Reise
11.03.2018

Tulpen aus Amsterdam: Ihre Saison ist jetzt!

Der Frühling bringt Holland einen atemberaubenden Rausch der Farben. Für CLAUDIA SCHANZA eine gute Zeit, um im Westen der Niederlande zwischen Windmühlen ins Blumenmeer einzutauchen.

Mitte März blüht Holland auf. Über den Winter ruhten Millionen und Abermillionen Zwiebeln unter der Erde. Nach dem Frost wagten sich die zartgrünen Blätter ans Licht, nun wachsen die Knospen zu handtellergroßen Blütenköpfen. Tulpen in allen Farben, ja, sogar schwarze, gedeihen unter der Pflege holländischer Gärtner. Die Blütenblätter haben glatte oder gefranste Ränder, sie sind gesprenkelt, gestreift oder einfärbig, kurz- oder langstielig, schlicht oder gefüllt.


Handelsleute brachten die ersten Zwiebeln über Istanbul und Wien in den Norden. Rund um die edle Blume entwickelte sich ein absurder Hype, der in der sogenannten Tulpenmanie gipfelte. In den 1630er-Jahren hatte sich rund um die Zwiebeln die erste gut dokumentierte Spekulationsblase gebildet, die 1637 abrupt einbrach und viele in den Ruin stürzte.

Seit 1950 dreht sich ein paar Wochen im Jahr wieder alles um die Blumenpracht. Damals öffnete der Ziergarten von Schloss Keukenhof nahe Amsterdam erstmals die Pforten für ein staunendes Publikum und wurde überrannt. Auf 200 Hektar findet seither jährlich eine gigantische Blumenschau statt, die weltweit einzigartig ist. Wer am Parkplatz über die Autobusdichte erschrickt, kann sich entspannen, denn die Menschenmassen vom Eingang verlieren sich im weitläufigen Park. Nur acht Wochen haben diese Schaugärten geöffnet, sieben Millionen Blumenzwiebeln entfalten ihre Pracht. Vierzig Züchter präsentieren ihren lebendigen Katalog, um eine Million zahlende Besucher und viele Floristik-Großkunden zu verzaubern.


Noch näher beim Flughafen Schiphol kommen Frühaufsteher in den Genuss eines außergewöhnlichen Treibens. Ab sieben Uhr kann zahlendes Publikum die laut rufenden Blumenhändler am weltgrößten Pflanzenumschlagplatz beobachten. Palettenweise werden knallbunte duftende Blumen versteigert und nach der Auktion in alle Windrichtungen verschickt.

Die Niederländer müssen ein geduldiges Volk sein. Wie sonst ist es zu erklären, dass sie ohne zu jammern ertragen, dass fantasielose Touristiker das malerische Städtchen Amsterdam als Venedig des Nordens verkaufen? Oder, noch schlimmer, oft alle Niederländer pauschal als Holländer bezeichnet werden. Sie tragen es mit Humor und liefern noch mehr Stoff zum Schmunzeln. Wer durch Amsterdams Blumenmarkt entlang einer Gracht schlendert, findet neben Tulpen-Geschenksackerln etwa auch das Cannabis-Starterset.


Flugpassagiere lassen dieses Souvenir besser dort liegen und genießen Rauchwaren aller Art im Coffeeshop ums Eck. Eigentlich ist seit 2013 der Drogenkonsum für Touristen verboten, aber Lokalpolitiker fanden eine flexible Ausnahmeregelung. Connaisseure unter den Kiffern wählen aus einer Menükarte zwischen White Widow, Skunk und anderen Haschisch-Sorten. So großzügig die Drogenpolitik ist, so streng sind die Rauchergesetze. Darum wird in vielen Coffeeshops nicht mehr geraucht, sondern durch den Vaporizer inhaliert oder ein Marihuana-Milchshake getrunken.


Hollands Monarchen sind wie ihre Bürger im 21. Jahrhundert angekommen. Die liberalen Niederländer haben Homosexualität bereits 1811 entkriminalisiert, als erstes Land der Welt ermöglichten sie homosexuellen Paaren im Dezember 2000 die Eheschließung. Sogar bei den traditionellen Delfter Keramikfiguren finden sich neben den Hetero-Pärchen küssende Jungen- und Mädchenpaare. Da machen manche Touristen große Augen.

Viele Backsteinfassaden der schmalen holländischen Häuser wirken nach vorne geneigt. Das ist keine optische Täuschung, sondern Absicht. Weil die Stiegenhäuser sehr eng sind, müssen Spediteure sperrige Möbel über eine Seilwinde in die oberen Etagen ziehen und durch das Fenster laden. Besonders schön zu sehen in Hoorn, einer pittoresken Stadt am Markermeer nördlich von Amsterdam. Das kleine Lokal Schippershuis inspirierte 1975 Vader Abraham zu einem Hit, den Peter Alexander hierzulande bekannt machte. Das kleine Beisl ist die wienerische Übersetzung von In het kleine café aan de haven, die Melodie blieb gleich, nur der Text klingt etwas anders.


Viele Gebäude stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, als die Oost-Indische und die West-Indische Compagnie mit Gewürzen, Seide und anderen Waren handelten und den Reichtum begründeten. Hunderte Schiffe segelten von der Hauptstadt Westfrieslands über die Weltmeere. Der unerschrockene Kapitän Willem Cornelisz Schouten entdeckte fast 400 Jahre vor GPS und Navigationssystemen eine neue Schifffahrtsroute zur Westküste Amerikas, woran die südlichste Spitze des Kontinents noch heute erinnert. Kap Hoorn, benannt nach der Heimatstadt des Seemanns.


Das Meer wurde zum See. Heute schippern Besucher in Ausflugsbooten über Markermeer und IJsselmeer. Nicht alle sind sich dessen bewusst, dass es sich dabei um künstlich angelegte seichte Süßwasserseen handelt, durch gewaltige Deiche von der Nordsee getrennt. Mehr als die Hälfte der Niederlande liegt fast auf Meereshöhe, 3000 Kilometer Deichanlagen schirmen das Land von Überschwemmungen durch die Gezeiten oder Sturmfluten ab.


Um mehr Boden für die Landwirtschaft nutzbar zu machen, hatten die Holländer schon im Mittelalter ausgeklügelte Entwässerungstechniken entwickelt. Windmühlen trieben Schöpfräder an und legten das Watt trocken. Immer noch sind mehr als 1000 Windmühlen in Holland verstreut, wenngleich die meisten mittlerweile zu urigen Villen oder Hotels umgebaut wurden.

In Kinderdijk stehen gleich 19 majestätische Mühlen aufgefädelt an mehreren Entwässerungskanälen, am besten lässt sich die Anlage per Fahrrad erkunden. Wer bei der nahe dem Parkplatz gelegenen Museumsmühle nicht umdreht, entkommt dem Rummel. Im Juli und August werden wieder alle Mühlen in Betrieb sein, ihre mächtigen Flügel im Wind drehen und wie vor dreihundert Jahren rauschen.