber Moskau beträgt sieben Stunden. Fragt man die Bewohner Wladiwostoks, bezeichnen sie sich dennoch unumwunden als „Europäer“, was angesichts der geografischen Lage  ein wenig seltsam anmutet: Die Stadt liegt nur wenige Autostunden von den Grenzen zu China und  Nordkorea entfernt, und auch Japan ist nicht weit weg.

Bis 1860 ein Teil Chinas

Tatsächlich gehörte die Region um die Stadt bis ins Jahr 1860 zu China. Haishenwai, wie es damals hieß, war nicht viel mehr als ein größeres Fischerdorf. Aber irgendjemand muss wohl die ausgezeichnete Lage der Stadt erkannt haben. Überdies verrät auch der  Name Wladiwostok („Beherrsche den Osten“)  einiges  über deren Funktion und eindeutige Ausrichtung.

A view shows an illuminated highway bridge and the Foto: REUTERS/ILYA NAYMUSHIN Brücke über den Jenisseij

Zügig wurde Wladiwostok zur Hafenstadt und zum Wirtschaftsstandort ausgebaut. Mit der Fertigstellung der Transsibirischen Eisenbahn, die im Jahr 1903 Wladiwostok erreichte, wurde die Stadt nochmals aufgewertet und immer wieder zum Objekt der Begierde auch der asiatischen Nachbarn, insbesondere Japans.
Nach dem endgültigen Sieg der Russischen Revolution im Jahr 1922 stieg die strategische Bedeutung der Hafenstadt nochmals, und schließlich wurde sie zum Hauptstützpunkt der sowjetischen Pazifikflotte.

Für Ausländer gesperrt

Als solche blieb sie auch lange Zeit für Ausländer gesperrt und wurde erst 1991 wieder geöffnet – auch das mit ein Grund, warum Wladiwostok sich als geradezu mythischer Ort in unserem Bewusstsein festsetzte.
 Der Zusammenbruch der Sowjetunion führte zu einem kurzfristigen Niedergang des ehemals blühenden Handelszentrums. Doch davon ist nichts mehr zu merken.

Enthusiasts participate in a winter swimming compe Foto: REUTERS/STAFF Ein Bad im Eis: Kühler Spaß im Winter

Im Gegenteil: Heute beleben die Stadt wieder rund 600.000 Einwohner, fast wie zu ihrer „besten“ Zeit. Die Abwanderung in Richtung russischer Westen ist gestoppt.  Und durch die offensive Öffnung gegenüber dem ostasiatischen Raum sowie umfangreiche Investitionen und wirtschaftliche Anreize erlebt man hier regelrecht einen neuen Boom.
 Viele Asiaten haben sich in den letzten Jahren in Wladiwostok angesiedelt – eine Tatsache, die man nicht zuletzt beim Rundgang durch die Stadt anhand der vielen asiatischen Lokale und Betriebe bemerkt. Das kulinarische Angebot, versichern die Einwohner, sei durch die zunehmende Durchmischung ungemein bereichert worden, und so finden sich inzwischen auf den Speisekarten Wladiwostoks neben traditioneller russischer Kost auch gefüllte chinesische Teigtaschen und – nach traditionell koreanischer Art – am Tisch gegrilltes Fleisch.

Lighthouse in winter sea at sunset Foto: Anton Petrus/Getty Images Kalte Schönheit: Leuchtturm und Eisschollen

Für die Liebhaber von Fisch und Meeresfrüchten ist die Metropole am Pazifik sowieso ein wahres Paradies.Nach einer gewissen Zeit wundert man sich auch nicht mehr, dass in der Stadt, trotz Rechtsverkehr, viele rechtsgesteuerte Autos unterwegs sind. Es ist ein Beispiel für den regen Austausch mit den Nachbarn – auf dem lokalen Gebrauchtwagenmarkt verkaufen Japaner (in Japan herrscht Linksverkehr) ihre Autos ungleich günstiger als die offiziell importierten linksgesteuerten Pkw.

Shopping-Paradies

Die Hotels wiederum sind voll mit chinesischen und koreanischen Gästen; der starke Yuan macht Wladiwostok derzeit zum Shopping-Paradies für chinesische Touristen. Gekauft wird alles: Bruce-Lee- und Che-Guevara-Aschenbecher ebenso wie die allseits bekannten Matrjoschkas und Lebensmittel, und selbst Swarovski (in China eine Kultmarke) hat einen Shop in Wladiwostok.

