Unterwegs auf dem Ur-Jakobsweg

Der spanische Camino Primitivo gilt als Geheimtipp unter den Pilgerwegen, bietet er doch ursprüngliche Erfahrungen statt Menschenmassen.

Wer zwei Wochen Urlaub hat und nach einer authentischen Pilgerreise Santiago de Compostela (Galicien) erreichen will, sollte den Camino Primitivo wählen, wobei "Primitivo" in dem Fall "ursprünglich" bedeutet. 

Der erste aller Jakobswege hat eine lange Geschichte: Schon 829 machte sich der asturische König Alfons II. auf dieser Route über das kantabrische Gebirge auf den Weg nach Santiago. Heute gilt der Weg als Geheimtipp. Große Kathedralen sucht man hier vergebens. Die Landschaft ist manchmal unwirtlich, aber gerade deshalb berührend schön. Alles in allem stellt der Camino Primitivo höhere physische Anforderungen an den Pilger als andere Wege. Was man aber auf den insgesamt 310 Kilometern findet: Authentische Pilgererfahrung auf (noch) einsamen uralten Wegen. Der Autor Peter Lindenthal ist diesen Weg gegangen und hat seine Eindrücke in einem neuen Buch festgehalten (Buchtipp am Ende der Bilderstrecke). Start des Pilgerweges ist in Oviedo. Es lohnt sich, der Stadt nicht gleich den Rücken zu kehren und einige Stunden hier zu verbringen. So ist etwa die Kirche San Salvador (Bild) einen Besuch wert. In ihr werden die beiden berühmten Kreuze Cruz de los Ángeles, das Engelskreuz, und Cruz de la Victoria, das Siegeskreuz, aufbewahrt. Die Pilgerwanderung kann ja noch einen Tag warten. Dann geht es aber los. Etappe II geht von Oviedo nach Grado (26 Kilometer, ca. 6:45 Stunden Gehzeit). Zum Eingehen ist diese Strecke gerade richtig, mit dem Anstieg nach Escamplero gibt es nur eine einzige nennenswerte Steigung. Die Etappe III führt von Grado nach Salas (23 Kilometer, ca. 6:30 Stunden Gehzeit). Auf dieser Strecke warten auf den Wanderer einige Umleitungen, Schuld ist der Bau der neuen Autobahn Oviedo-La Espina. Die Umleitungen sind aber so gut ausgeschildert, dass nur die behelfsmäßigen Schilder statt der sonst üblichen betonierten Sockel darauf hinweisen. 

Die kleine Stadt Salas wurde 1994 zum schützenswerten Kulturgut ernannt. Unter den sehenswerten Bauwerken it die Colegiata de Santa Mariá la Mayor (Bild) ein schönes Beispiel der asturischen Renaissance. Etappe IV geht von Salas nach Tineo (19 Kilometer, ca. 5 Stunden Gehzeit) - eine Strecke reich an Höhepunkten. Einerseits gewinnen die Pilgersleute an Höhe, Tineo befindet sich auf 700 Metern Seehöhe, gegangen wird auf einer schönen alten Straße. 