Temple Svyatogo Cniazia Igorya Chernigovskogo. Foto: Getty Images/KadnikovValerii/Istockphoto Kirchen und Kathedralen: Kirche von Prinz Igor Tschernigow

Das Stadtbild vermittelt deutlich drei historische „Phasen“: Am schönsten sind die Bauten, die noch aus der Zeit vor der Russischen Revolution stammen – allen voran zu nennen der legendäre Bahnhof, Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn. Auch wenn der große Platz davor heute als Busterminal dient und dementsprechend uncharmant aussieht, lässt sich mit ein bisschen Fantasie nachvollziehen, wie das „damals“ gewesen sein muss, wenn man nach langwieriger Fahrt endlich hier im östlichsten Sibirien eintraf. Ein anderes Juwel ist das 1910 von einem deutschen Architekten entworfene Geburtshaus des wohl berühmtesten Sohnes der Stadt. Yul Brynner, Sohn eines schweizerisch-mongolischen Diplomaten und einer russischen Ärztin, erblickte hier 1920 das Licht der Welt.

On the set of The Magnificent Seven Foto: Corbis via Getty Images/Sunset Boulevard/Corbis/Getty Images Yul Brynner, ein Sohn Wladiwostoks

Eine Statue mit der Aufschrift „Yul Brynner – König des  Theaters und des Kinos“ und eine Wandtafel erinnern an den großen Hollywoodstar („Die glorreichen Sieben“, „Der König und ich“). Ein anderes historisches Wahrzeichen ist das „Versailles“, das älteste Hotel der Stadt, in der Hauptstraße, der Svetlanskaya. Trotz seines etwas abgewetzten Flairs verströmt es heute noch einen Hauch von vergangener Größe. Unübersehbar sind natürlich die vielen Gebäude, die den herben Charme der Sowjet-Ära verbreiten – aber den nachhaltigsten Eindruck machen wohl jene Bauwerke, die erkennen lassen, wie sehr die Stadt in Aufbruchsstimmung  ist. Das  aussagekräftigste Symbol dafür ist die 2012 anlässlich des asiatisch-pazifischen Wirtschaftsgipfels eröffnete Russki-Brücke mit einer Spannweite von über  tausend Meter, die Wladiwostok mit der Insel Russki verbindet, wo unter anderem ein riesiger  Universitäts-Campus gebaut wurde und eine Art zweites „Zentrum“ entsteht. Die Zukunft kann kommen.

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Must go, must do, must see

Tipps für den Trip nach Wladiwostok

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Zeitzone
MEZ + 9 Stunden

Klima
Überraschung! Wladiwostok liegt auf demselben Breitengrad wie Florenz; die Temperaturen sind aber doch ein wenig anders:   zwischen  minus 16 und plus 23 Grad Celsius.

Anreise
Flug mit Aeroflot Wien – Moskau – Wladiwostok – Moskau – Wien, ab 616 Euro, Dauer ab 14 Stunden, inkl. Aufenthalt am Flughafen Moskau.
Transsibirische Eisenbahn Moskau – Wladiwostok (über Jekaterinburg, Nowosibirsk, Chabarowsk), 9.288 km, Dauer knapp 7 Tage, Abfahrt jeden zweiten Tag.

Kireyev, an 83-year-old veteran who worked on stea Foto: REUTERS/ILYA NAYMUSHIN 2. Klasse Viererschlafwagen ab  657 Euro,  1. Klasse Zweierschlafwagen ab 1.188 Euro (pro Strecke und Person)

Hotels

Versailles Hotel,

Svetlanskaya Ulitsa 10, Doppelzimmer ab 92 Euro. Charmant: der leicht abgeblätterte Glanz der frühen Jahre. Ideal gelegen auf der Shoppingmeile der Stadt.
Azimut Hotel,

Naberezhnaya Ulitsa 10, Doppelzimmer ab EUR 86,–.
Ordentliches Business-Hotel mit tollem Blick auf das Meer und die Stadt.

Restaurants
Dumpling Republic,

Naberezhnaya Ulitsa 3. Schmucklos im 1. Stock eines Kinocenters gelegen, aber mit den großartigsten asiatischen Teigtaschen in einer unbeschreiblichen Geschmacksvielfalt. Große Terrasse mit Meerblick.
Nostalgia,

Pervaya Morskaya Ulitsa 6/25. Der Name ist Programm: Feinste russische Küche in plüschiger Atmosphäre unter Bildern von
Zaren und Generälen. Mit angeschlossenem Shop.

(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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