Weiter geht es mit Etappe V von Tineo nach Borres, über Obona (16,6 Kilometer, 4:15 Stunden). Zuerst führt die Strecke durch Eichen- bzw. Kastanienwälder, dann durch eine Heidelandschaft die an eine Alm erinnert. Unter anderem erwähnenswert ist das Kloster Santa Mariá la Real de Obona (Bild) welches als wichtiges Etappenziel gilt. Auch wenn das Kloster heute dem Verfall preisgegeben ist. Nur seine Kirche wird noch als Pfarrkirche genutzt. Etappe VI führt von Borres nach Berducedo (24,7 Kilometer, 6:45 Stunden Gehzeit). Diese Strecke bietet das "Dach" des Camino Primitivo: Mit 1216 Metern erreichen Wanderer den höchsten Punkt zwischen Oviedo und Santiago und bewegen sich noch dazu ständig auf einer Höhe von über 900 Metern. Etappe VII: Berducedo nach Grandas de Salime (19,5 Kilometer, 5:30 Stunden Gehzeit). Weite, unberührte Landschaft prägt den größten Teil der Etappe - der Abstieg zum Stausee beschert schöne Ausblicke sowie angenehmes Gehen durch einen Kastanienwald. Zum Schluss der Strecke gibt es aber eine unangenehme Überraschung - fünf Kilometer am Rand einer stetig ansteigenden und stark befahrenen Straße. Doch auch dieser Teil geht irgendwann vorbei und Grandes de Salime (Bild) ist erreicht. Etappe VIII: Grandas de Salime - Fonsagrada/Padrón (26,3 Kilometer, ca. 6:45 Stunden Gehzeit). Im Rahmen dieser Strecke verlassen die Pilgerer Asturien und erreichen Galicien. Die Wahrscheinlichkeit für Regen ist in dieser Region recht hoch. 
Die erste richtige Ortschaft in Galicien, Fonsagrada, die "heilige Quelle", ist das Etappenziel, verlangt aber noch eine letzte Anstrengung in Form eines kräftigen Anstiegs. Etappe IX: Fonsagrada - O Cádavo - Baleira (23 Kilometer, ca. 6:30 Stunden Gehzeit). Herausragendes Ereignis dieser Strecke ist das Passieren des mittelalterlichen Hospizes von Montouto (Bild). Hier sollte man kurz verweilen, kann man doch hier sehr gut nachempfinden, wie sich die Pilger vor Jahrhunderten in dieser absoluten Ausgesetztheit und Einsamkeit gefühlt haben müssen. 
Gegründet wurde das Hospiz um 1357 von Pedro I. dem Grausamen, 1771 war es wegen schlechter Führung schon fast zur Ruine verkommen und deshalb aus Sicherheitsgründen geschlossen. Etappe X: O Cádavo - Baleira - Lugo (31,7 Kilometer, ca. 7:45 Stunden Gehzeit). Die Berge liegen nun hinter den Pilgern, jetzt bekommen es die Füße wieder mit mehr Asphalt zu tun. Aber es bleibt angenehm - manche der Straßen sind winzig und kaum befahrbaren.

Auch die Ansiedlungen und mit ihnen ihre Kirchen werden wieder größer, was besonders an der sehenswerten gotischen Kirche in Vilabade festzustellen ist. Etappe XI: Lugo - San Román da Retorta (19,9 Kilometer, 5:15 Stunden Gehzeit). Was für die vorhergehende Etappe gegolten hat, gilt auch für diese - und das verstärkt. Fast zur Gänze geht man auf Asphalt bzw. auf einem Weg parallel zur Straße. 

Typisch für Galicien sind die Stege aus massiven Granitplatten in Hohlwegen, "Corredoira" genannt (Bild). Etappe XII: San Román da Retorta - Melide (27,7 Kilometer, rund 7:15 Stunden Gehzeit). Das ist die letzte Etappe auf dem Camino Primitivo. Nicht immer bleibt dem Wanderer das Gehen auf Asphalt erspart, aber es sind nur kurze Abschnitte auf kleinen, fast unbefahrenen Straßen - bis auf die letzten sieben Kilometer vor Melide, wo nur mehr Asphalt herrscht. Aber vorher kann man noch die Wälder, die winzigen Kapellen, die Corredoiras oder die kleinen Brücken genießen. Etappen XIII und XIV: Melide - Santiago de Compostela (54,2 Kilometer, rund 12:30 Stunden)

In Melide verschmilzt der Camino Primitivo mit dem Camino Francés und der bisher einsame Pilger verschwindet in der Masse der anderen Pilger. Bis Santiago hat man nun eine "Pilgerautobahn" vor sich; Einsamkeit ist schwer zu finden, schon gar nicht in überfüllten Herbergen. Die Wegmarkierungen sind sehr dicht, mehr als sonstwo ist es auf diesem Abschnitt möglich, sich die Etappen ganz individuell einzuteilen. 

(Bild: Achtung, Pilgerwechsel!) Schließlich ist auch der letzte Abschnitt geschafft und Santiago de Compostela erreicht - die Verehrung des Ortes als heilige Stätte reicht mindestens 3000 Jahre zurück. Die Kathedrale von Santiago - Anstehen und Menschenmassen muss man hier aushalten. Nicht leicht, wenn man die Tage der Einsamkeit auf dem Camino Primitivo gewohnt ist... Eine genaue Beschreibung des Camino Primitivo finden Sie in dem neuen Buch: 

Peter Lindenthal
Der Camino Primitivo
Tyrolia Verlag, 128 Seiten
14,95 Euro
(KURIER.at) Erstellt am
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